Lade Inhalte...

Abtreibungen in Hessen Prozess gegen Ärztinnen wegen Werbung für Abtreibungen

Erneut müssen in Hessen Ärztinnen wegen Werbung für Abtreibungen vor Gericht.

27.08.2018 17:47
Frauenärztinnen
Natascha Nicklaus (li.) und Nora Szász wehren sich. Foto: Swen Pförtner (dpa)

Es war ein Wort, das das Leben von zwei Frauenärztinnen aus Kassel vor einem Jahr auf den Kopf stellte: „Schwangerschaftsabbruch“. Auf der Internetseite ihrer Praxis hatten die Medizinerinnen Natascha Nicklaus und Nora Szász die angebotenen Eingriffe aufgelistet. Doch der kurze Eintrag rückte die Ärztinnen in den Fokus von Abtreibungsgegnern. Die erstatteten Anzeige.

Nun müssen die Frauen vor Gericht: Am Mittwoch (29. August) verhandelt das Amtsgericht Kassel die Anklage gegen Nicklaus und Szász wegen „gemeinschaftlicher verbotener Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“.

Es ist nicht der einzige Prozess dieser Art: Auch die Gießener Medizinerin Kristina Hänel wird bald wieder vor Gericht erscheinen. Ihr Fall hatte das Thema in die Öffentlichkeit gebracht. Die Ärztin war im vergangenen November zu einer Geldstrafe von 6000 Euro verurteilt worden, weil sie auf ihrer Website Abtreibung als Leistung angeboten haben soll. Die Berufungsverhandlung am Landgericht Gießen ist für den 6. September geplant.

Angebot oder nicht?

Für Szászs Engagement war der erste Prozess gegen Hänel eine Initialzündung: „Es war unglaublich, was in der Urteilsbegründung gesagt wurde.“ Der Vorwurf sei falsch, der zugrunde liegende Paragraf 219a des Strafgesetzbuchs überholt. Kein Mediziner nehme einen Schwangerschaftsabbruch vor, um sich zu bereichern. Für Szász und Nicklaus geht es auch um die ärztliche Ehre. Das Angebot der Staatsanwaltschaft für eine Verfahrenseinstellung gegen Löschung des Interneteintrags lehnten sie ab.

„Es geht darum, sich nicht einschüchtern zu lassen“, erklärt die Gynäkologin Százs. Ins Rollen gebracht haben den Prozess vehemente Abtreibungsgegner. Sie bezeichnen Medizinerinnen wie Hänel als „Tötungsspezialisten“ und vergleichen Abtreibungen mit dem Holocaust. Es habe sich eine „Gruppierung am rechten Rand“ gebildet, die Frauen und Ärzte unter Druck setze, sagt Szász. Im Internet listen Abtreibungsgegner ihre Anzeigen gegen Ärzte und Kliniken auf. Auch Nicklaus und Szász werden namentlich genannt.

Neben Anfeindungen hätten sie aber auch sehr viel Unterstützung und Zuspruch bekommen, sagt die Gynäkologin. „Wir haben uns sehr geschützt gefühlt.“ Die Erfolgsaussichten vor dem Amtsgericht beurteilt Szász zurückhaltend: „Wenn man den Paragrafen so eng interpretiert, dann kann es nur zu einer Verurteilung kommen.“ Sie hoffe trotzdem auf einen Freispruch. Eine dauerhafte Lösung müsse an anderer Stelle erfolgen: „Wir brauchen eine politische Klärung.“ Darüber laufen in der Bundesregierung Gespräche zwischen Union und SPD.

Zahl der Abbrüche steigt

Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Hessen ist im vergangenen Jahr gestiegen. Nach Auskunft des Sozialministeriums auf eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Ulrike Alex und Lisa Gnadl wurden 2017 insgesamt 8321 Abtreibungen gezählt. 2016 gab es 7984 Schwangerschaftsabbrüche und 2015 insgesamt 8087.

Von den 8321 Abtreibungen erfolgten 342 aus medizinischen Gründen. Bei vier Abbrüchen gab es eine sogenannte kriminologische Indikation. Dann besteht nach ärztlicher Einschätzung der Verdacht, dass die Schwangerschaft durch eine Vergewaltigung oder sexuellen Missbrauch entstanden ist. 7975 Abtreibungen wurden nach der Beratungsregelung vorgenommen, also nach einer staatlich anerkannten Beratung, innerhalb bestimmter Fristen und durch einen Mediziner. (dpa)

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen