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AFN US-Militärsender AFN zieht um

Der legendäre US-Militärsender AFN gibt die Feldberg-Radiofrequenz 98,7 MHz auf und sendet jetzt auf 103,7 MHz. Eine Ära amerikanischer Musikgeschichte geht damit in weiten Teilen Hessens zu Ende.

18.01.2017 12:32
Von Patrick Jütte
Mitarbeiter des AFN Kaiserslautern in ihrem Studio. Hier wird gerade einer von vielen Gästen interviewt. Foto: AFN

Joschka Fischer (Grüne) und Roland Koch (CDU) mögen heute nicht mehr viel gemein haben. Als junge Männer aber hörten sie im Rhein-Main-Gebiet wie die meisten ihrer Altersgenossen denselben Radiosender: AFN, das American Forces Network. Denn nur auf den Frequenzen der US-Streitkräfte konnte man den freiheitsverliebten Versen eines Bob Dylan oder der Gitarrenakrobatik eines Jimmy Hendrix lauschen.

Als der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland sein klassiklastiges Programm noch als Bildungsauftrag verstand, wollte AFN seinen in der Besatzungszone stationierten GI’s unterhaltsame Grüße aus den USA senden. „AFN wurde 1943 gegründet, um Hunderttausende US-Soldaten in Übersee über Geschehnisse in den USA und der Welt auf dem Laufenden zu halten. Zudem bieten wir ihnen ein Unterhaltungsprogramm, das sie von daheim kannten“, sagt Gary Bautell, langjähriger Stations-Chef des AFN Wiesbaden.

Dass die deutschen Bewohner der Region mithörten, war ursprünglich nie intendiert – sie galten, wie damals gesagt wurde, als „nicht autorisierte“ Zuhörer. Aber die Anziehungskraft des amerikanischen Radiostils machte hinter den Kasernen nicht Halt. „Die Programme hatten eine flotte Anmutung und waren anfangs sehr rocklastig“, erinnert sich Hans-Dieter Hillmoth, Geschäftsführer von Hit Radio FFH. „Durch ihre starke Frequenz waren sie in halb Hessen gut hörbar und haben dort den Musikgeschmack geprägt.“

Vom 1945 bezogenen AFN Hauptquartier in Frankfurt aus, schwappten über Dutzende von Lokalstudios, die in ganz Europa verteilt waren, neue Musikgenres über den Atlantik. Jazz, Blues, Country und Rock’n’Roll waren damals in Süddeutschland nur über AFN zu hören. Frühe Popstars wie Little Richard oder die Beach Boys brachten in die betuliche Schlagerwelt ganz neue Töne ein. „Im deutschen Radio wurde noch in den 60ern bestenfalls zu später Stunde ein Popsong der Beatles angekündigt“, sagt Werner Reinke (70), Radiomoderator des Hessischen Rundfunks.

Selbst in England blieben Jugendliche in den 50ern noch lange wach, in der Hoffnung, ein AFN-Signal aus Deutschland empfangen zu können, wie George Smith, Sprecher von AFN Europe, zu berichten weiß. Diese enorme Reichweite war damals noch möglich dank einiger „sound monster“ – als solche bezeichnet Smith Mittelwellen-Sendemasten wie den in Oberursel (Weißkirchen). Mittelwellen ermöglichen eine zehnfach stärkere Fernübertragung als Ultrakurzwellen. „Wenn Sie drei Kilometer von Weißkirchen weg wohnten, konnten Sie die Musik noch aus dem Kochtopf hören“, erzählt Hillmoth.

Damit ist es inzwischen vorbei, denn Mittelwellen sind extreme Stromfresser. Ihre Energiekosten belaufen sich jährlich auf 400 000 Euro. In ganz Deutschland wurden sie in den letzten Jahren abgeschafft. Auch in Oberursel wurden die Masten 2015 gesprengt. Zurück blieb dem AFN als letzte flächendeckende Sendefrequenz der Große Feldberg.

„Der Feldberg ist sehr hoch gelegen und der Sendemast mit 50 Kilowatt äußerst leistungsstark“, sagt Hillmoth. Auf der Feldberg-Frequenz 98,7 MHz ist AFN seit Jahrzehnten im ganzen Rhein-Main-Gebiet gut hörbar. „Ein Großteil des Programms kam lange Zeit von AFN Frankfurt“, erinnert Hillmoth. Die Europazentrale zog jedoch bereits 2004 nach Mannheim ab. Frankfurt empfing künftig über den Feldberg das Programm von AFN Wiesbaden. Diese letzte Verbindung zum Frankfurter Raum will der AFN nun jedoch abgeben – ans Deutschlandradio. Dort freut man sich über die neue Reichweite. „Die Feldberg-Frequenz lohnt sich für AFN nicht. Sie haben keine fünf Millionen Zuhörer mehr“, sagt Helmut Buchholz, Redakteur des Deutschlandfunks. „In den 40ern war ganz Hessen voller Soldaten. Heute sind sie nur noch in ganz wenigen Städten.“

Tatsächlich steckt hinter der Übergabe ein Sparvorhaben des US-Verteidigungsministeriums. Die Ausstrahlung von AFN soll sich an den gesunkenen Bedarf anpassen. Seit den 90ern wurden immer mehr Soldaten aus Süddeutschland abgezogen. Verbliebene Kasernen, wie die in Wiesbaden mit ihren 20 000 Stationierten, werden künftig über lokale Kleinleistungsfrequenzen versorgt, die das Deutschlandradio nun nicht mehr braucht. „Die Frequenz Mainz-Kastel auf 103,7 MHz ist eine ganz kleine. Sie deckt gerade zur Not das Stadtgebiet Wiesbaden ab“, sagt Buchholz. „In Frankfurt ist ein Empfang aussichtslos.“

