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Abschied Bestellungen beim Universum

Limburgs Sektenbeauftragter Lutz Lemhöfer geht in Pension – sein Arbeitsfeld aber bleibt: unsichere Menschen und einfache Wahrheiten.

25.03.2011 21:06
Susanne Schmidt-Lüer
Lutz Lemhöfer scheidender Referent für Weltanschauungsfragen Bistum Limburg. Foto: Monika Müller

Lutz Lemhöfer gießt Wasser in zwei Kölschgläser. Na gut, in zwei schmale hohe Wassergläser. Aber die Familiengeschichte führt schon in den Köln/Bonner-Raum, das mit dem Kölsch ist also nicht ganz von der Hand zu weisen. Lutz Lemhöfer, der Mann, der sich als „Sektenbeauftragter“ in den hochbewegten Zeiten der Scientology in den 90er Jahren einen Namen durch bestechend sachliche und klare Stellungnahmen gemacht hat, Lutz Lemhöfer, dessen eigentlicher Titel „Referent für Weltanschauungsfragen im Bistum Limburg“ ist, geht Ende März in Ruhestand.

Sein Posten bleibe aber erhalten, versichert der Mann mit den wachen grau-braunen Augen. Lemhöfers Büro liegt im Haus am Dom, im Altbau, also im alten Hauptzollamt, an das der 62-Jährige sich noch gut erinnert: Einst holte er dort ein aus Dänemark importiertes Geschirr für seine Frau ab.
Seit 1991 beobachtet Lemhöfer kritisch und mit gesundem Misstrauen, was sich tut auf dem Feld der Religionen. Es sind „nicht die großen Bäume der Weltreligionen“, die ihn kümmern, sondern „eher das sprituelle Unterholz, die vielen kleinen und kleinsten Gruppierungen“, die den „Weltanschauungsmarkt bunter und bunter machen“.

Und die die Szene unübersichtlicher gestalten. Vorbei die Zeiten, in denen sich die Öffentlichkeit gewaltig über tanzende Hare-Krishna-Mönche aufregte. Zwar schlossen sich ihnen tatsächlich junge Leute an und „stellten ihr Leben auf den Kopf“, aber der Schock der Öffentlichkeit basierte auf „weit überhöhten Zahlenschätzungen,“ sagt Lemhöfer. Auch die Moonies auf dem Uni-Campus sorgten für empörte Debatten; inzwischen ist selbst die öffentliche Diskussion über Scientology abgeebbt.

Und doch ähneln die Ziele ihres Gründers Lafayette Ron Hubbard, – der seinen Anhängern versprach, sie würden vollkommene Menschen und erfolgreicher, besser und stärker als andere –, manchen Heilsbewegungen, die heute ein „ganz, ganz großes Thema“ sind. Hubbard, einst Science-Fiction-Autor, gründete die Church of Scientology weniger aus religiösen Gründen, sondern „weil seine Allmachtsfantasien das ursprüngliche, bloß therapeutische Setting überstiegen“.

Scientology behauptet, als einzige irdische Organisation sämtliche Probleme der Menschheit lösen und das Mängelwesen Mensch zu einer Art Übermensch einschließlich paranormaler Fähigkeiten umformen zu können. Vorstellungen also, die in einer Ellenbogen- und Konkurrenzgesellschaft gut ankommen.
Auch die modernen Heilslehren „fragen nicht, wie kriege ich einen gnädigen Gott, sondern sie fragen, wie werde ich ein heiler, gesunder, durchsetzungsfähiger Mensch.“ Göttliche Energien sind gefragt für die Heilung – „Bestellungen beim Universum“, spottet Lemhöfer, es seien „sehr banalisierte, oft ursprünglich religiöse Bedürfnisse“.

