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Autismus-Ambulanz in Darmstadt Lernen, wie man ein Eis kauft

Therapieplätze für Kinder mit der Entwicklungsstörung Autismus sind stark gefragt. Die Autismus-Ambulanz in Darmstadt erweitert ihr Angebot.

Darmstadt. Klinik, Kinder Autisten. TAGESHONORAR
Foto: Renate Hoyer (Renate Hoyer)

Leon* (15) war schon als Kleinkind anders: Er weinte nicht, suchte keinen Blickkontakt und wollte im Kindergarten nicht mitsingen. Wenn seine beiden Schwestern Lärm machten, rastetete er aus, und zu Familienausflügen war er gar nicht zu bewegen, erinnert sich seine Mutter. Der Verdacht Asperger-Syndrom, eine Form des Autismus, stand bereits im Kindergartenalter im Raum, doch bis es zur Diagnose kam, ging Leon schon in die erste Klasse. Dort fiel er durch seine ungestüme Art, seine Aggressivität und seinen Mangel an Kooperationsbereitschaft auf. „Auf einen Therapieplatz mussten wir ein Jahr warten“, sagt die Mutter.

Kinder und Jugendliche mit Autismus müssen soziale Regeln oftmals mühselig lernen. In der Autismusambulanz des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) in Darmstadt wird in Gruppentherapie die Integration in die Gesellschaft geübt. Etwa mit sogenannten Teach-Karten, auf denen Situationen und mögliche Verhaltensweisen beschrieben sind. „Wichtig ist, ihr Verhalten zu spiegeln“, erklärt Leiterin Angela Ems. Autistischen Menschen sei oft nicht bewusst, was sie falsch machten. Die diffusen Gefühle im Bauch könnten sie nicht selbst mit Inhalt füllen.

Leon ist seit acht Jahren bei Ems in Behandlung. „Mit ihr kann er über Dinge sprechen, über die er sonst mit niemandem reden würde“, sagt seine Mutter. Auch Eltern und Geschwister werden bei der Therapie einbezogen. Leons Schwestern etwa besuchen die Geschwistergruppe. Dadurch, berichtet die Mutter, habe sich das Verhältnis zu ihrem autistischen Bruder deutlich entspannt.

Derzeit bietet das SPZ Therapieplätze für 70 Patienten. Davon haben etwa 60 Prozent die mildere Form des Asperger-Syndroms, bei 40 Prozent wurde der Kanner-Autismus diagnostiziert, der mit einer Einschränkung des Intellekts einhergehen kann.

Die Zahl der autistischen Fälle steige, sagt Bernhard Lettgen, Chefarzt der Darmstädter Kinderkliniken Prinzessin Margaret, zu der das SPF gehört. Gerade regional gebe es immense Zuwächse. Auch weil das Störungsbild heute bekannter sei und die Diagnose häufiger gestellt werde.

Wie viele Menschen dem autistischen Spektrum zuzuordnen sind, ist ungewiss. Schätzungen gehen von ein bis zwei Kindern pro 1000 aus. Dass die Zahlen schwanken, liegt an unterschiedlichen Diagnosekriterien – einheitliche Standards gibt es noch nicht. Ärzte verwenden etwa die sogenannten Gillberg-Kriterien, die besonders deutlich die Verhaltensweisen betroffener Kinder schildern sollen. Damit „erkennen wir gegenwärtig etwa 50 Prozent aller Kinder mit Asperger-Syndrom“, schreibt der Psychologe Tony Attwood in seinem Buch „Ein ganzes Leben mit Asperger-Syndrom“. Doch diejenigen, die ihre Schwierigkeiten kaschieren könnten und nicht an Spezialisten überwiesen würden, entgingen der Wahrnehmung.

Fakt ist: Die Autismusambulanzen in Frankfurt und Langen sind schon lange überlaufen. Wartezeiten von ein bis zwei Jahren sind die Regel. Deshalb erweitert das SPZ Darmstadt, das bisher viele Patienten nach Langen verwies, seine Ambulanz und stockt von sechs auf zehn Mitarbeiter auf. Eine ehemalige Pizzeria in der Dieburger Straße wird die neuen Räume beherbergen. Der Umzug soll im April stattfinden, dann werden 100 Plätze zur Verfügung stehen. Doch auch die sind bereits vergeben. Wer aber einmal einen Platz hat, behält ihn bis zum Erwachsenenalter.

In Kleingruppen, getrennt nach Geschlecht und Alter, üben Angela Ems und ihre Mitarbeiter mit den Kinder und Jugendlichen den zwischenmenschlichen Umgang im Alltag ein. Da kann es um Fragen gehen wie: Was schreibe ich in WhatsApp, wenn ich ein Mädchen gut finde? Wie schaffe ich es, im Unterricht stillzusitzen oder andere ausreden zu lassen?

Die Schwierigkeit, mit fünf autistischen Jungen im Supermarkt ein Eis zu kaufen, hatte selbst Ems unterschätzt. Die Jungs holten jedes Eis mehrmals aus der Truhe, trugen es zur Kasse und brachten es zurück.

„Ich hätte im Erdboden versinken können“, sagt Ems lachend. „Jetzt weiß ich, was die Mütter empfinden.“ Deswegen sei die Beratung der Eltern wichtig. Es gehe darum, das Störungsbild zu verstehen und die Erziehung umzustellen.

Leon leidet darunter, dass er keine Freunde findet und andere sich über ihn lustig machen. Aber für ihn ist klar: „Nicht ich bin der Behinderte, die anderen sind es.“

Ein noch seltenes Angebot ist die Spezialisierung auf den weiblichen Autismus. Bei Mädchen wird die Diagnose seltener gestellt, sie fielen meist erst im Jugendlichenalter durch Essstörungen auf und seien oft introvertiert, sagt Ems. In der neuen Ambulanz sollen von zwölf Gruppen alleine vier nur für Mädchen sein.

* Name von der Redaktion geändert

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