Lade Inhalte...

Zuwanderung und Flüchtlinge „Die Leute kommen, um hart zu arbeiten“

Die Mitgliedsstaaten der EU streiten darüber, welches Land wie viele Asylsuchende aufnehmen muss. Der Migrationsforscher Herbert Brücker spricht im FR-Interview über notwendige Zuwanderung und hochqualifizierte Flüchtlinge.

Flüchtlinge im Mittelmeer. Foto: dpa

Seit Jahreswechsel sind tausende Flüchtlinge bei ihrem Versuch ertrunken, nach Europa zu gelangen. Unterdessen sind die Mitgliedsstaaten der EU darüber zerstritten, welches Land wie viele Asylsuchende aufnehmen muss, rechtspopulistische Parteien warnen vor „Überfremdung“ und gewinnen damit Wahlen wie jüngst in Dänemark. Dabei können die Menschen, die zu uns kommen wollen, eine Bereicherung sein, zusätzliche Arbeitsplätze schaffen und für Wachstum sorgen, sagt der Migrationsforscher und Volkswirtschaftler Herbert Brücker vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung. Die allermeisten Zuwanderer kämen ohnehin nicht aus Afrika oder den Bürgerkriegsgebieten im Mittleren Osten, sondern aus EU-Ländern nach Deutschland.

Herr Brücker, Europa und besonders Deutschland erscheint in einer von Krisen geschüttelten Welt als Insel der Seligen, auf die es sich zu retten gilt. Immer mehr Menschen wollen zu uns. Wer kommt da auf uns zu?
Das sind ganz unterschiedliche Gruppen. Aus den Staaten südlich der Sahara kommen, anders als oft angenommen, nur relativ wenige Menschen nach Europa. Ein weitaus größerer Teil der Flüchtlinge, die über das Mittelmeer nach Europa zu gelangen versuchen, stammt aus Bürgerkriegsländern wie Syrien, Irak oder auch aus Afghanistan. Sie sind auf der Flucht vor Verfolgung und Vertreibung, ihre Heimatorte liegen in Trümmern, ihre wirtschaftlichen Grundlagen wurden zerstört. Hinzu kommen Menschen aus zerfallenden Staaten wie Somalia, Sudan oder Libyen. Nach Angaben der europäischen Grenzagentur Frontex stammen knapp 90 Prozent der Bootsflüchtlinge aus den genannten Ländern. In Deutschland erhalten etwa 80 Prozent der Flüchtlinge Asyl oder einen anderen Schutz und können in der Regel dauerhaft bei uns bleiben. Das ist eine sehr hohe Quote. Bei Zuwanderern, die aus Europa zu uns kommen, sieht die Sache anders aus.

Die müssen aber doch gar keine Asylanträge stellen, um bleiben zu können.
Wenn sie aus Nicht-EU-Staaten zuwandern, schon. Für sie sind die Hürden einer Arbeitsmigration häufig zu hoch. Es handelt sich vor allem um Menschen aus dem Kosovo, aus Mazedonien, Albanien, Montenegro, Bosnien und auch aus Serbien, die zwar einen Asylantrag stellen, aber fast durchweg abgelehnt werden. Denn sie flüchten nicht vor staatlicher Verfolgung, Krieg oder Diskriminierung, sondern sie kommen aus wirtschaftlichen Gründen, um hier zu arbeiten und ein besseres Leben zu führen. Das sind zwar nachvollziehbare und keineswegs ehrenrührige Motive, sie begründen aber kein politisches Asyl. Bei diesen Personen handelt es sich aber um eine relativ kleine Gruppe. Die allermeisten Zuwanderer – etwa zwei Drittel – kommen aus den EU-Ländern zu uns.

Aus den Krisenländern Griechenland, Spanien und Portugal, vermutlich.
Falsch. Es gab zuletzt zwar auch aus den genannten Staaten eine Nettozuwanderung von rund 85 000 Personen pro Jahr, 190 000 Personen kamen aber beispielsweise aus den neuen EU-Mitgliedsstaaten. Die Migrationsströme haben sich verändert. Vor der Finanzkrise sind Bürger aus den Ländern der ersten Ost-Erweiterungsrunde überwiegend nach Großbritannien und Irland, Bulgaren und Rumänen nach Spanien und Italien gewandert. Zwei Millionen Rumänen und Bulgaren leben heute in Spanien und Italien, wo es seit Ausbruch der Wirtschaftskrise aber kaum noch Arbeitsgelegenheiten gibt. Daher kehren viele in ihre Heimat zurück, andere ziehen weiter. Hinzu kommen junge Leute, die erstmals ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit verlassen, aber traditionelle Zielländer wie Spanien, Italien oder auch Irland meiden. Die meisten Migranten aus den neuen Mitgliedsstaaten steuern seit der Finanzkrise Mittel- und Nordeuropa an.

