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Zirkuskatastrophe Das Brandmal

Vor fünfzig Jahren ereignete sich im brasilianischen Niterói die größte Zirkuskatastrophe aller Zeiten. Einen Ort des Erinnerns vermissen die Überlebenden bis heute.

Edenir Gonçalves mit ihren Töchtern Camila (r.) und Carol – vor 50 Jahren hat sie beim Zirkusbrand Mutter und Schwester verloren. Foto: Anja Kessler

Es ist einer dieser Orte ohne Charakter, wie es sie in jeder Stadt gibt: ein rechteckiger, nicht asphaltierter Parkplatz, auf dem Pfützen stehen. An einer der Längsseiten eine vielleicht hundert Meter lange Mauer, über die Mangobäume ihr dunkelgrünes Laub strecken. Der Platz gehört zur Poliklinik Niterói, der eher unscheinbaren Schwesterstadt von Rio de Janeiro. Mit militärischer Unverdrossenheit hat man an die Wände dieses Gevierts die Aufforderung gemalert, richtig herum einzuparken: Pare certo. Und zwar 69 Mal, an jeden der 69 Parkplätze.

Ein banaler Ort also. Aber der nüchterne Industriebau, dessen Rückseite die andere Längswand des Parkplatzes bildet, gibt einen Hinweis darauf, dass dieser Nicht-Ort der Schauplatz des schlimmsten Unglücks in der brasilianischen Geschichte war. Die neun Fenster an der langen Rückseite des Gebäudes – genau sie sind im Hintergrund eines Fotos zu sehen, das eine Zeitung von Niterói am 18. Dezember 1961 druckte. Der Vordergrund zeigt ein chaotisches Durcheinander von umgeworfenen Klappstühlen. Es ist eines dieser Fotos, auf denen das nicht Gezeigte, das nicht – oder nicht mehr – Präsente den stärksten Eindruck hinterlässt.

„Rund drei Minuten brauchten die Flammen, um sich von der Plane nahe der Tribüne bis zum höchsten Punkt des Zirkuszeltes auszubreiten“, beschrieb die Zeitung O Globo den Beginn der Tragödie, „als die Seile rissen, fiel das brennende Zeltdach wie ein Wurfnetz auf die 2.500 Zuschauer herab und schloss sie in ein Feuerinferno ein.“ Im Dezember jährte sich das Desaster zum fünfzigsten Mal. Es ist das furchtbarste Zirkusunglück aller Zeiten.

Zwei Drittel der Toten, so schätzte man damals, waren Kinder, denn das Feuer brach in der Nachmittagsvorstellung des Gran Circus Norte-Americano aus. Wie viele Menschen ums Leben kamen, konnte nie geklärt werden. Die Zahlen variieren zwischen hundert und tausend.

Vier Wochen im Koma

Niterói ist heute die Stadt mit der wohlhabendsten Bevölkerung in ganz Brasilien. Was weniger an der florierenden Werftindustrie liegt, denn am Verlauf der Stadtgrenze. Sie ist so gezogen, dass die meisten Armenviertel in São Gonçalo liegen, der sich nahtlos anschließenden Nachbargemeinde. Dort, an einer breiten, lauten Durchgangsstraße, lebt seit 25 Jahren Luís Gomes da Silva in einem bescheidenen Apartment. „Ich kann nicht behaupten, dass mein Leben optimal verlaufen ist“, sagt der alte Herr mit den lebhaften braunen Augen, „ich musste es schon selber optimieren.“

Seit acht Jahren habe er seine Wohnung nicht mehr verlassen, erzählt er. Nachts schläft er in dem Bett, auf dem er tagsüber sitzt, eine Frau betreut ihn, ein Freund von früher kümmert sich um seine Rente und seine Rechnungen. Was vor acht Jahren passiert ist? „Ich habe viel getrunken“, sagt er, „ich hatte Infarkte und habe weiter getrunken.“ In Wirklichkeit reicht sein Elend bis zu jenem Sonntagnachmittag zurück, an dem er, damals 22 Jahre alt, mit seiner Verlobten Eneida und deren Nichte Sandra die Zirkus-Matinee in Niterói besuchte.

In den zwei Jahren, die Luís Gomes da Silva nach diesem schrecklichen Tag im Marine-Hospital von Niterói lag, hatte er immer wieder denselben Traum: Er schwimmt und kämpft um sein Leben, und am Ende trägt ihn doch eine Welle ans Land. „Bei ihm war die Grenze zwischen Leben und Tod überschritten, so schwer war er verbrannt“, sagt der heute 77-jährige Arzt Jacyr Alvarenga, der Gomes insgesamt 28 Mal operiert hat: Sein Patient hatte an 75 Prozent seines Körpers Verbrennungen dritten Grades erlitten. „Hier, tasten Sie mal“, sagt Luís Gomes da Silva. Das Fleisch unter seinem schwarzen T-Shirt fühlt sich hart an.

Wenn doch die Erinnerungen vernarben würden wie das Gewebe. Luís Gomes da Silva spricht von jenem Tag, der für ihn nie zu Ende geht. Er habe gerade hinauf in die Zirkuskuppel gestarrt, wo drei Akrobaten als Höhepunkt der Vorstellung durch die Luft wirbelten, als seine Verlobte zu schreien begann. Das Feuer breitete sich rasend schnell aus, sie saßen nur knapp 25 Meter entfernt, alle rannten nach draußen. Auch Luís – und da er dort weder Eneida noch Sandra fand, rannte er wieder hinein. „Ich erinnere mich genau, ein Stahlkabel fiel auf mich herab, ich war gefesselt, meine Kleidung stand in Flammen, ich rollte mich am Boden entlang, irgendwie kam ich frei“, sagt er.

Man legte ihn auf einen Lastwagen, „im Hospital öffnete ich mit dem Mund einen Wasserhahn und trank alles Wasser der Welt“. Danach fiel er ins Koma, aus dem er erst am 22. Januar 1962 erwachte. Ans Krankenbett kam nur sein Vater, der Mutter hatten die Ärzte den Anblick des verbrannten Sohnes verboten. „Und als sie mich dann sehen durfte, hat sie mich nicht erkannt“, fügt er hinzu und beginnt zu weinen. Eneida und Sandra hatte er für immer verloren.

Später arbeitete er lange im Presseamt des Gouverneurs, der ihn mochte oder jedenfalls Mitleid mit ihm hatte. Mit ihrem grausamen Humor nannten ihn die Kollegen churrasquinho – etwa: Bratwürstchen. Von seiner Frau Nircéa, die er noch im Krankenhaus kennengelernt hatte, trennte er sich 1973, die beiden gemeinsamen Söhne zog er alleine auf. Zum jüngeren – er heißt aus Dankbarkeit Jacyr und ist wie dieser Arzt geworden – sind die Beziehungen vermint.

Doktor Jacyr Alvarenga, der Vater und Sohn gut kennt, deutet an, dass Luís seinen Teil zum Zerwürfnis beigetragen hat. „Alle, die überlebt haben, sind schwer gezeichnet, so normal ihr Leben vielleicht auch wirken mag“, sagt der Arzt, selbst die, die keine Verbrennungen hatte, seien für ihr ganzes Leben aus dem Gleis geworfen worden.

Der Gran Circus Norte-Americano hatte sich in einer Anzeige im Globo als „der größte und vollständigste Zirkus Lateinamerikas“ angepriesen. „So etwas haben Sie noch nie gesehen! Vier Elefanten! Giraffe! Löwen! Tiger! Trapezkünstler! Luftakrobaten! Jongleure! Clowns! Seiltänzer!“ Auf den Plakaten wurde besonders die cobertura de naylon hervorgehoben, das Nylon-Zelt. Das einzig Nordamerikanische am Zirkus war freilich der Name. Sein Direktor Danilo Stevanovich gehörte einer jugoslawischstämmigen Artistenfamilie aus Südbrasilien an. Aber für die ruhige Beamtenstadt Niterói, die stets im Schatten der Metropole auf der anderen Seite der Bucht stand, war der Gran Circus eine Sensation: 120 Tiere, 80 Artisten, viele Wagen, das riesige Zelt – und das in einer Zeit, in der es kaum Fernsehen gab.

Chaotische Rettung der Überlebenden

„Ich habe das traurigste Schauspiel meines Lebens gesehen“, sagte der brasilianische Präsident João Goulart, nachdem er die Verletzten in den Krankenhäusern besucht hatte. Die Rettung der Überlebenden hatte chaotisch begonnen, das größte Hospital der Stadt wurde seit Wochen bestreikt, die Ärzte mussten erst das Tor aufbrechen. Da die Ambulanzen nicht ausreichten, wurden die Brandopfer auf Lastwagen einer Limonaden-Fabrik abtransportiert, selbst das Verbandsmaterial war knapp. Gleich in den ersten Stunden wurde das Caio-Martins-Stadion zum Leichenschauhaus umgewidmet. Die Behörden hatten Tischler herbeizitiert, die dort immer neue Särge anfertigten. Auch die Kühlkammern der Fleischfabrik Maveroy waren voller Leichen. Um auf dem Friedhof Marui Gräber auszuheben, wurden Sträflinge eingesetzt.

