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Darmstadt-Dieburg Lokführer brauchen oft Hilfe

Krisenberaterinnen begleiten Bahn-Mitarbeiter im Umgang mit Suiziden und Übergriffen.

Krisenteam
Vias- Krisenteam: Thomas Pfeifer, Martina Marton, Sybille Diehl und Marijana Hristova (von links). Rolf Oeser Foto: Rolf Oeser

Anfangs konnte Martina Marton nachts nicht schlafen, wenn sie an der Reihe war, das Notfallhandy zu haben. Jeden Moment könnte es klingeln, und sie könnte zu einem Selbstmord auf den Schienen gerufen werden. Rein statistisch wird jeder Lokführer mindestens einmal während der Arbeit mit einem Schienensuizid konfrontiert. Im Jahr passiert es etwa beim Frankfurter Eisenbahnunternehmen Vias zwei bis dreimal, dass jemand auf den Gleisen zu Tode kommt.

Marton, Zugbegleiterin bei der Vias, die Odenwaldbahn und Rheingau-Linie betreibt, arbeitet gemeinsam mit drei Kolleginnen seit sieben Jahren im Team der Vias-Krisenberatung. Die Frauen tun dies zusätzlich und unentgeltlich zu ihrem regulären Dienst. Dafür wurden sie am Donnerstag von Finanzminister Thomas Schäfer (CDU) im Auftrag des Landes Hessen als Menschen des Respekts ausgezeichnet. Sie seien ein Vorbild für uns alle, sagte er am Bahnhof in Pfungstadt (Kreis Darmstadt-Dieburg).

Unterstützt werden Martina Marton, Sybille Diehl, Marijana Hristova und Michaela Palme von Lokführer und Betriebsrat Thomas Pfeifer, der 2011 die Idee hatte, die Seelsorge von Kollegen für Kollegen zu gründen. Sie sei ein ergänzendes Angebot zum Notfallmanagement des Unternehmens und in ihrer Art die erste, sagt Geschäftsführer Franz Reh.

Wenn das Handy klingelt, fahren Marton oder ihre Kolleginnen zur Unfallstelle oder zum Ort eines tätlichen Übergriffs. Denn auch bei Attacken auf Zugbegleiter stehen sie den Opfern zur Seite. Sie begleiten sie nach Hause, hören ihnen zu. Kürzlich sei eine Zugbegleiterin Zeugin geworden, wie ein Mädchen von seinem Freund in der Bahn bespuckt wurde. „Als sie ihn darauf ansprach, drehte er sich um und gab ihr eine Backpfeife“, berichtet Diehl. „Ich lasse mir erzählen, was derjenige gefühlt hat, biete Hilfestellung an und informiere, was man tun könnte.“ Das Team hat sich ein Netzwerk von Anlauf- und Informationsstellen aufgebaut und arbeitet mit dem Zentrum für seelische Gesundheit in Erbach zusammen. Auch bildet man sich weiter, etwa in der Suchtberatung. Denn längst sind die Frauen in psychosozialen Notlagen aller Art bei ihren Kollegen gefragt. „Oft kommen private Probleme hinzu“, sagt Marton. Betriebsleiter Reh sieht den Vorteil darin, dass man sich kennt. 130 Mitarbeiter habe Vias, 90 seien Lokführer und Kundenbetreuer.

„Das Vertrauen, das einem entgegengebracht wird, ist groß“, sagt Diehl. Anfangs, nach der gemeinsamen Seelsorgeausbildung, habe sie sich nicht vorstellen können, mitzumachen, gesteht sie. Heute wolle sie nicht mehr aufhören, weil es so ein gutes Gefühl sei, jemandem helfen zu können.

Da die Zahl der Übergriffe auf Zugbegleiter steige, aggressives Verhalten bei Fahrgästen zunehme und die Hemmschwelle sinke, werden derzeit drei weitere Seelsorger ausgebildet, sagt Pfeifer.

Zunehmend gerieten Lokführer bei Schienenunfällen ins Visier der Ermittler, kritisiert Reh. Oder in der Öffentlichkeit heiße es, der Lokführer habe nicht rechtzeitig bremsen können. Damit werde ihnen eine Schuld unterstellt, die sie nicht hätten. „Bei 140 Stundenkilometern und einem Bremsweg von 700 Metern ist es gar nicht möglich anzuhalten“, sagt Reh. Da könne man den Kollegen nur raten: bremsen, pfeifen, wegschauen. Sonst präge sich das Bild des Getöteten ein, was traumatisierend wirke.

In seltenen Fällen könnten Lokführer nach einem solchen Schock nie wieder fahren. Um dies zu verhindern, werden sie bei Bedarf bis zu sechs Wochen nach dem Unglück von den Seelsorgerinnen betreut, sagt Reh. Haben diese den Eindruck, dass eine weitergehende Beratung benötigt wird, verweisen sie an den Betriebspsychologen, der beurteilen muss, ob ein Lokführer wieder diensttauglich ist.

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