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Darmstadt Gezerre um Kornkreis-Plastik

Die Kornkreis-Plastik des Bildhauers Georg-Friedrich Wolf muss zurück aufs Hochhausdach in der Eschollbrücker Straße: So lautet das Urteil des Landgerichts Frankfurt im Rechtsstreit um das Mitte 2014 entfernte Kunstwerk. Doch der neue Hausbesitzer will nicht nachgeben.

03.11.2015 17:35
Georg-Friedrich Wolfs Werk war 2006 auf dem Dach des „Campino“ montiert worden.

„Ein Stück Rechtsgeschichte“ wird geschrieben rund um das zehnstöckige Haus in der Eschollbrücker Straße 4: Davon ist Georg-Friedrich Wolf überzeugt. Der Bensheimer Bildhauer steht im Brennpunkt eines juristischen Konflikts um das Recht von Künstlern, ihre Werke vor Verfremdung und Veränderung zu schützen.

Das Kunstwerk ist in diesem Fall laut gerichtlicher Feststellung „eine sieben Meter breite Stahlgroßplastik mit einer Unterkonstruktion aus Edelstahl und Carbon und einer Ornamentik“ mit Murano-Glasmosaiken. Die Skulptur stellt englische Kornkreise dar, die von Esoterikern auf Außerirdische zurückgeführt werden. Aber genaugenommen ist nicht Wolfs Plastik allein das schützenswerte Werk. Sondern das gesamte Haus, auf dessen Dach die goldenen Kornkreise in der Sonne schimmerten.

Vor rund zehn Jahren war das Hochhaus von einer Erbengemeinschaft um den Kornkreis-begeisterten Kunstmäzen Henry Nold gekauft, saniert und umgestaltet worden. Gekrönt wurde der „Campino“ getaufte Bau von Wolfs Plastik.

Ende 2012 jedoch verkaufte die Erbengemeinschaft das Haus an den Frankfurter Immobilien-Investor German Sino Capital. Die Kornkreis-Plastik blieb in Nolds Besitz. Im Sommer 2014 entfernte der neue Hauseigentümer das Wolf-Werk vom Dach. „Mir gefällt das Kunstwerk einfach nicht“, sagte der Geschäftsführer der Immobilienfirma, Wingyin Chan, seinerzeit. Die Plastik lagert seither im Untergeschoss des Hochhauses.

Deutliches Urteil der Richter

Doch Nold und Wolf beugten sich nicht. Sie engagierten eine auf Urheberrechtsfragen spezialisierte Rechtsanwältin, Helga Müller aus Frankfurt. Diese erwirkte beim Landgericht Frankfurt zunächst per Eilantrag ein Verbot, die Kornkreise zu zerstören. Für eine Abwägung der Interessen wollten sich die Richter mehr Zeit nehmen. Jetzt liegt ihr Urteil vor.

Kernsatz der Frankfurter Entscheidung: German Sino Capital wird verurteilt, dem Bildhauer Wolf zu gestatten, „die Kornkreis-Plastik unter Verwendung der eigens dazu hergestellten und im Dach verankerten Stahlrohrträger erneut zu installieren“. Vorher müsse das Werk restauriert werden, falls es bei der Entfernung vom Dach beschädigt wurde.

In der Urteilsbegründung betont das Gericht die Bedeutung des Standorts für die Wirkung der Skulptur. „Der Rahmen und das Umfeld, in den der Urheber sein Werk stellt, werden so Teil des Werks selbst.“

Dem Argument der Immobilienfirma, die Plastik könne ebenso gut auf anderen hohen Häusern montiert werden, widersprechen die Richter: Es sei nicht ersichtlich, dass es in Darmstadt einen anderen, gleichwertigen Standort für die goldenen Kornkreise gebe. Das liege insbesondere an der Heinrichstraße, die genau auf die Fassade zuläuft. Bei der Fahrt bergab Richtung Westen sei das Zusammenspiel von Plastik und Fassade lange Zeit zu sehen.

Das Urteil ist deutlich. Doch so rasch wird wohl kein Schwerlastkran anrücken, um die etwa eine dreiviertel Tonne wiegenden Kornkreise wieder aufs Dach zu heben. Geschäftsführer Chan von German Sino Capital habe sich telefonisch bei ihm gemeldet und angekündigt, er werde „bis zum letzten Euro“ gerichtlich gegen eine Rückkehr der Plastik kämpfen, berichtet Wolf am Dienstag.

Aber auch Wolf und Nold sehen nach dem Frankfurter Urteil keinen Grund für einen Rückzieher. Möglicherweise wolle Chan in dem Konflikt vor allem sein Gesicht wahren, mutmaßt der Bildhauer. Ihm aber gehe es darum, auch andere Künstler zu ermutigen. „Wir wollen ein Musterurteil für die gesamte Kunstwelt erwirken.“ (bad)

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