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Darmstadt-Dieburg Inklusion vor hohen Hürden

Die Ernst-Reuter-Gesamtschule in Groß-Umstadt ist ein Musterbeispiel für Inklusion. Für viele andere Schulen im Landkreis ist der gemeinsame Unterricht von Behinderten und Nicht-Behinderten aber noch problematisch.

24.05.2013 21:38
Behinderte und nicht-behinderte Kinder werden an der ERS gemeinsam unterrichtet. Foto: Karl-Heinz Bärtl

Es ist normal, verschieden zu sein. Von diesem Gedanken ausgehend, will Inklusion in der Schule erreichen, dass behinderte Kinder genauso nach ihren Möglichkeiten gefördert werden wie nicht-behinderte Kinder. Die Ernst-Reuter-Gesamtschule (ERS) in Groß-Umstadt ist bereits auf diesem Weg. Alle sind voll des Lobes: der Schulleiter, das Staatliche Schulamt, Kreis- und Landespolitiker sowie die Evangelische Hochschule in Darmstadt, die wissenschaftlich auswertet, was die ERS als Vorreiter schulischer Inklusion bereits an Erfahrungen sammelt.

„Das hier ist bei uns einmalig“, sagt Schulamtsleiter Ralph von Kymmel für den Landkreis und die Darmstädter Schullandschaft. Während vielerorts noch über Inklusion theoretisiert wird, ist das gemeinsame schulische Miteinander von Behinderten und Nicht-Behinderten an der Schule in Groß-Umstadt bereits gestartet.

Doch nur wer hinter die Kulissen schaut, erkennt dort – hinter viel Gutem – auch Fragwürdiges. Bemerkenswert ist beispielsweise, dass zwar knapp eine Handvoll Schulen im Landkreis die Inklusion bei sich einführen wollte, alle anderen aber absprangen, als sie die konkreten Auswirkungen vor Augen geführt bekamen.

Oft fehlt geeignetes Personal

Nicht nur, dass auf dem Schulgelände nach und nach alle Bereiche behindertengerecht um- und ausgebaut werden müssen. Es geht auch ums Personal. „Wir haben keine einzige Lehrerstelle zusätzlich“, sagt Ernst-Reuter-Schulleiter Matthias Hürten mit einer Mischung aus Stolz und Frust. Weil die ERS aber schon zuvor eine große Förderschulabteilung hatte und diese auflöste, können diese speziell geschulten Lehrer nun fürs inklusive Lernen eingesetzt werden. Diese günstige Personalsituation hat freilich kaum eine andere der 80 Schulen im Kreis zu bieten. Dafür explodieren beim Sozial- und Jugendamt des Kreises die Ausgaben. Viel mehr betroffene Familien beantragen inzwischen die individuelle Förderung ihres behinderten Kindes. Der Kreis meldet allein in diesem Sektor einen Anstieg von 72 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Durch diese und weitere Maßnahmen seien Mehrausgaben von ein bis zwei Millionen Euro pro Jahr entstanden, schilderte Kreis-Sozialdezernentin Rosemarie Lück (SPD) beim Rundgang durch die ERS, die zum inklusiven Tag der offenen Tür mehr als 100 Interessierte begrüßen konnte. Auch Kreis-Schuldezernent Christel Fleischmann (Grüne) zeigte sich beeindruckt. Wie viel ein behindertengerechter Ausbau aller Schulen im Kreis kosten würde, ist noch nicht einmal absehbar. Bereits erkennbar sind hingegen Fehlentwicklungen. „In manchen Klassen sitzen – neben dem Lehrer – vier oder fünf persönliche Assistenten, wobei jeder nur für seinen behinderten Schüler zuständig ist. Ist einer dieser Assistenten krank, kümmern sich nicht etwa die vier anderen mit um das fünfte behinderte Kind; vielmehr muss dann ein fünfter Assistent organisiert werden“, schildern Fleischmann („Das ist der totale Wahnsinn“) und Lück.

Dank einer Spende der Software-Stiftung wertet die Evangelische Hochschule Darmstadt die Erkenntnisse aus Groß-Umstadt aus; dank eines Honorarvertrags darf das Landratsamt diese Ergebnisse für die Schulpolitik nutzen. Kreis und Hochschule ist dabei klar: Damit ein schwerbehindertes Kind nach der Kita auch in die nächstgelegene Grundschule und womöglich auch weiterführende Schule gehen kann, muss sich sehr viel ändern. Viele Hürden auf dem Weg zur Inklusion sind erkennbar; die Veranstaltung in Groß-Umstadt schien den Akteuren nicht der passende Anlass, öffentlich darauf hinzuweisen. (piz.)

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