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Zu wenig Strom Industrie als Strompuffer

Wird's im Winter eiskalt, könnte es knapp Strom knapp werden. Dagegen könnten man neue Gaskraftwerke bauen - oder die Industrie fährt ihren Stromverbrauch in Notzeiten runter. Dafür fordern Industrieverbände finanzielle Anreize.

Um für eine sichere Stromversorgung zu sorgen, könnte die Industrie ihren Verbrauch in Notzeiten runterfahren. Dafür will sie aber Geld. (Symbolbild) Foto: dapd

Kommt Deutschland ohne großen Stromausfall über diesen Winter? Die Bundesnetzagentur meint: Es wird sehr eng, haut aber hin, wenn ein paar alte Kraftwerke mithelfen. Tobias Federico, Chef des renommierten Analysedienstes Energy Brainpool, ist anderer Meinung: „Ein massiver Stromausfall ist nicht unrealistisch.“

Entscheidend ist das Wetter. Das Horrorszenario wäre laut Federico ein stabiles, eisiges Hochdruckgebiet im Januar. Ohne Wind drehen sich auch die Windräder nicht. Zwischen 17 Uhr und 20 Uhr wird in Deutschland am meisten Strom verbraucht. Genau dann sinkt die Leistung der Solaranlagen auf Null. Federico weiter: „Gleichzeitig braucht auch Frankreich sehr viel Strom, dort wird damit teils sogar geheizt. Dann wird es in den beiden Ländern, die sich sonst gegenseitig stützen können, sehr, sehr knapp, für Unvorhergesehenes ist kein Platz mehr. Kommt es in Frankreich zu einem Zusammenbruch des Netzes, bleibt auch Deutschland nicht verschont.“

Stromsystem ist auf Kante genäht

Die Industrie ist alarmiert. Christof Bauer, Leiter des Energiemanagements beim Chemieriesen Evonik Industries, sagt: „Ein Stromausfall selbst über Bruchteile einer Sekunde hat für Chemiestandorte gravierende wirtschaftliche Folgen. Dies liegt daran, dass es nach einer Notabschaltung der Produktionsprozesse Stunden bis Tage dauert, bevor wieder ein stabiler Produktionsablauf eingestellt ist – dies führt zu wirtschaftlichen Schäden in Millionenhöhe.“

Andere, wie Felix Matthes vom Öko-Institut, halten die Blackout-Gefahr für gering. Klar ist aber in jedem Fall: Das deutsche Stromsystem ist mit dem Abschalten der acht ältesten Kernkraftwerke auf Kante genäht. Und die Situation wird sich noch verschärfen. Die neuen Öko-Strom-Kraftwerke liefern nur schwankend Strom, viele alte (Atom-)Kraftwerke sollen bald abgeschaltet werden.

Was tun? Eine Möglichkeit wären neue Gaskraftwerke. Sie sind umweltverträglich und flexibel. Doch neue Projekte gibt es kaum, weil die Anlagen durch den Ausbau der Erneuerbaren immer weniger laufen. Schon wird über Subventionen für Gaskraftwerke diskutiert. Eine zweite Möglichkeit: Die Privathaushalte dämpfen ihre Nachfrage, wenn es knapp wird. Das Problem dabei: Die „intelligenten Netze“ werden erst in vielen Jahren einsetzbar sein, Milliarden kosten und auch nach ihrer Einführung ist unsicher, ob die Haushalte ihr Verhalten nennenswert ändern.

Und dann gibt es da noch eine naheliegendere Lösung, über die bislang kaum diskutiert wird: Die enorme Pufferwirkung, die die Industrie entfalten könnte. Sie verbraucht etwa die Hälfte des deutschen Stroms. Bauer von Evonik sagt: „In der Industrie gibt es ein hohes Potenzial, zur Stabilisierung der Netze beizutragen und zwar sowohl durch gezielten Mehr- als auch Minderverbrauch. Davon wird bislang allerdings wenig Gebrauch gemacht.“ Abschätzungen, nach denen die Industrie ein Zehntel des Höchstverbrauchs in Deutschland abfedern könnte „halte ich für realistisch“, sagt Bauer. Das wäre eine enorme Menge, die der Leistung von acht Kernkraftwerken entspricht. Oder anders: Mit der Industrie als Regler könnte Deutschland viele Jahre die Energiewende ohne Angst vor Blackouts vorantreiben.

Belohnung für Industrie für reduzierten Stromverbrauch

Der Verband der Chemischen Industrie, der Großverbraucherverband VIK, in dessen Vorstand Bauer sitzt, und die Wirtschaftsvereinigung Metalle, drängen deshalb darauf, dass die Industrie belohnt wird, wenn sie bei Stromknappheit den Verbrauch reduziert und den Rückstand später wieder aufholt. Dafür braucht es aber laut Bauer finanzielle Anreize, weil die Anlagen etwas größer ausgelegt werden müssen.

Derzeit ist das Gegenteil der Fall: Wer flexibel ist, wird bestraft. Bis zu einem Fünftel der Stromkosten der Industrie, so Bauer, hingen nicht vom Verbrauch, sondern von der maximal abgenommen Menge ab. Bauer erklärt: „Wer also statt kontinuierlich 100 Prozent manchmal 50 Prozent, und zu anderen Zeiten dann 150 Prozent seines Durchschnittsverbrauchs einstellt, wird durch deutlich höhere Netzentgelte bestraft. Das muss die Bundesnetzagentur unbedingt ändern.“ Immerhin: Die Bundesregierung überarbeitet die Gesetzgebung. Vielleicht wird Deutschlands größter Strompuffer, die Industrie, doch noch aktiviert.

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