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Darmstadt Allein unter Pinguinen

Christine Preißmann ist Autistin und Ärztin. Mit Büchern und Vorträgen will sie aufklären.

Preißmann
Christine Preißmann war im März in der Antarktis. Foto: privat

Einmal in die Antarktis reisen, das war ihr größter Wunsch. Jetzt hat sie ihn sich erfüllt: drei Wochen Schiffsfahrt von Südamerika aus – davon eine Woche zwischen Pinguinen in Schnee und Eis des Südpols. „Es war ein Traum“, sagt Christine Preißmann. Von den Mitreisenden auf dem Schiff zog sie sich allerdings lieber zurück, etwa beim Abendessen: „Gleichzeitig mit sieben Menschen an einem Tisch sitzen und essen, das ist schwierig“, sagt sie. Dann lieber alleine mit einem Käsebrot auf dem Aussichtsdeck den Buckelwalen und Pinguinen zusehen.

Christine Preißmann hat das Asperger-Syndrom, eine Störung aus dem Autismus-Spektrum. Kontakte zu anderen zu knüpfen und Freundschaften zu unterhalten, Smalltalk, das Verstehen von Redewendungen, Einschätzen von Mimik und selbst den Blickkontakt zu halten – das sind Dinge, mit denen die 47-Jährige Darmstädterin Probleme hat. „Redewendungen musste ich auswendig lernen“, sagt sie. Früher etwa sei sie erschrocken, wenn es hieß, dass die Bürgersteige hochgeklappt werden. Denn sie nimmt so etwas wörtlich. Auch mit Veränderungen hat sie Probleme, Unpünktlichkeit ist ihr ein Gräuel.

Wie bei vielen Frauen wurde auch bei Christine Preißmann der Autismus erst spät erkannt. Mit 27 Jahren erhielt sie diese Diagnose durch Zufall, als sie sich wegen Depressionen in psychotherapeutische Behandlung begeben hatte. „Das war eine große Erleichterung für mich“, erinnert sie sich. Plötzlich war klar, warum sie zeitlebens Schwierigkeiten hatte, mit ihren Mitmenschen zurechtzukommen. „Schon in der Schule stand ich meist abseits“, erzählt sie. „Während sich die anderen Mädchen über Kleidung, Musik oder Jungs unterhielten, interessierte ich mich für Weihnachtsmärkte, Pläne aller Art und große Flughäfen.“ Sie fühlte sich wie von einem anderen Planeten. Auch heute wird sie noch schief angeguckt, wenn sie im Sommer bei heruntergelassener Scheibe im Auto lautstark „Stille Nacht“ mitsingt.

Trotz negativer Prognose ihrer Lehrer absolvierte Preißmann ihr Medizinstudium in Frankfurt und arbeitet heute als Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapie in einer Klinik für Suchtkranke in Heppenheim an der Bergstraße. Der Autismus sei dafür kein Hindernis: „Wenn jemand Schmerzen hat, ist zu viel Einfühlungsvermögen nicht hilfreich“, findet sie. „Gebraucht wird ein besonnener Arzt, der anpackt.“

Vorträge sind meist ausgebucht

Christine Preißmann packt auch in eigener Sache an. Sie reist durch die Republik, um über Autismus aufzuklären. Ihre Vorträge sind meist ausgebucht, auch in Österreich und sogar in Namibia hat sie vor einem großen Publikum gesprochen. Wegen des enormen Informationsbedarfs plant sie für 2019 eine Vortragsreise nach Chile. Das Reden vor großen Menschenmengen fiel ihr anfangs schwer, sie habe jedes Wort abgelesen. Inzwischen sei das meiste Routine.

Auch zahlreiche Bücher hat sie zum Thema verfasst. Ihr neuestes Werk „Autismus und Gesundheit“ erscheint im Juni. Auf 200 Seiten beschäftigt sie sich unter anderem mit dem Problem, dass autistische Menschen oftmals von Ärzten nicht gemocht würden. „Weil sie als Patienten lange brauchen, um ihr Anliegen zu schildern, und abweisend wirken.“ Preißmann rät, die Symptome vorher aufzuschreiben, um sie dann dem Arzt vorzulesen oder zu überreichen. Auch sei es hilfreich, die eigenen Auffälligkeiten der Umwelt mitzuteilen.

Christine Preißmann will dafür sensibilisieren, Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Autismus zu erkennen, ihre besonderen Fähigkeiten zu fördern und sie auf ihrem Lebensweg zu unterstützen. „Oft begegnet man uns mit sehr viel Unverständnis“, sagt sie. „Wir werden gemieden und beschimpft oder als unhöflich bezeichnet, was uns immer wieder wehtut.“ Doch das Schlimmste sei die Einsamkeit.

Da es kaum Beratungsangebote für Erwachsene gebe, zieht Preißmann in Erwägung, selbst eine Beratungsstelle zu gründen. Dorthin könnten sich auch Menschen wenden, die bei sich oder Angehörigen eine autistische Störung vermuten.

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