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Zwangsheirat Wie Schröder Studienergebnisse zurechtbiegt

Verdrehte Zahlen und ein anti-islamischer Unterton: Ministerin Schröder legt eine Studie über Zwangsheiraten sehr eigenwillig aus. Die Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats sind so empört, dass sie sich mit einer Stellungnahme zu Wort melden.

Dumm gelaufen: Familienministerin Schröder. Foto: dpa

Dass eine Studie über Zwangsheirat in den Händen von Familienministerin Kristina Schröder zur Waffe wird, das ahnten manche schon früh. "Über mögliche ... stereotype Interpretationen und etwaige politische Instrumentalisierungen …wurde… intensiv diskutiert“, schreiben Vertreter des zuständigen wissenschaftlichen Beirats.

Ihre Sorge war berechtigt: Noch vor dem Erscheinen der vom Familienministerium in Auftrag gegebenen Studie veröffentlichte Schröder in der FAZ einen Gastbeitrag, der einigen bitter aufstößt.

Zwangsheirat und Islam

"Aus gutem Grund warnen viele Wissenschaftler vor zu kurzen und zu einfachen Kausalketten", schreibt Schröder da, konstruiert dann aber im nächsten Satz doch einen Zusammenhang. Der religiöse Aspekt dürfe uns "nicht kalt lassen", fordert sie und suggeriert, der Zusammenhang zwischen Zwangsheirat und Islam werde oft verleugnet.

Wenig später argumentiert Schröder mit den Ergebnissen der Studie gegen die doppelte Staatsbürgerschaft: "eine lange Aufenthaltsdauer in Deutschland und die deutsche Staatsbürgerschaft … kommen in der Betroffenengruppe dermaßen oft vor, dass sie offenkundig nicht als zuverlässiger … Motivationsverstärker für die gesellschaftspolitische Integration von Migranten in Frage kommen."

Vier Wissenschaftler des Beirats ärgert der Tenor des Textes derart, dass sie sich jetzt mit einer eigenen Stellungnahme zu Wort melden. Sie beklagen vor allem zwei Punkte:

  • Zahl der Betroffenen:

    "3443 Fälle von Zwangsverheiratungen haben die Beratungsstellen in Deutschland für das Jahr 2008 registriert“, schreibt die Ministerin. Diese Zahl sei falsch interpretiert, kritisieren die Wissenschaftler. In 60 Prozent der Fällen sei es nur um die Androhung einer Heirat gegangen.

  • Religion:

    Laut Schröders FAZ-Artikel sind 83,4% der Eltern von Betroffenen Muslime. "Diese Behauptung ist schlichtweg falsch", schreiben die Wissenschaftler. Betroffene seien im Rahmen der Studie überhaupt nicht befragt worden, es handele sich lediglich um Schätzungen von Beratern. Wer solche Differenzen als beiläufig abtue, der spreche empirischen Studien jeden Sinn ab.

    Überhaupt sei es wahrscheinlich, "dass andere Faktoren als der religiöse Hintergrund eine zentrale Rolle spielen". Als ähnliches Beispiel nennen sie sexuellen Missbrauch durch Vertreter der Kirchen. Auch hier sei die Ursache sicher nicht primär der christliche Glaube, obwohl beide Phänomene zusammen auftauchen.

Bereits im Vorfeld hatten Mitglieder des Beirats gefordert, auf die Frage nach der Religionszugehörigkeit zu verzichten. Das Ministerium habe darauf bestanden – mit der Begründung, man müsse für parlamentarische Nachfragen gewappnet sein.

"Der in der FAZ erschienene Artikel … lässt sich hiermit kaum in Einklang bringen und gibt uns das Gefühl, hinters Licht geführt worden zu sein", schreiben die Wissenschaftler dazu.

Schröder ist sich keiner Schuld bewusst

Die Familienministerin bestreitet die Vorwürfe - und greift ihre Kritiker an. "Die Bundesfamilienministerin ist nicht bereit, die Ergebnisse der Studie und die Leidensgeschichten der Opfer von egal welcher Seite verharmlosen, verschleiern oder umdeuten zu lassen", schreibt ein Pressesprecher pathetisch.

Wegen der Religionszugehörigkeit seien die Beratungsstellen aufgefordert gewesen, diese Angaben nur zu machen, wenn sie sicher seien. "Wir gehen davon aus, dass die Wissenschaftler alle Daten und Zahlen selbstverständlich wissenschaftlich belastbar erhoben haben", so der Sprecher. Und was die Zahl der Fälle angeht: Auch angedrohte Zwangsheiraten seien bereits strafbar, so seine mehr oder weniger schlüssige Erklärung.

In der Vergangenheit versuchte Kristina Schröder mehrmals, sich mit Islamkritik zu profilieren. Unter anderem forderte sie "den politischen Islam genauso [zu] bekämpfen wie den Terrorismus". Eine Studie des Soziologen Christan Pfeiffer interpretierte sie als Beleg für eine Zunahme "deutschfeindlicher" Gewalt - eine These, über die einer besonders erstaunt war: der Autor selbst.

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