Ivo Pitanguy, seinerzeit als Spezialist für Brandwunden im Einsatz, heute ein bekannter plastischer Chirurg, sagt: „Wir haben damals viel gelernt, vor allem über den Einsatz und die Koordinierung eines großen Ärzteteams unter solchen Bedingungen.“ Es war die Zeit der Atom-Bombe, im Nato-Hauptquartier in Brüssel hat Pitanguy später über die massenhafte Behandlung Verbrannter einen Vortrag gehalten. Die verbreitete Ansicht, die Zirkus-Tragödie sei so etwas wie die Geburtsstunde der plastischen Chirurgie Brasiliens gewesen, hält Ivo Pitanguy allerdings für eine Erfindung der Boulevardpresse.

Auf dem Friedhof Marui, wo mehr als 300 Leichen bestattet wurden, wird der Rasen kurz gehalten, nur am Rande steht das Gras hüfthoch, dazwischen liegen ein paar vernachlässigte gekachelte Gräber. Die meisten tragen nichts als eine Nummer, bloß eines ist mit einer Inschrift versehen: Maria da Gloria de Chavez, 6.9. 50 – 17.12.61.

Die größte Tragödie der Stadt – und mehr als das Grab eines elfjährigen Mädchens ist davon nicht zu finden? Es gibt tatsächlich keinen einzigen Ort des kollektiven Gedenkens an die Opfer des Unglücks, kein Mahnmal, keine Inschrift. Auch keinen Gedenktag, keine Ehrung der Helfer. Der Parkplatz neben der Poliklinik ist die architektonische Entsprechung einer fünfzig Jahre währenden öffentlichen Erinnerungslosigkeit.

Schnell hatte man einen Schuldigen gefunden. Bereits am Tag danach schrieb O Globo von einem verdächtigen „Mann dunkler Hautfarbe“, und kurze Zeit später veröffentlichte der Correio da Manhã das Foto eines höchst ungewöhnlichen Verhörs: Zwei junge, betreten schauende Schwarze, hinter ihnen Gouverneur Celso Peçanha höchstpersönlich, der ihnen offenkundig äußerst erregt Vorhaltungen macht und drum herum die Presseleute. Also eher ein Tribunal als eine seriöse Untersuchung.

Dass der 21-jährige Adilson Marcelino Alves, genannt Dequinha, zusammen mit zwei Kumpanen den Zirkus in Brand gesetzt haben soll, wurde von Anfang an öffentlich bezweifelt. Angeblich war es ein Racheakt. Dequinha, der für den Aufbau des Zirkus als Hilfsarbeiter angeheuert worden war, soll mit dem Portier in Streit geraten sein und daraufhin mit seinen Helfern die Zeltplane angezündet haben.

„Mein Sohn ist nicht kriminell, der ist von klein auf halbverrückt“, sagte Dequinhas Mutter der Presse. Das deckte sich mit dem Ergebnis der Psychologen, die dem Verhafteten „Oligophrenie mittleren Grades“ bescheinigten, Geistesschwäche. Das im Oktober 1962 gefällte Urteil bezeichnete Dequinha als imbecil, also als Idioten. Er erhielt dennoch eine lange Haftstrafe, kam 1973 frei und wurde kurz darauf ermordet.

Nie wurde untersucht, ob die Brandschutzbestimmungen eingehalten wurden, was hinter dem Gerede vom Kurzschluss steckte, ob das Feuer wirklich an der Seite ausbrach oder etwa, wie manche Zeugen behaupteten, in der Kuppel.

Zirkusdirektor Stevanovich verschwand, offenbar ohne jemals richtig vernommen worden zu sein.Entschädigungen, von wem auch immer, wurden nie gezahlt. Bis auf die oft großherzigen Beweise individueller Hilfsbereitschaft haben die Opfer nie Unterstützung bezogen.