Alle wollen nach Deutschland?
Deutschland bietet aufgrund seiner guten wirtschaftlichen Entwicklung und Arbeitsmarktlage natürlich hohe Löhne und gute Aussichten, eine Arbeit zu finden. Aber Schweden nimmt, gemessen an der Bevölkerung, viel mehr Zuwanderer auf als Deutschland, auch Österreich, die Schweiz und – immer noch – Großbritannien zählen zu den beliebten Einwanderungszielen.

Trifft der Vorwurf zu, viele der Zuwanderer wollten es sich in unserem Sozialstaat gemütlich machen?
Nach allem, was wir wissen, nicht. Die Leute kommen, um zu arbeiten. Das können sie in ihren Heimatländern häufig nicht oder nur zu deutlich schlechteren Bedingungen, weil dort aufgrund der Wirtschaftslage Jobs und Perspektiven fehlen. Das belegen nicht nur Umfragen unter den Zuwanderern, sondern auch Daten zur Arbeitslosigkeit und Erwerbsbeteiligung. Die Beschäftigungsquote der Migranten aus der EU liegt mit 74 Prozent praktisch genauso hoch wie die der einheimischen Bevölkerung, die Arbeitslosigkeit ist nur geringfügig höher. Das heißt: Gerade die Menschen, die von Rechtspopulisten als Wirtschaftsflüchtlinge oder sogar als Sozialschmarotzer stigmatisiert werden, arbeiten hart und tragen zum Erhalt des Sozialstaates wesentlich bei.

Das klingt, als ginge es uns ohne Zuwanderer schlechter.
Genau das wäre der Fall. Ohne Zuwanderung wird in Deutschland das Erwerbspersonenpotenzial, also die Menschen, die dem Arbeitsmarkt grundsätzlich zur Verfügung stehen, bis 2050 um 35 Prozent zurückgehen. Das sind gut 15 Millionen potenzielle Arbeitskräfte weniger. Die Wirtschaft schrumpft, es gibt immer mehr Rentner pro Erwerbstätigem, was wiederum Finanzierungsprobleme der Renten-, Kranken- und Pflegeversicherung aufwirft. Bei einer jährlichen Zuwanderung von 200 000 Menschen, ginge das Erwerbspersonenpotenzial um „nur“ 18 Prozent zurück. Bei 500 000 Zuwanderern bliebe es konstant, wobei die Anzahl älterer Menschen trotzdem weiter anstiege und so die sozialen Sicherungssysteme dennoch stärker belastet würden als heute. Diese Prognosen zeigen: Zuwanderung kann unser demografisches Problem nicht lösen, aber doch spürbar lindern.

Sind die Menschen, die zu uns kommen, denn ausreichend qualifiziert, um sich erfolgreich zu integrieren?
Ja und nein. Einerseits sind viele der heutigen Zuwanderer viel besser ausgebildet als vorangegangene Generationen: 40 Prozent sind Akademiker, vor 15 Jahren waren es erst 20 Prozent und unter den ersten Gastarbeitern in den 60er Jahren befanden sich so gut wie keine Hochschulabsolventen. Der Akademikeranteil in der deutschen Bevölkerung liegt aktuell mit 25 Prozent ebenfalls deutlich unter dem der heutigen Zuwanderer. Die Akademiker wandern übrigens nicht nur aus der EU und anderen entwickelten Staaten ein. Auch unter den Bürgerkriegsflüchtlingen des Mittleren Ostens befinden sich viele Studierte.

Das heißt: Nie kamen so viel hoch Gebildete nach Deutschland wie heute?
Richtig, mit Ausnahme der Griechen.

Sie sprechen vom Altertum.
Nein, vom 20. Jahrhundert. Nach dem Militärputsch 1967 kehrten sehr viele besonders gut ausgebildete Griechen ihrer Heimat den Rücken und kamen nach Deutschland. Ähnliches gilt für Flüchtlinge aus dem Iran und Vietnam.

