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Abtreibung „Ich will in erster Linie etwas für die Frauen erreichen“

Im November 2017 wurde die Gießener Ärztin Kristina Hänel zu einer Geldstrafe verurteilt, weil sie auf Ihrer Homepage über Schwangerschaftsabbrüche informierte.

Ärztin Kristina Hänel
Kristina Hänel im November vor dem Amtsgericht in Gießen. Foto: Boris Roessler

Womit wir bei den Abtreibungegnern, denen Sie ihren Prozess ja verdanken, angekommen sind. Deren Ziel ist ja Ärztinnen wie Sie an den Pranger zu stellen und zu isolieren. Wenn man sich aber ansieht, wie viel Aufmerksamkeit und Solidarität sie erfahren, muss man wohl sagen: Ziel verfehlt.
Sie haben genau das Gegenteil erreicht. Ich bekomme unheimlich viele Solidaritätsbekundungen. Vor allem aber erhalte ich auch immer mehr Einblick in das, was in Deutschland in Sachen Schwangerschaftsabbrüchen nach wie vor Realität ist. Das ist teilweise der Wahnsinn.

Was meinen Sie damit konkret?
Wenn man mal nach Bayern sieht, das glaubt man kaum. Da dürfen die Beratungsstellen teils die Adressen der Ärzte, die Abbrüche durchführen, nicht rausgeben. Überhaupt gibt es dort auch kaum noch Ärzte die das machen. Meistens hören die Patientinnen da nur: Ja, da müssen sie nach Österreich. Kostet 800 Euro. Die Frauen werden also direkt ins Ausland geschickt. Wie absurd!

Und wie sieht die Situation für hilfesuchende Frauen hier im Rhein-Main-Gebiet aus? Wird es auch schwieriger für Frauen entsprechende Angebote zu finden?
Ja. Wir hier in Gießen kriegen es inzwischen mit, wenn die Ärzte in Frankfurt, die Abbrüche durchführen, Urlaub machen. Dann müssen die Frauen hierher kommen. Und wir stellen auch immer öfter fest, dass Beratungsstellen hier in der Nähe, die Beratung gar nicht mehr richtig durchführen - weil sie Angst haben. Zum Beispiel nicht über die Methoden aufklären, die es gibt. Das bedeutet, dass in meiner Praxis die Arzthelferinnen und Krankenschwestern die ganze Informationsarbeit am Telefon leisten müssen.

Weil die Beratungsstellen Angst vor Anzeigen haben?
Wahrscheinlich. Genau weiß ich es natürlich nicht. Aber wie gesagt, mir berichten meine Arzthelferinnen, dass sie unheimlich viel Aufklärungsarbeit am Telefon leisten müssen. Das war schon mal anders.

Sie schildern das als eine jüngere Entwicklung. Woher kommt das? Den Paragrafen 219a gibt es ja nun schon sehr lange.
Genau weiß ich es nicht. Aber vor etwa zehn Jahren fing das mit den Anzeigen der sogenannten „Lebensschützer“ an. Warum, kann ich nicht sagen. Vielleicht, haben sie da erst den Paragrafen entdeckt. Dann kam aber 2015 das Urteil des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte, das dem Abtreibungsgegner Klaus Günther Annen das Verbreiten von Flugblättern und die namentliche Nennung von Ärzten erlaubte. Das hat dieser Szene sicher Auftrieb gegeben. Das sieht man ja jetzt auch daran, dass die Abtreibungsgegner wieder vermehrt vor den Beratungsstellen stehen - wie in Frankfurt.

Ihr Prozess geht vermutlich in der zweiten Hälfte dieses Jahres in die zweite Instanz. Sie rechnen nicht damit, dass damit das Ende der juristischen Auseinandersetzung erreicht ist, oder?
Nein, das kann ich mir nicht vorstellen. Die Frage nach der Verfassungsmäßigkeit und ob der Paragraf 219a gegen Grundrechte verstößt, wird sich ja nicht vor dem Landgericht klären lassen.

Was wäre Ihnen persönlich denn lieber? Der Gang nach Karlsruhe oder eine vorherige Abschaffung des Paragrafen?
Die vorherige Abschaffung. Ich würde schon gerne auch wieder mal etwas anderes machen.

Interview: Danijel Majic

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