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Zum Spülen zwangsverpflichtet

Mit der allgemeinen Vorstellung von sinnvoller sozialer Arbeit hat der Zivildienst heute oft wenig zu tun

Ich würde gerne etwas Sinnvolles arbeiten, aber man lässt mich nicht. Einen Hof kehren konnte ich vorher“, sagt ein Zivildienstleistender. „Ich konnte vorher Glühbirnen wechseln“, sagt ein anderer, der gerne eine „Stütze der Gesellschaft wäre“, wie Politiker den Pflichtdienst kurz vor dessen De-facto-Abschaffung oft preisen. Mit solchen verklärten Darstellungen des Zwangsdienstes haben die Berichte der 23 Zivis im Einführungskurs in Wetzlar nichts gemein.

Die 19- bis 23-Jährigen, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen wollen, kritisieren den Zivildienst schonungslos und ohne zu jammern. Dabei wirken sie bereits nach zwei ihrer mindestens sechs Monate Dienst eher desillusioniert, fühlen sich benachteiligt und ärgern sich über die aktuelle Debatte. Bei der wird so getan, als ob der Ersatzdienst sinnvoll, hilfreich und für Jugendliche eine Chance sei, sich einerseits zwischen Schule und Ausbildung sozial zu engagieren und andererseits wertvolle Erfahrungen zu sammeln.

Aus ihrer Sicht sind sie wegen des besonderen Dienstrechts „rechtlose Arbeitskräfte, die für zwei Euro die Stunde eine 40-Stunden-Woche leisten“ und „als Mädchen für alles eingesetzt werden“. Statt wie erhofft pädagogisch zu arbeiten, verbringen sie ihre Zeit nahezu ausschließlich als Fahrer, Hausmeister oder Küchenhilfe. Dabei hatten sie sich bewusst eine Stelle im Kinder- und Jugendbereich der evangelischen Kirche Hessen-Nassau gesucht. Doch nur ein Einziger der 23 betreut einen Jugendlichen mit Lese- und Rechtschreibschwäche, ein Weiterer darf etwa eine Stunde am Tag bei den Hausaufgaben helfen. Der Rest spült, fegt oder fährt den Nachwuchs zur Schule und zurück.

Mythos bestimmt die Debatte

Mit ihren Erfahrungen sind sie nicht allein. Bei Einführungskursen für Zivis aus der Alten-, Kranken- und Behindertenhilfe gebe es in der Regel inzwischen kaum jemanden, der so wie früher unmittelbar in der Pflege eingesetzt werde, sagt Wolfgang Buff, seit Jahrzehnten Zivildienstberater der evangelischen Kirche. Ähnlich wie die „Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen“ (KDV-Zentralstelle) weist er seit langem auf die zahlreichen Missstände des Zivildienstes hin. Und stellt fest: Die Diskrepanz zwischen der realen Arbeit der Zwangsverpflichteten und dem „Mythos Zivildienst“ sei groß und werde zudem von der „breiten Öffentlichkeit ignoriert“.

Die 23 Zivis hören trotzdem konzentriert zu, als Buff ihnen ihre Aufgabe erklärt. Sie sind trotz ihrer Kritik davon überzeugt, die bessere Variante des Pflichtdienstes gewählt zu haben. „Unser Job ist allemal sinnvoller als zu lernen, wie man Menschen tötet“, sagt einer in Anspielung auf den Kriegsdienst mit der Waffe bei der Bundeswehr.

Ihr Dienst fiele ihnen allerdings leichter, wenn sie sich von ihren ausgemusterten oder vom Bund gar nicht berücksichtigten Freunden nicht anhören müssten, etwas falsch gemacht zu haben. Denn nur noch ein geringer Teil der rund 400000 jungen Männer eines Jahrgangs wird überhaupt noch eingezogen. All die anderen können ungehindert studieren oder nach ihrer Berufsausbildung arbeiten.

Könnten sie es sich aussuchen, würde keiner der 23 erneut verweigern und den Zivildienst absolvieren. Das hat viel mit dem Zwang an sich und ihrer täglichen Arbeit zu tun, aber wenig mit ihren Motiven. Die Hälfte der Zivis kann sich durchaus vorstellen, ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren oder einen sozialen Dienst, der ihre Interessen stärker berücksichtigt. Denn zehn von ihnen engagieren sich bereits seit Jahren ehrenamtlich – etwa in einem Verein.

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