Gut bestelltes Feld

Lemhöfers Nachfolger erwartet ein gut bestelltes Feld; mehr als 200 Ordner ruhen hinter hölzernen Schranktüren. Nur zögerlich öffnet er eine der Türen, „Endzeitliche Sekten“ oder „Zeugen Jehovas“ steht auf den Rücken der Aktenordner. Viele Informationen zu sammeln, sie zu strukturieren und zu sortieren, gehörte zu den Aufgaben des katholischen Theologen, Soziologen und Politikwissenschaftlers. Eine schwierige Arbeit vor dem „Durchbruch des Internetzeitalters“, „wir mussten zu Veranstaltungen gehen, uns Pressespiegel ansehen“, erinnert sich Lemhöfer. Rege hat er sich mit seinen Kolleginnen und Kollegen aus anderen Bistümern ausgetauscht.

Während die öffentliche Diskussion über Sekten also im Vergleich zu den 90er Jahren abgenommen hat, bleiben die Anfragen nach Beratung in Konfliktsituationen gleich. Meist sind es Angehörige oder Freunde, die „verquere und destruktive Ideen bei Menschen wahrnehmen“, Abhängigkeiten spüren, „die Entfremdung von vitalen Impulsen und dem bisherigen sozialen Umfeld“.

Ratsuchende wollen auch wissen, ob eine Therapie seriös ist oder Scharlatanerie, die Anfragen „gehen über die theologische Fragestellung hinaus.“ Es sind solche Begegnungen, die Lemhöfer unter die Haut gehen, ihn manchmal bis in den Schlaf hinein verfolgen. Und er weiß, es sind meist kirchliche Experten, die dieses Feld beackern, sonst wird es gesellschaftlich „kaum abgedeckt“.
Es sind die esoterische Szene und der organisierte Atheismus, mit denen sich Lemhöfer auseinandersetzt. In Frankfurt gibt es auch eine Fülle selbstständiger, kleiner christlicher Gemeinden, die vor allem Migranten, etwa aus Afrika, gegründet haben.

Und wie schätzt er den viel gescholtenen Versuch „Patchwork-Religion“ ein, sich also aus verschiedenen Religionen eine eigene zu basteln? Lemhöfer hebt leicht die Schulter und lächelt. „Etwa ein Viertel der Christen glaubt an Reinkarnation. Das passt nicht zusammen.“ Religiöse Fragen, setzt er fort, kann man heute ernsthaft wieder stellen; das war vor 20, 25 Jahren noch anders. Aber das erneute Interesse „mündet keineswegs in Bindungen“. Die christlichen Kirchen sind eben nicht mehr die Platzhirsche, sie können nur „die eigene Identität einladend deutlich machen“.

Lemhöfer hat seinen Böll gelesen

Lemhöfer, der in Siegburg geboren und in Koblenz aufgewachsen ist, hat sie noch miterlebt, die Adenauerzeit, in der die Kirche eine große Rolle spielte. Er hat seinen Böll gelesen, in Tübingen bei Hans Küng studiert, während seines Studiums in Frankfurt die Häuserkämpfe miterlebt, als Referent für Gesellschaftswissenschaften an der katholischen Studentengemeinde von 1977 bis 1991 mittendrin gestanden in der Studentenbewegung. Und er hat sich von einer Theologengeneration geprägt gefühlt, „die das Zweite Vatikanische Konzil als Sprungbrett begriff, nicht als Sofa.“

Dieser Aufbruch und die Bereitschaft, sich auf gute Weise der Moderne anzunähern, prägen jene Generation, die jetzt in Ruhestand geht. Lange hat er gefremdelt mit der Stadt, in der nach wie vor wichtige Themen diskutiert werden. „Jetzt“, sagt Lutz Lemhöfer, „bin ich gerne da.“ Er freut sich „aufs Entschleunigen, aufs Durchatmen.“ Fürs Querflöte-Spielen und für die Belletristik wird mehr Zeit sein, an der Universität des dritten Lebensalters hat er sich eingeschrieben, und er wird weiter Krimis lesen und dort wieder auf seine Themen stoßen: so wie in Henning Mankells „Vor dem Frost“ auf „das klassische Psychogramm einer Endzeitsekte“ und in Patricia Highsmiths „Leute, die an die Tür klopfen“ auf religiösen Fundamentalismus.

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