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Ärzte im Nationalsozialismus „Reibungslos“ in die NSDAP

Als „Volkserzieher“, Funktionselite und Vollstrecker von Zwangssterilisierungen spielten Ärzte für die Nationalsozialisten eine wichtige Rolle. Allzusehr gewehrt haben sich die Mediziner gegen die Vereinnahmung nicht: Eine Studie zeigt, wie reibungslos sich die hessische Ärztekammer der NSDAP nach deren Machtübernahme 1933 andiente.

Die neu formierte hessische Ärztekammer im Herbst 1933. Foto: Landesärztekammer Hessen

Der Wind hatte sich schnell gedreht. In der „Westdeutschen Ärzte-Zeitung“, dem Presseorgan der Ärztekammer für die Provinz Hessen-Nassau, schrieb deren neu eingesetzter Vorsitzender Walter Strebel im Jahr 1933: „Nichtteilnahme an den vom NS-Aerztebund und ärztl. Prov. Verband Hessen-Nassau veranstalteten Kundgebungen muß ich als Interesselosigkeit am Neuaufbau des deutschen Staates und Volkes ansehen. Ich erwarte von jedem deutschen Arzt, daß er diese Veranstaltungen besucht.“ In einem anderen Beitrag aus demselben Jahr schrieb Strebel, es sei „Pflicht eines jeden deutschen Arztes, die in jahrelangem opfervollem Kampf dem Führer treu ergebenen SA-Männer durch eine Geldspende zu unterstützen.“

Wie reibungslos sich die hessische Ärztekammer der NSDAP nach deren Machtübernahme 1933 andiente und welche Rolle die hessischen Ärzte in der Zeit des Nationalsozialismus spielten, ist ein Schwerpunkt der Studie, die eine Arbeitsgruppe um Benno Hafeneger, Professor für Erziehungswissenschaft in Marburg, derzeit im Auftrag der Landesärztekammer Hessen erstellt. Die Kammer hatte im März 2013 beschlossen, die Geschichte der verfassten Ärzteschaft in Hessen seit dem Kaiserreich wissenschaftlich untersuchen zu lassen.

Gut ein Jahr vor Abschluss der Forschungen wurden am Dienstag bereits erste Zwischenergebnisse präsentiert. „Die Ärztekammer hat sich am Ende der Weimarer Republik dem NS-Staat übergeben“, fasste Hafeneger eine der zentralen Erkenntnisse zusammen. Ohne interne Debatten habe die Ärztekammer sich „reibungslos“ in die Diktatur eingepasst.

Ab 1933 finde man in allen Publikationen der Ärztekammer einen „durchgehenden rassebiologischen Diskurs“, der den völkischen Rassismus der Nazis in der breiten Ärzteschaft durchgesetzt habe. Bereits in den ersten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft seien jüdische Ärzte gezielt aus dem Berufsstand gedrängt worden.

Die laufende Forschung bedeute eine intensive „Puzzlearbeit“, weil das Material aus Archiven und Nachlässen zusammengesucht werden müsse, sagte Hafeneger. Unter anderem habe man erstmals die Daten von 4603 Mitgliedern der Ärztekammer analysiert. Im Jahr 1944 waren 53,2 Prozent der hessischen Ärzte Mitglied in der NSDAP, zusammen mit den Anwärtern auf eine Parteimitgliedschaft lag die Quote bei 63,6 Prozent.

Insgesamt hätten die Ärzte als „Volkserzieher“, Funktionselite und Vollstrecker von Zwangssterilisierungen etwa bei Menschen mit Behinderungen eine wichtige Rolle für die Nationalsozialisten gespielt, sagte Hafeneger. Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach, Präsident der Landesärztekammer, sagte, um die Gegenwart und die Zukunft zu gestalten, müsse man sich „ mit der eigenen Geschichte befassen“. Es werde schon jetzt absehbar, „dass sich große Teile der Ärzteschaft durch das NS-Regime instrumentalisieren ließen“.

Um einschätzen zu können, ob sich der Blick auf die Geschichte der organisieren Ärzteschaft in Hessen grundsätzlich verändern werde, müsse man das Endergebnis der Forschungen abwarten, sagte von Knoblauch zu Hatzbach. Er sei aber sicher, dass die Studie breite Diskussionen auslösen werde. Immerhin sei die Frage, wie sehr Ärzte sich durch staatliche oder ökonomische Zwänge beeinflussen ließen, auch heute aktuell – etwa in Bezug auf Sterbehilfe, Pränataldiagnostik oder die Debatte um die Schweigepflicht.

Sigmund Drexler, Vorsitzender des Beirats der Studie, sagte, die hessischen Ärzte hätten zum Funktionieren des nationalsozialistischen Staates beigetragen, teils aus Überzeugung, teils aber auch aus Opportunismus und Karrierestreben. Es sei wichtig, dass die Landesärztekammer sich dieser Geschichte stelle, so Drexler. „Die Zeit war reif.“

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