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Ausweise in Hessen Pässe aus dem Automaten

Das erste Self-Service-Terminal für Ausweise in Hessen steht in Rodgau. Kritik kommt von den Fotografen, die durch den Automaten weniger Kunden haben.

Fotos macht er, aber wie sieht man darauf aus? Self-Service-Terminal in Rodgau. Foto: Renate Hoyer

"Keine Sitzgelegenheit!“ ist auf einem Schild vor dem Gerät zu lesen. Das scheint auch nötig, denn auf den ersten Blick könnte man das Gerät vor der leuchtenden Wand im Rathausfoyer tatsächlich für einen höhenverstellbaren Stuhl halten. Auf den zweiten Blick sind in der vermeintlichen Sitzschale zwei Fingerabdruckscanner und ein Eingabefeld für Unterschriften erkennbar, die „Lehne“ entpuppt sich als Bildschirm mit Kamera und Beleuchtung. Seit Anfang Januar ist Rodgau die erste Kommune Hessens, in der ein Self-Service-Terminal zur Personalausweis- und Reisepasserstellung zum Einsatz kommt.

Das Gerät der Firma Speed Biometrics sei bereits in neun anderen Bundesländern im Einsatz, heißt es von der Herstellerfirma. „Wir haben eine Testphase von einem Dreivierteljahr ausgemacht“, sagt Bürgermeister Jürgen Hoffmann (SPD). Danach kann es für zunächst fünf Jahre im Einsatz sein. Finanziert wird das Gerät über einen Nutzersatz: Pro Abruf der Daten zahlt die Stadt sechs Euro an den Hersteller.

„Das Terminal ersetzt keine Mitarbeiter im Bürgerbüro“, betont Holger Neu, Leiter der Inneren Dienste. Denn vor der Nutzung muss jeder Bürger einen Ausweisantrag stellen, erst dann wird er ins Foyer an das Gerät geschickt. In sechs Sprachen (Deutsch, Französisch, Englisch, Spanisch, Russisch und Türkisch) wird auf dem Bildschirm die Nutzung erklärt, ein Mitarbeiter des Bürgerbüros muss nicht dabei sein. Das Gerät stellt sich automatisch auf die Größe der jeweiligen Person ein, in wenigen Minuten sind alle für den Ausweis erforderlichen Daten erfasst. Ob man einen Personalausweis mit oder ohne Fingerabdruck haben möchte, lässt sich auswählen.

Bisher durchweg positive Erfahrungen

In der Praxis geht das tatsächlich flott, nur beim Foto für das biometrische Passbild braucht es bei der Präsentation zwei Anläufe, bis das Bild verwertbar ist. Auf dem Bildschirm wird von Drei heruntergezählt, dann leuchten die Lampen neben der Kamera hell auf und drei Fotos werden geschossen. „Unsere Erfahrungen sind bisher durchweg positiv“, sagt Martina Merkenich vom Bürgerservice. In den ersten zwei Wochen haben 79 Personen das Gerät benutzt, in 72 Fällen wurden die Daten dann auch für die Ausweiserstellung abgerufen. „Die Daten bleiben hier im Haus und werden nach Abruf sofort gelöscht“, sagt sie. Nicht abgerufene Daten würden schon nach 36 Stunden gelöscht. Im Rathaus hofft man, dass durch das Terminal die Bearbeitungszeit verkürzt wird, die Kommunale Gemeinschaftsstelle für Verwaltungsmanagement (KGSt) habe eine Zeitersparnis von vier Minuten pro Bearbeitung errechnet.

„Es ist ein schnellerer Service, ein technischer Fortschritt“, sagt Hoffmann. Doch wie jeder Fortschritt müsse auch dieser selbstkritisch betrachtet werden. „Das Terminal ist ein Erfassungsgerät für biometrische Daten – was dabei verloren geht, ist das Geschäft des Fotografen“, sagt er. Das Rathaus habe zuvor die Rodgauer Fotografen angeschrieben und sie über das Terminal informiert. Dennoch, so betont Hoffmann, trete die Stadt nicht in Konkurrenz zu den Fotografen: „Hier werden Daten erfasst, es gibt keine Bilder zum Mitnehmen.“

Vor vollendete Tatsachen gestellt

Das will Dieter Cirklaff von der Foto- und Rahmengalerie in Jügesheim so nicht stehen lassen. „Wir wurden hier vor vollendete Tatsachen gestellt“, sagt er, das Rathaus habe erst nach Aufstellung der Terminals die Fotografen informiert. „Ich sehe darin eine existenzielle Bedrohung für unser Gewerbe“, sagt Cirklaff, „denn so bekommt der kleine Fachhändler vor Ort die Kunden gar nicht mehr in den Laden hinein.“ Gerade in der Zeit von Januar bis April würden Passbilder rund 70 Prozent des Umsatzes ausmachen. Dass Passbilder ein durchaus lukratives Geschäft sind, weiß man im Rathaus: Pro Jahr werden bis zu 5000 Personalausweise, bis zu 4500 Reisepässe und rund 500 Kinderreisepässe beantragt.

Cirklaff hofft jedoch, dass sich die Bürger weiterhin für die konventionelle Beantragung entscheiden werden, die weiterhin angeboten wird. Er setzt dabei auf einen menschlichen Charakterzug: die Eitelkeit. Denn das Terminal erfasst nur die biometrischen Daten, ob das Foto, das dann im Ausweis ist, vorteilhaft ausfällt, ist eine andere Frage. „Zwar sind beim biometrischen Foto die Grenzen eng gesteckt, aber ein guter Fotograf kann dennoch dafür sorgen, dass kein Doppelkinn oder weit aufgerissene Augen darauf sind“, sagt er.

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