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Behinderte in Darmstadt-Dieburg Behindertenwohnprojekt ausgezeichnet

Das Wohnprojekt für geistig Behinderte der Nieder-Ramstädter Diakonie erhält eine Auszeichnung. 16 Menschen mit erhöhtem Betreuungsbedarf leben auf einer Hofreite in Reinheim-Ueberau.

Wohnprojekt der Nieder-Ramstädter Diakonie
Sabine Seibel betreut Jörg Steiner, der im Wohnprojekt Reinheim-Ueberau lebt. Claudia Kabel Foto: Claudia Kabel

Bis vor zwei Jahren lebten die neuen Bewohner der Hofreite in Reinheim-Ueberau (Landkreis Darmstadt-Dieburg) in Anstaltsverhältnissen: Einzelzimmer auf langen Fluren – abgeschlossen, denn es bestand Weglauftendenz. Gemeinschaftsbäder ohne Intimssphäre, Esssäle.

Jörg Steiner ist einer dieser Bewohner mit einem komplexem Hilfebedarf. Er ist geistig behindert. Heute sitzt er in seinem individuell eingerichteten Zimmer und blickt in den Garten an der Gersprenz. Er freut sich auf den nächsten Ausflug zum Luftballongeschäft im Nachbarort. Dort will er jeden Tag hin. Früher traute er sich nicht hinaus, sagt Sabine Seibel, Leiterin des Wohnverbunds. „Es ist fantastisch zu sehen, wie sich Menschen entwickeln, wenn sie in einer neuen Wohnsituation leben“, schwärmt sie. Bisher sei auch keiner weggelaufen.

Das Wohnprojekt der Nieder-Ramstädter Diakonie (NRD) ging 2016 als erstes regionales Projekt für eine sogenannte Intensivgruppe an den Start. 16 Menschen mit besonderen Verhaltensweisen, wohnen jetzt in einem Doppelhaus mit insgesamt sieben unterschiedlich großen Wohnungen. Die alte Hofreite, früher im Besitz der Stadt, die lange keinen Investor für das denkmalgeschützte Ensemble fand, wurde von der NRD erworben und umgebaut.

Jetzt erhielt das Projekt den mit 1000 Euro dotierten zweiten Preis der Deutschen Heilpädagogischen Gesellschaft (DHG). Der Verein mit Sitz in Düsseldorf will den Blick der Öffentlichkeit auf die Lebenslagen von Menschen mit geistiger Behinderung und hohem Unterstützungsbedarf lenken. Beispiele innovativer und guter Praxis sollen bekannt gemacht und verbreitet werden. „Dieses Projekt stieß bundesweit auf großes Interesse“, sagt Christian Bradl, stellvertretender Vorsitzender der DHG bei der Preisverleihung am Dienstag. Das Recht auf Teilhabe alleine genüge nicht. Es brauche auch Engagement der Akteure und fachliche Kompetenz. In diesem dörflichen Umfeld werde den Bewohnern ein Leben in einem ganz normalen Gemeinwesen ermöglicht.

„Wir sind hier offen aufgenommen worden“, sagt Seibel. Allerdings gebe es hin und wieder auch Konflikte mit den Nachbarn, die es nicht gewöhnt seien mit Menschen mit Behinderten umzugehen. Beispielsweise gab es Beschwerden, weil manche Bewohner nackt im einsehbaren Hof herumliefen und so hängte man jetzt ein Sonnensegel als Sichtschutz auf. Manchen stören auch das oftmals anhaltende Lautieren von Bewohnern, die sich sonst nicht ausdrücken könnten. In der Bäckerei war man verunsichert, weil ein Bewohner sich immer wieder selbst auf den Kopf schlug. Bis die NRD-Mitarbeiter erklärten, dass der Mann vorher noch nie beim Bäcker gewesen und deshalb sehr aufgeregt gewesen sei.

Täglich sechs Betreuer unterstützen die Bewohner im Alltag. Von denen fährt die Mehrheit morgens zur Arbeit in die Werkstätten nach Nieder-Ramstadt.

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