Die heutige Umschaltung lässt sich als das faktische Ende einer US-amerikanischen Ära verstehen, die das hessische Radio zutiefst geprägt hat. Werner Reinke, den es 1971 zum Hessischen Rundfunk in die Frankfurter Bertramstraße verschlug, erinnert sich noch gut an das freundschaftliche Verhältnis zum benachbarten AFN-Studio. Dort mussten einige wenige Radioneulinge ein europaweites Programm auf die Beine stellen.

„Ich verspürte eine tiefe Bewunderung. Das Klangbild des AFN war dem heutigen Popradio bereits sehr nah“, erzählt Reinke. „Profilierte Disc Jockeys waren dem deutschen Radio bis dato noch völlig unbekannt.“ Beim AFN dagegen gab es bereits echte Kultfiguren, die ihr fetziges Musik- und Unterhaltungsprogramm mit abgedrehten Jingles einleiteten, wie es Dick Orkin zu seiner Comdeyserie Chickenman immer tat. Nach lautem Gegacker rief er Batman parodierend: „Chicken-maaan! He’s everywhere! He’s everywhere!“

„AFN war immer eine Mischung aus Super-DJ’s aus den USA und lokalen Jungs“, erzählt Reinke. In Frankfurt waren vor allem Programme wie Stickbuddy Jamboree oder Old Gold Retold erfolgreich, die Oldies und amerikanische Folklore spielten. Einige Mitarbeiter von damals machten deutschlandweit Karriere. So zum Beispiel Bill Ramsey, der in den 50ern im Frankfurter Jazzkeller vom AFN entdeckt und ihr neuer Chefproduzent wurde. Heute moderiert er die Swingtime bei HR2.

Vermutlich war es gerade die Amateurhaftigkeit einfacher US-Soldaten, die sie als Radio-Moderatoren so locker und sympathisch erschienen ließ. „Das waren freundliche Leute, die selbst an den Hörer gingen, wenn man sie anrief“, sagt Reinke. Die lokalen AFN-Studios in Wiesbaden, Stuttgart oder Kaiserslautern standen stets in Kontakt mit ihrer Umgebung. Für die Reihe „Hallo Nachbar“ zogen AFN-Reporter aus, um deutsche Jugendliche zu interviewen – eine damals noch ungewöhnliche Art, Menschen von der Straße einfließen zu lassen. Nach Ansicht des Hörfunkmoderators Fritz Egner war der AFN durch seine Beliebtheit unter den Deutschen letztlich „der beste Botschafter der USA in der Nachkriegszeit.“

Die Hauptfunktion des AFN lag jedoch darin, den englischsprachigen Soldaten zu helfen, sich in Deutschland zurechtzufinden. „Sie gaben ihnen Tipps für Einkäufe, Kinos und Freundschaftsforen“, erzählt Reinke. Typischerweise flossen dabei immer auch ein paar Aufrufe wie „Don’t drink and drive!“ ein. Auch um Spenden wurde gebeten.

Mit der Zeit wurde der erfolgreiche Radiostil von AFN sich jedoch selbst zum Verhängnis. „Die Musikauswahl und der lockere Präsentationsstil von AFN hat sicher einige Moderatoren des deutschsprachigen Raums beeinflusst“, meint Conny Ferrin, Moderator bei baden.fm. „Wir haben vieles übernommen, was AFN einzigartig gemacht hat“, gesteht Reinke. „Heute hat der Sender Konkurrenz von allen Seiten.“ Die Zeiten, wo Jugendliche noch mit Kassettenrekordern die Rockballaden des AFN aufzunehmen versuchten, sind vorbei. „Heute kann jeder seine Songs mit einem Klick downloaden. AFN ist kein Kultsender mehr. Da schlägt die Sprachbarriere dann natürlich voll durch“, meint Reinke.

Dennoch werden Tausende treuer AFN-Hörer aus dem Rhein-Main-Gebiet gewiss eine nostalgische Träne verdrücken. Smith von AFN Europe hatte sich bereits pikiert, als grüne Politiker den Abzug der Europazentrale aus Frankfurt verhindern wollten. „Sie realisierten nicht, dass AFN ebenso Teil des US-Militärs war wie die Infanterie.“ Diese Verbundenheit war nie ein Geheimnis. Das Motto des AFN-Sendeblocks „The Eagle“ lautete bis 2008 noch „Music Worth Fighting For“. Dabei war die Botschaft des Rock’n’Roll doch eigentlich immer pazifistisch gewesen.

Doch für die meisten älteren Zuhörer wird AFN immer andere Assoziationen beibehalten, als Militärpatriotismus – nämlich Freiheit, Optimismus und die Liebe zu Swing, Rock und Country. Wer als Frankfurter dieses Radioprogramm weiterhin nicht missen will, kann über Digitalradios das Internetangebot AFN 360 empfangen, das seit 2012 zwei Informations- und sieben Musiksender bedient. Dieser Kult wird weiterleben, laut Gary Bautell, „solange wie US-Streitkräfte in Übersee stationiert sind.“

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