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Darmstadt Adieu, Tristesse

Der Neu-Isenburger Graffiti-Sprayer Kai Lippok besprüht in offiziellem Auftrag das Luisencenter. Über Facebook war Lippok auf die Ausschreibung des Luisencenters aufmerksam geworden, das einen kreativen Kopf für die Verzierung einer grauen Außentreppe suchte.

29.08.2014 19:00
Kai Lippok verschönert mit Grafitti eine Seite des Luisencenters. Foto: André Hirtz

Ein kleines Spektakel ist es schon, das sich dieser Tage am Seiteneingang des Darmstädter Luisencenters in der Wilhelminenstraße beobachten lässt – Graffiti-Sprayer lassen sich oft nicht bei ihrem Schaffen über die Schulter schauen. Kai Lippok aus Neu-Isenburg ist jedoch ganz offiziell hier und bekam für die Umsetzung seines Werks gar eine Hebebühne zur Verfügung gestellt.

Über Facebook war Lippok auf die Ausschreibung des Luisencenters aufmerksam geworden, das einen kreativen Kopf für die Verzierung einer grauen Außentreppe zu engagieren suchte. Im Vorstellungsgespräch konnte er die Verantwortlichen dann von seinem Talent und seinen Ideen überzeugen, sodass nun ein imposantes Panorama der Darmstädter Attraktionen entsteht: Weißer Turm, Kuppelkirche, Büchnerplatz.

„Es gab verschiedene Ideen, von abstrakten geometrischen Formen bis zur genauen Darstellung. So ist ein Kompromiss entstanden“, beschreibt Lippok seinen Stil. Die Zeichnungen sind authentisch und lassen sich gut ihren realen Vorbildern zuordnen, bei Kolorierung und Maßstab ging Lippok dafür fantasievoll vor.

Durchdachte Vorbereitung

Der Hintergrund der Collage blüht in feuerrot, blau und weiß, später soll auch das blau-grüne Logo des Luisencenters mit eingearbeitet werden. Der Grund für Lippoks detailgetreue Sprühkunst liegt in durchdachter Vorbereitung: „Zuerst habe ich alle Bauwerke fotografiert, anschließend mit Photoshop die Collage erstellt und nach meinem Gusto bearbeitet“, sagt der Künstler über seine Planungstätigkeit.

Die tatsächliche Umsetzung mit der Sprühdose erfolgt nun in dieser und der kommenden Woche. Nach dem Skizzieren werden die Flächen farbig ausgefüllt, mit einem Lineal Details und Linien hinzugefügt. Ein Hingucker ist es im wahrsten Sinne des Wortes, wenn der bärtige Lockenschopf in Baggys und mit Sprühwerkzeug bewaffnet live in der Fußgängerzone Kunst macht.

Kaum einer der Vorübergehenden kann es sich verkneifen, nicht zumindest einen Blick auf das Geschehen zu werfen. „Es ist schön, wenn ein bisschen Farbe in die Stadt hereinkommt“, sagt ein Passant. „Dosiert würde ich mehr davon begrüßen – vieles ist doch sehr trostlos.“ Dies ist auch der größte Ansporn für den Autodidakten Lippok, der seit knapp 15 Jahren sprayt.

Oft nur noch funktional und steril

„Die Architektur ist heute oft nur noch funktional und steril“, sagt er. „Farben gehen verloren, es gibt nur noch grau und schwarz-weiß.“ Um dem entgegenzuwirken, arbeitet der Kunstpädagogik-Student sechs Stunden täglich an der Treppe. Um die 25 Quadratmeter große Fläche zu füllen, sollen unter anderem noch das Hundertwasserhaus, der Lange Lui, der Fünffingerturm und das Lilien-Wappen ihren Platz finden.

Zwischendurch halten auch die Eltern des 27-Jährigen eine Stippvisite ab, um sich ein Bild vom Bild ihres Sohnes zu machen. Ob die künstlerische Ader vererbt sei? „Das Filigrane habe ich vielleicht von Mama, das Derbe, Gestische von Papa“, mutmaßt der Künstler lachend.

Das Ehepaar Lippok sieht das Kunstwerk des Sprösslings mit Stolz, ist aber auch besorgt, dass es womöglich von Amateuren beschmiert werden könnte. „Darauf habe ich natürlich keinen Einfluss“, sagt der Künstler. Allerdings sei ein Effekt von Auftragsarbeiten auch, Schmierfinkentum vorzubeugen.

Die Darmstädter, die an diesem Nachmittag über die Wilhelminenstraße flanieren, sind ohnehin begeistert. Eine ältere Dame spendet Lippok auf seiner Hebebühne symbolisch Applaus. Und schon ist die Stadt ein bisschen weniger grau. (eda)

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