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Zweiter Weltkrieg Gräber vor dem Vergessen retten

Seit 15 Jahren erteilt die Stiftung Sächsische Gedenkstätten Auskunft über das Schicksal vermisster sowjetischer Kriegsgefangener. Jetzt fehlt ihr das Geld. Dem Auswärtigen Amt, der russischen Botschaft und vor allem der Stiftung sei das „seit mehreren Jahren bekannt“.

Soldatenfriedhof Ringe-Neugnadenfeld in Niedersachsen ruhen mindestens 600 russische Soldaten. Foto: Imago

"Verehrter Bürgermeister der Stadt Dresden, es schreibt Ihnen Alfija Bikmuchametowa aus der Stadt Kazan, Republik Tartastan. 1996 habe ich mich mit der Bitte an Sie gewandt, den Ort zu finden, an dem mein Großvater begraben liegt und ein Foto der Grabstelle zu schicken. Meine Bitte wurde erfüllt, dafür möchte ich Ihnen noch einmal danken.“ Nun will die Familie das Grab besuchen, schreibt Alfija Bikmuchametowa, deshalb wende sie sich ein zweites Mal mit der Bitte um Hilfe nach Deutschland.

Solche und ähnliche Schreiben sind es, die bei der Stiftung Sächsische Gedenkstätten eingehen. Seit 15 Jahren erteilt ihre Dokumentationsstelle Angehörigen in Deutschland vermisster sowjetischer Kriegsgefangener Auskunft über deren Schicksal.

Es sind viele Schicksale. Weit über fünf Millionen Rotarmisten gerieten zwischen 1941 und 1945 in Gefangenschaft. 3,3 Millionen starben. Die meisten verhungerten oder erfroren, Opfer des sogenannten Hungerplans, ersonnen vom Reichsministerium für Ernährung und Landwirtschaft. Sowjetische Kriegsgefangene sind nach den Juden die zweitgrößte Opfergruppe des nationalsozialistischen Terrors.

Die Stiftung Sächsische Gedenkstätten war die erste und einzige Stelle, an die sich Angehörigen aus Russland, der Ukraine, Weißrussland, den zentralasiatischen und kaukasischen ehemaligen Sowjetrepubliken wenden konnten. Allerdings nur bis Anfang dieses Jahres.

Seither finden die Suchenden im Internet nur noch einen Hinweis: „Leider müssen wir Ihnen mitteilen, dass die Dokumentationsstelle der Stiftung Sächsische Gedenkstätten ab dem 1.1. 2015 bis auf Weiteres keine Auskünfte mehr zu sowjetischen Kriegsgefangenen geben kann“. Es sind nicht wenige, die davon betroffen sind. Noch vergangenes Jahr gingen von Januar bis September allein 4450 Anfragen ein.

„Politisch gedankenlos“

Dass sie künftig unbeantwortet bleiben, hält Markus Meckel für eine „politische Gedankenlosigkeit“, ein Skandal. Der frühere DDR-Außenminister, SPD-Bundestagsabgeordnete und jetzige Präsident des Volksbundes Deutsche Kriegsgräberfürsorge hat sich nach eigenem Bekunden seit einem Jahr darum bemüht, das Ende der Auskunftsstelle zu verhindern. Aber die Mittel für das Projekt sind erschöpft. Die zuständige Staatsministerin für Kultur und Medien, Monika Grütters, hält nach 14 Jahren Laufzeit die „ursprünglichen Projektziele nun im Wesentlichen für erreicht“. Da „die verwendeten Forschungsmittel erschöpft sind, sieht die Finanzplanung ab 2015 keine Bundesgelder mehr vor“.

Dem Auswärtigen Amt, der russischen Botschaft und vor allem der Stiftung sei das „seit mehreren Jahren bekannt“, heißt es auf Anfrage der FR. Bei der letzten Verlängerung 2011 sei mit der Stiftung vereinbart worden, „bis 2014 einen sinnvollen Projektabschluss“ zu gewährleisten. Allerdings ist auch Grütters’ Amt (BKM) klar, dass humanitäre Gründe dem entgegenstehen können. Solange es Angehörige gibt, die nach ihren ermordeten Großvätern suchen und auf deutsche Hilfe hoffen, kann ein Abschluss kaum sinnvoll sein, zumal das Jahresbudget der Auskunftsstelle laut Stiftung „maximal 200 000 Euro“ beträgt.

Auch das BKM bestätigt, der ursprünglich wissenschaftliche Ansatz, Sichtung und Ermittlung von Daten „anhand deutscher, kriegsbedingt in die Sowjetunion verbrachter Unterlagen“ sei schon lange humanitären Motiven gewichen. „Der Versuch, jedwedes Schicksal aufzuklären, ist jedoch im Rahmen eines Projekts nicht einlösbar“, heißt es. Eine Prüfung des Auswärtigen Amtes auf Förderung habe bisher zu keinem positiven Ergebnis geführt.

Die Daten sollen indes auch künftig genutzt werden können. Angestrebt wird, mit unter Beteiligung des Landes Sachsen ab 2016 eine Stelle bei der Stiftung für die Auskunftstätigkeit zu finanzieren. Die sächsische Staatskanzlei hat der Stiftung bereits Geld dafür bis Juli 2015 zur Verfügung gestellt. „Es ist daher unverständlich, warum die Stiftung auf ihrer Homepage unverändert und fälschlicherweise mitteilt, man habe die Auskunftstätigkeit einstellen müssen“, heißt es im Kanzleramt.

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