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ADFC „Das Radfahren voranbringen“

ADFC-Geschäftsführer Norbert Sanden spricht im Interview mit der Frankfurter Rundschau über die neue hessische AG Nahmobilität.

Im Expertenkreis Radverkehr wurde ein Entwurf für eine Radverkehrsstrategie erarbeitet – für Hessen ein absolutes Novum. (Symbolfoto) Foto: dpa-tmn

Die Bildung der Arbeitsgemeinschaft Nahmobilität Hessen (AGNH) wurde im schwarz-grünen Koalitionsvertrag der Landesregierung vereinbart. Experten aus Kommunen, Verbänden und Hochschulen haben vorgearbeitet; für 17. März ist die Gründung geplant. Im Lenkungskreis saß auch der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC).

Herr Sanden, was ist das – Nahmobilität?
Fahrradmobilität plus Fußverkehr, Öffentlicher Verkehr plus die Verbindung zwischen diesen Verkehrsträgern.

Nordrhein-Westfalen verfolgt ein ähnliches Konzept in Form der AG fußgänger- und fahrradfreundlicher Städte und Gemeinden. Der ADFC hat immer wieder in Hessen eine solche Strategie angemahnt. Sind wir jetzt auf dem richtigen Weg?
Wir haben immer gefordert, von Einzelmaßnahmen wegzukommen hin zu einer Gesamtstrategie. Die Landesregierung ist seit einem Jahr endlich dabei, sie zu entwickeln. Dabei war es hilfreich, dass von oben nichts aufdiktiert wurde, sondern dass man für Ideen und Vorschläge der Kommunen und Verbände sehr offen war. Auch wir als ADFC konnten uns stark beteiligen.

In vier Gruppen haben je rund 20 Experten Strategiepapiere erarbeitet. Was sind die Inhalte?
Im Expertenkreis Radverkehr wurde ein Entwurf für eine Radverkehrsstrategie erarbeitet – für Hessen ein absolutes Novum. Darin geht es etwa um Qualifizierung und Weiterbildung der Mitarbeiter in den Kommunen, Verbesserungen von Radverkehrsinfrastruktur und Fahrradparken, Wegweisungs-Systeme in den Kommunen und abgestimmte regionale Radroutennetze. Und um mehr Abstimmung.

Weil im Moment jede Kommune für sich plant und baut?
So krass ist es zwar nicht, aber die Abstimmung kann besser werden. Wir plädieren für Ausbau und bessere Nutzung der vorhandenen Netzwerke, damit nicht jede Kommune weiter vor sich hinwerkelt. Das Radforum RheinMain und das Radforum Region Kassel sind sehr gute Beispiele dafür. Ein großes Thema ist die Kommunikation mit Bürgern und Politikern. Gute Beispiele müssen bekannt gemacht werden, Kampagnen sollen zum Radfahren motivieren.

Und was noch?
Festzustellen ist die wachsende Nutzung von Pedelecs und anderen schnellen Rädern. Wir müssen landesweit ein Radschnellwegenetz definieren. Bislang sind nur drei Strecken in Planung: von Frankfurt nach Darmstadt, nach Hanau und zum Flughafen-Stadtteil Gateway Gardens. Notwendig ist auch der Bau von Fahrradparkhäusern an Bahnhöfen mit Fernverkehrsverbindungen. Ein weiteres Thema ist die bessere Bürgerbeteiligung bei Fahrrad-Planungen und Verkehrsversuche.

Was könnten das für Verkehrsversuche sein?
Wir brauchen mehr innovative Modellprojekte. Die vielen Möglichkeiten der Straßenverkehrsordnung werden in Hessen nur sehr zurückhaltend genutzt, wie der grüne Rechtabbiegerpfeil für Radler an geeigneten Kreuzungen, die grüne Welle für Fahrradfahrer, Modellversuche zu Tempo 30 an Hauptverkehrsstraßen oder Schutzstreifen außerorts.

Stoßen Sie bei der hessischen Landesregierung damit auf offene Türen?
Ja, insbesondere bei Minister Al-Wazir und Staatssekretär Samson im Verkehrsministerium. Radverkehrsförderung obliegt aber sehr stark kommunaler Verantwortung. Es gibt noch sehr viel zu tun. Wir sind erst am Anfang.

Das klingt, als sei langer Atem notwendig. Wie ist der Zeitplan?
Diese Strategie ist orientiert auf zehn Jahre, bis 2025. Erfreulich ist, dass es jetzt immerhin eine Idee gibt, wie man in Hessen Radfahren voranbringen kann. Die AGNH wurde mit sehr starker Unterstützung der Grünen vorangetrieben. Ohne diesen Impuls wären wir wahrscheinlich noch lange nicht so weit. Auch wenn wir parteipolitisch neutral sind, müssen wir dies einfach feststellen. Wir wollen die Arbeit der AGNH unbedingt verstetigen, denn 2018 sind wieder Landtagswahlen.

Welchen Themen haben die anderen Expertenkreise bearbeitet?
Eine kümmerte sich um den Fußverkehr. Der Radverkehr soll sich nicht auf Kosten der Fußgänger entwickeln, er gehört in der Regel auf die Straße, niemals auf den Bürgersteig. Der zweite hatte den Schwerpunkt Mobilitätsbildung.

Mobilitätsbildung?
Diese stellt zwar Kinder und Jugendliche in den Mittelpunkt, sie wendet sich aber auch zum Beispiel an Senioren. Es geht um mehr Verkehrssicherheit, bessere Gesundheit durch Bewegung und um umweltfreundliches Mobilitätsverhalten. Die dritte Expertengruppe beschäftigte sich mit Fragen der Integration von Rad- und Fußverkehr und öffentlichem Nahverkehr, aber auch mit Stadtplanung und Quartiersentwicklung.

Sie wirken begeistert. Ist der Eindruck richtig, Herr Sanden?
Ja, ich bin begeistert und sehr optimistisch – anders geht es auch nicht. Die AGNH ist für unsere hessischen Verhältnisse ein großer Schritt nach vorne. Die Messlatte wurde endlich höher gehängt. Diese Chance müssen wir jetzt nutzen. Auf Landesebene, aber auch über unsere Ortsverbände. Wir müssen mit den Kommunen besser zusammenarbeiten, um vor Ort das zu konkretisieren, was sich derzeit noch auf einer eher abstrakten Ebene befindet. Durch die AGNH werden wir nicht weniger zu tun haben, sondern mehr, was sehr erfreulich ist.

Interview: Jutta Rippegather

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