Lade Inhalte...

Zum Tode von Vaclav Havel Ein Held, der das Leben liebte

Als unerschrockener Schriftsteller und Systemkritiker machte er sich einen Namen, als „Seele der Samtenen Revolution“ schrieb er 1989 Geschichte: Vaclav Havel ist im Alter von 75 Jahren gestorben.

Vaclav Havel, Dichter, Bürgerrechtler und Präsident Tschechiens, ist im Alter von 75 Jahren verstorben. Foto: dapd

Im Jahre 1969 erschien im Suhrkamp-Verlag der zwölfte Band der Reihe Spectaculum. Sechs zeitgenössische Theaterstücke gab es darin zu lesen. Darunter „Das Gartenfest“ von Vaclav Havel. Er stand da neben Max Frischs „Biografie: Ein Spiel“, Martin Walsers „Zimmerschlacht“, Peter Handkes „Kaspar“, Heiner Müllers „Philoktet“ und José Trianas „Die Nacht der Mörder“, das wohl Enzensberger aus Kuba mitgebracht hatte. Havels Stück hatte seine deutsche Erstaufführung damals schon hinter sich. Sie hatte im Oktober 1964 in der Werkstatt des Schillertheaters stattgefunden.

Auf dem Gartenfest geraten die Funktionäre des Amtes für Eröffnung in Streit mit den Funktionären des Amtes für Auflösung. Der Held des Stücks schlägt vor, ein Amt für Eröffnung-Auflösung-Eröffnung zu gründen. Er bekommt viel Beifall dafür. Aber keiner scheint die Parodie, die darin liegt, zu verstehen. So viel zur Handlung auf der Bühne. Das Publikum dagegen verstand sehr wohl, wie Havel nicht nur die Hohlheit der Sprache der Parteifunktionäre auf die Schippe nahm, sondern auch ihre Aktionen, ja das ganze System. Das Publikum? Das waren immer zwei. Die Kritiker und die Vertreter des Systems. Die Kritiker der kommunistischen Herrschaft verstanden Vaclav Havel, denn sie teilten seine Ansichten. Die Vertreter des Systems verstanden Vaclav Havel, weil er es darauf anlegte, verstanden zu werden.

In Spectaculum 12 folgt Vaclav Havels „Gartenfest“ gleich auf Heiner Müllers „Philoktet“. Das verführte schon damals zum vergleichenden Sehen. Teile der kritischen Intelligenz der DDR emigrierten für ein paar Jahre in die Antike, wollten die eigenen Verhältnisse im griechischen Kostüm zum Tanzen bringen. Ihr Blick auf die Funktionärskaste unterschied sich nicht von Havels Analyse. Aber dessen Direktheit schien in der DDR nicht praktikabel. Hier wurde damals gerade nach einer Sprache gesucht, die hinaushelfen könnte aus den Käfigen der Ideologie.

Skepsis gegenüber Happy Ends

Dieses Problem hatte Havel nicht. Er war niemals ein Parteigänger des Kommunismus gewesen. Er hatte immer seine eigene Sprache gesprochen. Er musste sich keine suchen wie Handkes Kaspar und keine neue wie seine Schriftstellerkollegen in der DDR. Das war nicht nur sein Verdienst. Es war wahrscheinlich zunächst einmal das Verdienst des kommunistischen Regimes der Tschechoslowakei. Das ließ den Großbürgersohn aus einer der bekanntesten Familien Prags nicht rein ins neue Establishment. Abitur und Studium musste er in Extrakursen nachholen. So kam er lange nicht in die Versuchung, den nützlichen Idioten für eine schändliche Politik zu geben.

Im November 1963 war „Das Gartenfest“ im Theater am Geländer, in dem Havel als Bühnentechniker untergekommen war, uraufgeführt worden. Seitdem gehörte Vaclav Havel zu jenen, die mithalfen, Prag zu einem der künstlerisch interessantesten Orte der kommunistischen Welt zu machen. Hier entstand das Klima, das zum Prager Frühling, dem ersten echten Tauwetter, führte. Als die Panzer der Bruderstaaten dem ein Ende machten, hielt Havel nicht den Mund. Hatte er Publikationsverbot, so gab er eben Interviews.

