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Alsbach Letzte Ruhestätte der Juden

Der jüdische Friedhof am Rande von Alsbach besteht seit 400 Jahren. Bei den Progromen 1938 wurde er teilweise zerstört. Eine Ausstellung informiert über seine wechselvolle Geschichte.

17.05.2016 17:59
Johannes Mingo leitet Führungen über den jüdischen Friedhof in Alsbach. Foto: André Hirtz

Umtost vom Autoverkehr ist es doch ein Ort seltener Abgeschiedenheit. Vor genau 400 Jahren wurde der Flecken am Rande von Alsbach (Gewann „Hähnleiner Weinberge“) erstmals urkundlich erwähnt. Denn im Jahr 1616 gab der Verwalter im Amt Zwingenberg dem Gericht in Alsbach den Auftrag, ein Gelände für einen jüdischen Friedhof zur Verfügung zu stellen. Nach mehreren Erweiterungen wuchs er auf eine Fläche von 22700 Quadratmetern, auf denen noch heute 2128 Grabsteine stehen. Wer sich für die Ruhestätte interessiert, der kommt am evangelischen Pfarrer im Ruhestand, Johannes Mingo, kaum herum. Er führt interessierte Gruppen mehrmals im Jahr über das Areal, das als größter erhaltener jüdischer Landfriedhof in Hessen gilt.

Seine Entstehungsgeschichte wirft ein Schlaglicht auf die judenfeindlichen Vorbehalte zum Ende des Mittelalters – und darüber hinaus. Denn im Jahr 1614 kam es in Frankfurt im Zuge des sogenannten Fettmilch-Aufstandes zu schweren Übergriffen, die in der Plünderung der Judengasse gipfelten.

Ähnliches ereignete sich in Speyer, Mainz und Worms und löste eine große Fluchtwelle aus, weiß Johannes Mingo. In Worms wurde das Judenviertel gestürmt und die Synagoge schwer beschädigt. 1400 Juden verloren ihre Heimat.

Ältest Grabstein aus 1682

Die Gründe der Übergriffe waren monetärer und rassistischer Art. „Die verschuldeten Wormser Zünfte, die die Juden um ihre Handelsprivilegien beneideten, versuchten, sich aus ihrer Lage zu befreien, indem sie ihre Gläubiger umbrachten oder vertrieben“, heißt es dazu im Alsbacher Heimatbuch von Rudolf Kunz.

Unter den Flüchtigen befand sich auch der berühmte Rabbiner Samuel Bacharach aus Worms. Er floh zusammen mit seiner Frau Chawa (Eva) am 10. April 1615, überquerte den Rhein, kam allerdings nur bis Gernsheim. Dort starb er am 2. Mai 1615 im Alter von nur 40 Jahren.
„Er konnte im katholischen Gernsheim nicht begraben werden“, erläutert Johannes Mingo. Er wurde deshalb innerhalb kürzester Zeit nach Alsbach gebracht, wo er nach jüdischem Ritus seine letzte Ruhestätte fand.

Juden aus insgesamt 32 Orten im Umkreis von rund 20 Kilometern zwischen Bürstadt und Nieder-Ramstadt, Stockstadt und Heppenheim liegen auf dem Areal begraben. Der älteste erhaltene Grabstein stammt von 1682. Für den relativ späten Beginn nach der Gründung wird vor allem der 30-jährige Krieg (1618 bis 1648) verantwortlich gemacht.

Im Jahr 1741 erhielten die Juden die Erlaubnis, eine Mauer um den Friedhof zu bauen. Der Auftrag dazu wurde an den Zwingenberger Maurermeister Johann Peter Kalb vergeben. Der Pauschalpreis betrug die gewaltige Summe von 900 Gulden. Enthalten war indes auch der Bau eines Tores aus Eichenholz. Außerdem verpflichtete sich Kalb zum lebenslangen Unterhalt der Mauer.

Der Eingang zum Friedhof lag ursprünglich auf der Ostseite. Dort wurde im 18. Jahrhundert ein Totenhaus mit Andachtsraum im ersten Stock errichtet. Es wurde bei den Pogromen am 9. und 10. November 1938 von einer SA-Brigade gesprengt. Am Morgen des 10. Novembers machten sich dann rund 100 Personen daran, die Grabsteine auf dem Friedhof massenweise umzustoßen. (pk)

Der Museumsverein Alsbach-Hähnlein eröffnet am Donnerstag, 19. Mai, eine Ausstellung mit dem Thema: „400 Jahre jüdischer Friedhof“ im Museum in der Hähnleiner Anstalt. Eine Führung über den jüdischen Friedhof Alsbach leitet Johannes Mingo am Montag, 23. Mai. Treffpunkt ist um 17 Uhr am Eingang an der Nordseite des Geländes.

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