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Darmstadt Berufsverbot für geschätzte Mediziner

Eine Ausstellung zum Approbationsentzug jüdischer Ärztinnen und Ärzte macht Station im Offenen Haus, dem Evangelischen Forum, in Darmstadt.

Max Rosenthal
Max Rosenthal, dem Darmstädter Chirurgen wurde Ende September 1938 die Approbation entzogen. Foto: stadtarchiv da

Der Mediziner Max Rosenthal war in Darmstadt „allgemein als tüchtiger Operateur anerkannt“. Zeitzeuge Karlheinz Rößling berichtet, dass er „bei allen Patienten und deren Angehörigen großes Vertrauen genoss“. Er sei „auch stets in besonderen Notfällen, zum Beispiel bei der Geburt von Zigeunerkindern“ „großzügig und hilfsbereit“ gewesen. Er hatte eine „ausgeprägte soziale Gesinnung“ und sei „in Glaubensfragen offen und tolerant“ gewesen, erinnert sich Rößling. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Darmstadt und das Evangelische Dekanat Darmstadt-Stadt erinnern vom kommenden Donnerstag, 25. Oktober, an in einer Veranstaltungsreihe an den Approbationsentzug jüdischer Ärztinnen und Ärzte vor 80 Jahren.

Im Rahmen der Reihe wird am Donnerstag um 19 Uhr im Offenen Haus, dem Evangelischen Forum in Darmstadt, die Ausstellung mit dem Titel „Fegt alle hinweg“ eröffnet. Die in Bayern entstandene Schau ist in den vergangenen zehn Jahren an mehr als 40 Orten gezeigt worden. Sie greift Schicksale von Ärztinnen und Ärzten jüdischen Glaubens auf, die beispielhaft für die Unmenschlichkeit und Grausamkeit der nationalsozialistischen Terrorherrschaft stehen. Die Darmstädter Präsentation wird um Schautafeln über das Schicksal von Ärzten aus Darmstadt und der Umgebung erweitert.

Für Godehard Lehwark, den geschäftsführenden Vorsitzenden der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Darmstadt ist die Schau „ein besonderer Höhepunkt in der Arbeit der Gesellschaft, die seit fast sechseinhalb Jahrzehnten Erinnerungsarbeit in der Stadt leistet“.

Am 30. September 1938 verloren jüdische Ärztinnen und Ärzte in Deutschland per Gesetz ihre Approbation und erhielten Berufsverbot. Ab 31. Januar 1939 betraf dies auch die jüdischen Zahnärzte, Tierärzte und Apotheker. 1933 gab es in Deutschland etwa 8000 jüdische Ärztinnen und Ärzte. In Darmstadt waren nach Recherchen von Lehwark, Gisela Steitz-Doerr und Michaela Rützel Anfang der 1930er Jahre etwa fünf Prozent der Ärzte jüdischer Herkunft. Viele Ärzte konnten noch rechtzeitig fliehen, doch einige wurden auch ermordet. An elf jüdische Ärzte aus Darmstadt und Umgebung wird durch eigene Tafeln erinnert.

So können die Besucher der Ausstellung erfahren, dass sich Max Rosenthal 1919 als Facharzt für Chirurgie und Frauenheilkunde in Darmstadt niederließ und in den folgenden Jahren seine Praxis zur Privatklinik erweiterte, die sich gut entwickelte. In jüdischen wie in christlichen Kreisen sei die Klinik, die er zusammen mit seiner zum Judentum übergetretenen Ehefrau Johanna leitete, „anerkannt und geschätzt gewesen“. Rosenthal engagierte sich auch in der Liberalen Israelitischen Religionsgemeinde. Mehrere Jahre gehörte er auch dem Vorstand an. Der Entzug der Kassenzulassung für jüdische Ärzte im April 1933 traf die Einrichtung unmittelbar. Das Einkommen verringerte sich sofort um die Hälfte. Und infolge der antijüdischen Propaganda, die Deutsche ultimativ dazu aufforderte, jüdische Ärzte zu meiden, blieben auch die Privatpatienten aus. Nur mit Hilfe von Hypotheken, so Steitz-Doerr, habe Rosenthal die Klinik zunächst fortführen können. In dem Gebäude wurde später ein jüdisches Altersheim untergebracht. Nach dem Entzug der Approbation starb der angesehene Mediziner ein Jahr später am 3. November 1939 an den Folgen eines zweiten Schlaganfalls im Alter von nur 55 Jahren.

Zur Ausstellung, die bis zum 30. November zu sehen ist und montags bis donnerstags von 10 bis 18 Uhr und freitags bis 16 Uhr im Offenen Haus, Rheinstraße 31, gezeigt wird, gibt es einige Begleitveranstaltungen. Am Dienstag, 30. Oktober, werden von 17.30 Uhr an Führungen durch die Ausstellung angeboten. Und am 7., 21. und 29. November stehen Vorträge und Diskussionen mit dem Medizinhistoriker Georg Lilienthal, dem Mediziner Hans Joachim Landzettel und der Antisemitismusforscherin Franziska Krah auf dem Veranstaltungsprogramm. Weitere Infos im Internet unter www.jahrestag-approbationsentzug.de, www.christenundjuden-darmstadt und www.evangelisches-darmstadt.de.

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