Als 1976 die Prager Popgruppe „Plastic People of the Universe“ verboten wurde, prangerte Havel die Menschenrechtsverletzungen der Regierung an. Er ging noch einen Schritt weiter und half bei der Schaffung einer regierungsfeindlichen Organisation, der Charta ’77. Ihr Ziel war, die auch von der tschechoslowakischen Regierung unterzeichnete Schlussakte von Helsinki, in der die Achtung der Menschenrechte einschließlich der Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit kodifiziert waren, zu nutzen, um dem Regime auf die Finger zu klopfen und auf die Füße zu treten.

Vaclav Havel ging für seine Überzeugungen immer wieder ins Gefängnis. Ein Satz, der einschließt, dass er auch immer wieder entlassen wurde. Der Druck des Auslandes spielte eine Rolle. Man wird davon ausgehen dürfen, dass der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher dabei eine sehr positive Rolle gespielt hat. Havel war nie ein Träumer. Er hatte ein sehr gutes Gespür für Menschen und für politische Konstellationen. Es gibt eine Trauerkarte mit einem Kreuz und darunter einem Satz von Vaclav Havel: „Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.“

Wenn man sich diesen Satz von einem lachenden Mann in Jeans und Hemd mit hochgekrempelten Ärmeln gesagt vorstellt, dann hat man eine Ahnung davon, wer Vaclav Havel war. Man muss sich weiter dazu denken, dass er im nächsten Satz die Gewissheit, von der er spricht, ein klein wenig relativiert hätte. Aber niemals hätte er abgelassen von seiner Skepsis gegenüber der Philosophie des Happy Ends. Er mochte das nicht als Dramatiker. Und das Leben kannte er zu gut, um daran zu glauben, dass irgendetwas gut ausgehen könnte. Schon, weil es niemals ausgeht. Täte es das aber, wäre das doch gewiss kein Happy End.

Seite 2: Das ganz große Happy End im Leben des Vaclav Havel

Dennoch gab es ein ganz großes Happy End in seinem Leben, in unserem Leben. Das war das Ende des Kommunismus oder der sich kommunistisch nennenden Regime in – sagen wir es korrekt – Mitteleuropa. Daran haben viele gearbeitet. Nicht zuletzt Vaclav Havel. Aber wäre nicht Michail Sergejewitsch Gorbatschow Generalsekretär der KPdSU gewesen, alles hätte doch in einer Reihe von Blutbädern wie auf dem Tiananmen in Peking enden können.

Unter dem Schutzschirm der Nichtintervention der sowjetischen Armee stürzte das von Stalin gezimmerte Reich zusammen. Die sowjetischen Streitkräfte kamen auch darum nicht zum Einsatz, weil sie in Afghan istan geschlagen worden waren. Die Freiheit der Menschen in Prag, in Budapest, in Warschau und Riga, im Prenzlauer Berg wurde ganz wesentlich von den Mudschaheddin erkämpft.

Vaclav Havel wurde am 29. Dezember 1989 zum Präsidenten der Tschechoslowakei gewählt. Ein paar Monate davor hatte er noch im Gefängnis gesessen. Dass er Präsident wurde, war vor allem ein symbolischer Akt. Der Untergrund, die vom Regime als „Rowdys“ bezeichneten Oppositionellen machten mit ihm klar, dass es einen radikalen Bruch geben würde mit dem System. Dass er Präsident blieb, war seine Leistung. Was er als junger Mann als Parodie beschrieben hatte – das Amt für Eröffnung-Auflösung-Eröffnung – das machte er jetzt im Ernst. Und er machte es, so scheint es, sehr, sehr gut. Gleich zwei Mal. Einmal der Übergang vom kommunistischen Regime zu einer auf wirklich freien Wahlen beruhenden Demokratie, in der unterschiedliche Parteien um Mehrheiten streiten. Und das andere Mal bei der Auflösung der Tschechoslowakei.