Und die Übrigen?
Die haben es schwerer. Heute verfügt ein Drittel der Zuwanderer nicht über eine abgeschlossene Berufsausbildung. Bei einigen außereuropäischen Herkunftsländern sind es sogar bis zu 70 Prozent, während die übrigen wiederum sehr gut ausgebildet sind. Was fehlt, ist der Mittelbau aus Facharbeitern, Kaufleuten, Handwerkern, ausgebildeten Dienstleistern und Verwaltungsfachkräften. Es gibt also eine große Gruppe von Migranten mit hervorragenden Voraussetzungen und eine andere mit sehr schlechten. Eine solche Polarisierung hat es früher nicht gegeben. Das bringt neue Herausforderungen mit sich.

Und macht manchen Menschen Angst – vor Überfremdung, vor dem Verlust des eigenen Arbeitsplatzes, vor Billiglohnkonkurrenz durch Armutszuwanderung.
Solche Befürchtungen sind aber unbegründet, das zeigen die Daten. Von der großen Gruppe der gut ausgebildeten Zuwanderer profitieren Arbeitsmarkt und Wirtschaft insgesamt. Hochqualifizierte Beschäftigte schaffen zusätzliche Arbeitsnachfrage für Gering- und Mittelqualifizierte. Grundsätzlich gilt: Je besser die Qualifikation der Migranten, desto besser sind die Wirkungen für den Arbeitsmarkt und desto weniger Verlierer gibt es.

Brauchen wir demnach ein neues Zuwanderungsrecht, um noch mehr qualifizierte Menschen ins Land zu holen?
Die Arbeitsmigration nach Deutschland aus Ländern der EU funktioniert gut, die Arbeitskräftemigration aus Drittstaaten dagegen nicht. Wir sollten den Arbeitsmarkt für Menschen aus Ländern außerhalb der EU viel weiter öffnen, insbesondere für Hochschulabsolventen und ausgebildete Fachkräfte. Die Verdienste, die sie heute für eine Blue Card nachweisen müssen, liegen mit jährlich 48 400 Euro, in Mangelberufen knapp 37 800 Euro, viel zu hoch. Schließlich verdienen auch deutsche Hochschulabgänger im ersten Berufsjahr durchschnittlich nur 27 000 Euro. Wir sollten für qualifizierte Arbeitskräfte außerdem auf Vorrangprüfungen – gibt es einen deutschen Bewerber oder einen aus der EU – und anderen bürokratischen Unsinn verzichten: Wenn Zuwanderer ein Arbeitsverhältnis nachweisen können, das angemessen entlohnt ist, sollten sie bleiben dürfen.

Ist es ethisch nicht bedenklich, wenn wir armen Ländern ihre besten Arbeitskräfte abwerben?
Dieser Einwand scheint plausibel. Neuere Forschungen zeigen aber etwas anderes: Menschen in Schwellenländern richten ihre Bildungsanstrengungen auch danach aus, wie sie ihre Aussichten einschätzen, im Ausland eine Anstellung zu finden. Das heißt: Die Chance auf einen guten Job in Deutschland oder Kanada fördert die Bildungsanstrengungen in weiten Teilen der Bevölkerung. Aber nur ein kleinerer Teil wandert später wirklich aus und viele Migranten kehren auch wieder in ihre Heimatländer zurück. Unter dem Strich können die Herkunftsländer dadurch profitieren, zumal ja auch viele Auswanderer ihre daheim gebliebenen Familien unterstützen. Für die ganz armen Länder wie zum Beispiel Haiti ist die Bilanz allerdings negativ.

Was geschieht mit gering qualifizierten Flüchtlingen? Müssen die draußen bleiben und im Mittelmeer ertrinken?
Die vielen tausend Toten im Mittelmeer sind eine moralische Bankrotterklärung. Diesen Menschen muss man aus humanitären Gründen Möglichkeiten eröffnen, ohne Gefahr für Leib und Leben bei uns Asyl zu beantragen. Wir brauchen ein Visum zu humanitären Zwecken, das Verfolgten den legalen Zugang zur EU ermöglicht. Das wird zu steigenden Asylbewerberzahlen führen und zunächst auch zu höheren Kosten für den Sozialstaat. Aber das können und müssen wir uns leisten, wenn wir den ethischen Anspruch der Genfer Flüchtlingskonvention und des Grundrechts auf Asyl im deutschen Grundgesetz ernst nehmen.

Interview: Stefan Sauer

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen