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Darmstadt Eine Brücke in den Alltag

Ein kreativer Sprachführer zweier Darmstädterinnen schließt eine Lücke in der Flüchtlingshilfe. Der Sprachführer richtet sich an Flüchtlinge und ihre Helfer.

29.03.2016 17:45
Standardsätze, Fotos und Piktogramme sollen die Kommunikation erleichtern. Foto: Claus Völker

Da stehen sie sich nun gegenüber, der syrische Flüchtling und die deutsche ehrenamtliche Helferin – sprachlos. Er versteht kein Englisch und sie kein Arabisch. Wie soll sie sich mit ihm verständigen, wenn gerade keiner der viel beschäftigten Dolmetscher in der Nähe ist? Auf Dauer reichen Handzeichen und ein freundliches Lächeln nicht aus.

Künftig könnte die Begegnung folgendermaßen ablaufen: Die Helferin holt ein Büchlein hervor und deutet auf einen der vorgefertigten Sätze, die in drei Sprachen abgedruckt sind, nämlich auf Deutsch, Englisch und Arabisch. „Was brauchen Sie?“ Er antwortet stumm, indem er seinen Finger auf einen arabischen Satz legt, dessen deutsche Übersetzung die Helferin ablesen kann: „Ich brauche Essen für das Baby“ oder „Ich suche meine Familienangehörigen“. Das Heftchen enthält nämlich die Grundausstattung für einfache Dialoge.

Die freischaffenden Kommunikationsdesignerinnen Stefanie Scholz und Christine Traiser haben den Sprachführer für Flüchtlinge und ihre Helfer entwickelt. Dass es Bedarf gibt, merkte Stefanie Scholz beim Willkommens- und Sprachcafé „Come together“ mit Flüchtlingen in der Paulusgemeinde. Christine Traiser wurde von ihrer Tochter, die Stockbetten in der Notaufnahme Starkenburg-Kaserne aufbaute, auf das Verständigungsproblem aufmerksam gemacht. Man behalf sich mit Zetteln, auf denen immer wiederkehrende Sätze standen.

Die Darmstädterinnen dachten sich Szenarien aus, um Verben und einfache Sätze für bestimmte Situationen zusammenzustellen. So gibt es im Heft eine „Putzteufelseite“, auf der Reinigungsutensilien abgebildet und benannt sind. Die Designerinnen verwenden aber auch Piktogramme, selbstgemachte Fotos, vorwiegend aus Darmstadt, und Abbildungen von Lebensmitteln, mit deren Hilfe Flüchtlinge ohne Deutsch-Kenntnisse einkaufen gehen können. Die Fotos haben die Frauen in ihrem Umfeld gemacht. Stefanie Scholz’ Sohn musste dafür ebenso herhalten wie Christine Traisers Hund.

Auflage von 10 000 Stück

Flüchtlinge mit Smartphone oder Tablet können die im Heft angegebenen Apps aktivieren: Beiträge des Goethe-Instituts, das deutsche Grundgesetz, die Internetseite des Bundestags (auf Englisch) und die „Welcomegrooves“, ein akustischer Sprachkurs mit Musikuntermalung.

Warum ein solcher Sprachführer bisher fehlte, können sich die Frauen nur so erklären: Alle Kommunen und Organisationen, die mit der Flüchtlingsunterbringung zu tun haben, sind überlastet und haben dafür keine Zeit. „Aber jetzt haben sie was in der Hand“, frohlocken die beiden. Die ersten Exemplare sind an Darmstadts unabhängige Buchhandlungen ausgeliefert. Die Auflage – 10 000 Stück – ist aufgeteilt in 6000 Exemplare auf Deutsch-Englisch-Arabisch, 2500 auf Farsi und 1500 auf Urdu. Stefanie Scholz und Christine Traiser sprechen keine dieser Sprachen, sind aber als Designerinnen begeistert von den geschwungenen, ästhetisch schönen Schriftzeichen. Sie ließen sich die Texte von einem Bad Vilbeler Dolmetscherbüro übersetzen und baten eine in England lebende Freundin, die Richtigkeit zu überprüfen.

Ein halbes Jahr hat es gedauert, bis ihre drei Sprachführer „Hallo – Erste Worte für einen guten Anfang“ druckreif waren. Das war mit viel Arbeit, aber auch viel Spaß verbunden. Für die Herstellung investierten die Frauen ihr eigenes Kapital. Sie wollten keinen Sponsor, weil die Heftchen neutral sein sollen. Allerdings nahmen sie schon vor der Fertigstellung Vorbestellungen entgegen, etwa von der Stadt Rüsselsheim und von Buchhandlungen.

Ein Sprachführer kostet zwei Euro. Wer 100 Stück bestellt, erhält eine Ermäßigung. In den nächsten Wochen wollen Stefanie Scholz und Christine Traiser bei Kommunen, Hilfsorganisationen, Vereinen und Kirchengemeinden Werbung für ihre Sprachführer machen. Wenn das Feedback positiv ausfällt, werden sie einen vierten Sprachführer auf Tigrinya (Eritreisch) herausgeben.

Informationen zu den Sprachführern gibt es im Internet auf der Seite www.pointandtalk.de. Erhältlich sind sie in der Arheilger Bücherstube, dem Bessunger Buchladen, der Buchhandlung Artemis, der Buchhandlung Lesezeichen, der Büchergilde Buchhandlung am Markt und dem Georg-Büchner-Buchladen. (pyp)

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