Zu souverän für Galgenhumor

Vaclav Havel war dagegen. Er verlor. Und doch wurde er im Januar 1993, nach der Trennung von Tschechischer und Slowakischer Republik, Präsident der neuen Tschechischen Republik. Bis Februar 2003. Vaclav Havels Leben ist ein Filmstoff. Er ist einer der Helden der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts. Es ist traurig, dass man jetzt „war“ sagen muss. Er ist ein Held, weil er nicht davon ausging, dass es gut ausgehen würde, aber trotzdem kämpfte. Er ist ein Held, weil er im schlimmsten Getümmel seinen Witz nicht verlor. Er ist ein Held, weil er sich nicht fürchtete, nicht vor den Feinden und – wichtiger noch – nicht vor den Freunden. Falls er sich aber doch fürchtete, wer kann schon in den Anderen hineinsehen, so sah er sich sehr vor, andere anzustecken mit dieser Furcht. Als ich ihn einmal in den achtziger Jahren zwischen zwei Gefängnisaufenthalten traf, sprach er ruhig über die Lage im Land, über die Schwierigkeiten der Opposition, dann lachte er und erzählte Geschichten aus dem Gefängnis, Anekdoten, die zeigten, dass der Kampf nicht ganz so aussichtslos war, wie er einem mal für ein paar Tage nach Prag gereisten Journalisten aus Westberlin, erschien. Ich glaubte ihm damals die Heiterkeit nicht. Ich meinte so etwas wie Galgenhumor zu spüren. Aber dafür war er zu souverän. Sein verschmitztes Lächeln war nach vielen Seiten hin zu interpretieren. Dass er ein Freund der Ironie war, hatte ich schon 1969 dem Spectaculum-Band entnommen. Ich wusste nicht, woran ich bei ihm war.

Vielleicht, denke ich heute, wusste er es damals auch nicht. Es wird oft Augenblicke in seinem Leben gegeben haben, da er nicht wusste, ob er das können würde, was jetzt zu tun war. Er hat es getan, eh man es ihm gebeut, um wieder einmal Paul Fleming zu zitieren. Auch darum ist er ein Held. Ein Vorbild? Eher nicht. Man sieht manchmal im Fernsehen Menschen sehr gefährliche Dinge tun. Der Moderator sagt dann: Nicht nachmachen! Nicht nachmachen! Das ist etwas für Profis! Er hat recht, der Moderator. Aber ohne die, die ohne zu wissen, ob sie es können, die Sachen einfach tun, die getan werden müssen, wäre die Menschheit nicht. Wir tun gut daran, das Risiko zu scheuen. Aber auch daran, es immer wieder einzugehen. Es gibt kein Rezept, um den einen Moment vom anderen zu unterscheiden. Vaclav Havel hat auch viel Glück gehabt.

Havel liebte das Leben

Vaclav Havel war Schriftsteller. Seine Bücher erschienen bei Rowohlt. 1990 erschien eine Sammlung seiner zwischen 1969 und 1990 publizierten Essays. Der Titel war „Am Anfang war das Wort“. Bei einem gläubigen Menschen wäre das Größenwahn. Bei Havel war es einfach die Feststellung einer Tatsache. Er war ein erfolgreicher Dramatiker und Essayist. Das ist genug für ein Leben. Aber er war auch ein erfolgreicher Oppositioneller im sogenannten Ostblock. Auch das ist mehr als genug. Aber er war dann auch ein erfolgreicher Präsident einer Demokratie. Es ist das, was ihn für viele von uns so wichtig macht. Er zeigt uns, dass wir mehr sein können als das, was wir sind. Er hat keinen seiner Berufe ordentlich erlernt. Er führt uns vor, wozu Menschen fähig sind, wenn sie Mut haben und die Kraft und die Energie und die Bereitschaft, dazu zu lernen.

Er konnte das alles, denke ich mir, weil er das Leben liebte. Er liebte es, weil es eine Wundertüte ist. Nie weiß man, was es bringt. Er liebte es auch noch, als ihm vor fünfzehn Jahren die Hälfte des rechten Lungenflügels entfernt wurde. Diese Art das Leben zu lieben – wir können sie nicht lernen, aber ein klein wenig abgucken davon, das wäre schon ein großer Beitrag zur Verbesserung unserer Lebensverhältnisse. Er soll, das hat mich – mitten im Schreck – gefreut, im Schlaf gestorben sein.„Zusammen mit dem tschechischen Volk trauern wir um den Verlust eines großen Europäers.“„Europa ist ärmer geworden, wir alle sind es.“„Er war ein Symbol und das Gesicht der Republik.“„Ein großer Mann, ohne den die Freiheit nicht möglich gewesen wäre.“

„Havels Stimme wird in Europa enorm fehlen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum