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Darmstadt Ernst Ludwig und seine Liebhaber

Ein neues Buch enthüllt die bisher weniger bekannte homoerotische Seite des vor 80 Jahren verstorbenen letzten hessischen Großherzogs. Er regierte von 1892 bis 1918.

Ernst Ludwig
Ernst Ludwig (r.) und Alexander von Frankenberg und Ludwigsdorf - Foto aus ihrem "Poetischen Freundschaftstagebuch". Foto: NASSER AMINI

Der letzte hessische Großherzog Ernst Ludwig, der am vergangenen Samstag vor 149 Jahren geboren wurde und von 1892 bis 1918 regierte, ist im Darmstädter Stadtbild noch immer sehr präsent. Am Eingang zum Darmstädter Schloss und an der Decke des „Fürstenzimmers“ im Hochzeitsturm auf der Mathildenhöhe prangen noch seine Monogramme mit den goldfarbenen und kunstvoll gestalteten Buchstaben EL.

Zu Ehren der Vermählung des Großherzogs mit seiner zweiten Frau, Prinzessin Eleonore zu Solms-Hohensolms-Lich, im Jahr 1905 ließ die Stadt 1907/08 nach einem Entwurf des Architekten Joseph Maria Olbrich den Backsteinturm auf der Mathildenhöhe errichten. In der Eingangshalle des Turms, heute für Trauungen genutzt, befinden sich zwei Mosaiken von Friedrich Wilhelm Kleukens – „Der Kuß“ und „Die Treue“. Unter dem Treue-Mosaik sind die Namen von Ernst Ludwig und Eleonore zu lesen.

Doch mit der Treue des früheren und einst in Darmstadt hochverehrten Förderers der bildenden Kunst und des Jugendstils war das so eine Sache. Zum einen nahm es der Regent mit ihr offenbar nicht so genau. Und überdies hatte Ernst Ludwig ein durchaus facettenreiches Treueverständnis, denn er war nicht nur Frauen, sondern schon seit jungen Jahren wohl eher Männern zugeneigt.

Dies geht aus einem neuen Buch hervor, das die Griesheimer Autorin Barbara Hauck am Mittwochabend im Fürstenzimmer des Hochzeitsturms vorgestellt hat. Hauck hat schon 2010 unter dem Titel „Ludwigslust“ über „unstandesgemäße Liebschaften im Hause Hessen-Darmstadt“ berichtet. Doch die neue Publikation, an der die frühere Gymnasiallehrerin und Redakteurin drei Jahre lang gearbeitet hat, ist keine seichte Unterhaltungsliteratur, sondern basiert auf einsehbaren Quellen aus verschiedenen staatlichen Archiven und auf zeitgenössischen Publikationen.

Auf diese Weise kam nach den Worten Haucks „lange im Verborgenen Ruhendes zutage“, obwohl ihr „auch heute noch so manche Tür“ verschlossen geblieben sei. Über das Liebesleben Ernst Ludwigs und seine Liebhaber, die er etwa zu seinen Flügeladjutanten machte oder sogar adelte, habe es immer wieder Gerüchte gegeben. Auf der Insel Capri – daher der Buchtitel „Capriolen“ – trafen sich einst Industrielle, Maler und Adelige, um ihren homoerotischen Neigungen nachzugehen. Unter ihnen, so schreibt Hauck, sei auch der vor 80 Jahren verstorbene hessische Großherzog gewesen, der „auf heiklen Pfaden“ gewandelt sei.

Während im wilhelminischen Reich der homosexuelle Verkehr unter Strafe stand – erst 1994 wurde der diskriminierende Paragraf 175 im Strafgesetzbuch abgeschafft –, war dies in Italien nicht der Fall.

Die Autorin zeichnet ein vielschichtiges Bild des privaten Ernst Ludwig, der kurz vor der Scheidung von seiner Frau Victoria Melita auf Capri seine „Leidenschaft für Jünglinge“ ausgelebt und sich im Palais in Darmstadt mit dem männlichen Personal vergnügt habe. Von den Eskapaden auf der „Insel der Sirenen“ erfuhr offenbar auch Italiens König Viktor Emanuel III., wie aus einem Brief des deutschen Botschafters in Rom im Bundesarchiv hervorgeht. Hauck will die Affären nicht moralisch bewerten, sondern „Einblicke in seine Gefühlswelt, seine Vorlieben und seine Freundschaften“ geben, die beim Betrachten der öffentlichen Person nicht zum Tragen kämen.

Geradezu anrührend, poetisch und schwärmerisch sind etwa die Zeilen, die der 18-jährige Ernst Ludwig mit seinem Jugendfreund und Regimentskameraden Alexander von Frankenberg und Ludwigsdorf von Mai 1887 bis Dezember 1888 für ein Gedicht-Album verfasst hat. Von Treue bis zum Tod, langen Umarmungen und Küssen ist die Rede. So dichtet Ernst Ludwig etwa am 12. Mai 1887 an seinen geliebten Alex: „Du weißt es nicht, wie ich dich liebe, Und wissend würdest du’s glauben nicht, Dass in mir wären solche Triebe, Wovon zu sprechen ich wage nicht.“ Ein verblichenes Schwarz-Weiß-Foto zeigt die beiden Regimentskameraden, darunter klebt als Einrahmung getrocknetes Heidekraut – das noch heute lila schimmert.

Barbara Hauck stellt ihr neues Buch „Capriolen“ am Donnerstag, 30. November, 20 Uhr, in der Buchhandlung Schlapp, Heidelberger Landstraße 190, in Darmstadt-Eberstadt vor. Der Eintritt kostet fünf Euro.

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