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Zypern Gespannte Ruhe auf Zypern

Auf der geteilten Insel spielen vor der Präsidentenwahl erstmals Wirtschaftsthemen eine größere Rolle als die Wiedervereinigung.

Nikosia
Helfer bringen in Nikosia Urnen in die Wahllokale Foto: rtr

Am vergangenen Montag wurden die Bewohner der östlichen Mittelmeerinsel Zypern plötzlich daran erinnert, dass die dramatischen Ereignisse auf dem nahen Festland in Syrien und der Türkei auch sie betreffen könnten. Da kam es zu einem unerhörten Gewaltausbruch im türkischen Norden der Insel. Nachdem die kleine Zeitung „Afrika“ es gewagt hatte, den militärischen Überfall der Türkei auf die syrische Kurdenenklave Afrin als „Invasion wie in Zypern 1974“ zu bezeichnen, zog sie sich den Zorn des türkischen Präsidenten Erdogan zu, der seine „Brüder in Nordzypern“ aufrief, „die notwendige Antwort zu geben“.

Am Abend verwüstete ein Mob von 500 fanatisierten Männern die Büros, prügelte sich mit herbeigeeilten Erdogan-Gegnern und hätte einen Redakteur des Blattes nach Angaben von Zeugen fast gelyncht. Daraufhin folgten am Freitag im Norden der geteilten Hauptstadt Nikosia mehr als 5000 Menschen einem Gewerkschaftsaufruf und demonstrierten gegen die Gewalt, für die sie Erdogan verantwortlich machten. Es wurde einer der größten Proteste, die es in Nordzypern je gab.

„Diese Vorgänge machen mir Angst“, sagt die Zyperngriechin Anna Elia Nicolaou auf der anderen, der südlichen Seite Nikosias. „Sie zeigen, wie wichtig es ist, dass wir einen Präsidenten bekommen, der endlich eine Lösung für das Zypernproblem aushandelt.“ Sie sitzt im „Home Café“, einem Begegnungszentrum zwischen den Kontrollpunkten der griechischen und der türkischen Seite, mitten in der „Green Line“ genannten Pufferzone, die das EU-Mitglied Republik Zypern im griechischen Süden von der selbsterklärten, nur von Ankara anerkannten „Türkischen Republik Nordzypern“ (KKTC) trennt. 

Kaum Wahlplakate in Nikosia

Es ist Wahlkampf in Zypern, aber kaum jemand geht hin. 550.000 griechische Zyprioten sind aufgerufen, am Sonntag in erster Runde einen neuen Präsidenten zu wählen. Doch von der anstehenden Entscheidung ist in der Hauptstadt Nikosia praktisch nichts zu spüren: kaum Wahlplakate, keine Straßenpropaganda, Versammlungen nur im Saal. „Alle glauben, dass es mit demselben Präsidenten genauso weitergeht wie bisher“, sagt Anna Elia Nicolaou, „entsprechend gering ist das Interesse.“ 

Die schlanke Mittvierzigerin blickt auf die andere Straßenseite, wo sich das alte Luxushotel „Ledra Palace“ erhebt, in dem die Beobachter der Vereinten Nationen ihr Hauptquartier haben. Sie beaufsichtigen den Waffenstillstand, der 1974 auf einen griechischen Putsch, die anschließende türkische Militärinvasion und Teilung der Insel folgte. An der von Stacheldraht gesäumten, mit Betonblöcken gesicherten Straße stehen noch ein paar zertrümmerte Villen, an den Wänden Einschusslöcher. Relikte der damaligen Kämpfe. 

Die zierliche Frau will ins Ledra Palace zur Chorprobe. Seit neun Jahren singt sie in der Gruppe von Zyperngriechen und Zyperntürken – eines von mehreren zivilgesellschaftlichen Friedensprojekten in Nikosia, die versuchen, Gemeinsamkeiten zu betonen, was zunehmend schwerer fällt. „Alle haben sich irgendwie mit der Teilung arrangiert“, sagt Nicolaou. „Ja, wir haben ein gutes Leben. Nur denkt kaum jemand daran, dass sich das jederzeit ändern kann.“ 

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem Dossier Zypern

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