Die Zeit vergeht, und was die Beteiligten als Tragödie erlebt haben, wird für die anderen zu einem nach und nach verblassenden Datum der Geschichte. „Es ist alles ausgelöscht, damit kein Schatten auf das Bild der Stadt fällt“, sagt Lenir Ferreira, „morgen wird es heißen, den Brand habe es nie gegeben.“ Sie zieht den Ärmel hoch, um die Narben zu zeigen, sie nimmt sogar die Perücke ab – gerade so, als wollte sie bezeugen, dass das Unglück tatsächlich stattgefunden hat. „Lenni, meu amor, das hör ich bis heute“, sagt sie – die letzten Worte ihres Mannes Wilson, der ebenso wie ihre dreijährige Tochter Regina und der zweijährige Sohn Roberto im Feuer umkamen. Wo sind sie beerdigt? „Es gab keine Beerdigung“, sagt sie, „man hat mir gesagt, sie liegen in Marui, aber wer weiß das schon!“

Der Historiker Paulo Knauss sieht einen Widerspruch zwischen der Geschichtsschreibung und der individuellen Erinnerungen. „Es gibt bis heute Konsens über den Schrecken, aber es fehlen die historischen Informationen, folglich bildet sich ein Mythos von der Tragödie“, meint der Chef des Staatsarchivs von Rio de Janeiro, „der Horror tabuisiert das Thema – alles wissen es, aber niemand redet öffentlich drüber. „Vielleicht, meint er, hänge das kollektive Verdrängen damit zusammen, „dass wir Brasilianer nicht gerne über den Tod reden“. Andere Völker Lateinamerikas pflegten Todeskulturen von geradezu barocker Üppigkeit, die Mexikaner zum Beispiel. Nicht so die Brasilianer: „Unsere Friedhöfe sind hässlich und ungepflegt, wir beerdigen unsere Toten sofort, eine Woche später gibt es noch eine Messe für sie, aber dann ist Schluss – sie sterben und verschwinden!“

Mit dem Elefant ins Freie

Maria Josea do Nascimento Vasconcelos ist Schneiderin, die Kunden, die in ihr Wohnzimmeratelier kommen, nennen sie Zézé. Die Wohnung ist klein, auf der sonst leeren Anrichte stehen fünf hölzerne Elefanten-Figuren. Den ersten hat sie 1963 bekommen: „Meine Mutter war dagegen, sie fand ihn zu teuer, aber der Psychologe hat mich bestärkt.“ Als das Zirkuszelt in Flammen stand, stürmte der Elefant Semba in Panik los und öffnete mit seinem tonnenschweren Körper eine Bresche, durch die die Neunjährige mit schweren Wunden und verbranntem Haar nach draußen lief. Ihre beiden Cousins kamen ums Leben. Die Beschreibung dessen, wie es ihr nach der Rettung erging, kann man durchaus als eine Antwort auf die Frage verstehen, warum die Gesellschaft des Unglücks nicht gedenken mag: „Man erzeugt Scham und Ablehnung, wenn man dabei gewesen ist“, sagt sie. Als sie dem Elefanten ins Freie gefolgt war, wurde sie ohnmächtig – „wegen der Anstrengung, das Atmen zu vermeiden“. Die Ohnmachtsanfälle blieben. Als sie wieder in die Schule gehen konnte, forderte die Lehrerin von ihrer Mutter, sie aus der Schule zu nehmen, weil die anderen Kinder Angst vor ihr hätten. Die Ärzte behandelten sie ein halbes Leben lang als Epileptikerin. Als sie die Medikamente später eigenmächtig absetzte, ließen die Anfälle allmählich nach und hörten schließlich ganz auf. Ein Onkel zahlte vier Jahre psychologische Betreuung, erst als sie vierzehn war, begann ihr Haar wieder zu wachsen. Die meiste Zeit des Lebens hat sie über ihre Tragödie geschwiegen.

Vierzehn Jahre vergingen, bis wieder ein Zirkus – Hagenbeck übrigens – in Niterói gastierte. Edenir Palma Gonçalves hat ihn sich natürlich nicht angeschaut, sie war seit dem Unglück nie wieder im Zirkus. Damals hatte sie im Gedränge einen Schuh verloren, instinktiv bückte sie sich, und wurde dadurch von ihrer Mutter und ihrer Schwester getrennt. Allein sie überlebte. Edenirs Leben verlief danach normal, sofern ein Leben normal verlaufen kann nach dem Verbrennungstod von Mutter und Schwester. Sie wurde Buchhalterin, sie heiratete, bekam zwei Töchter, sie lebt in einem kleinen Haus mit Garten in São Gonçalo.

Carol, heute 21 Jahre alt, nahm vor neun Jahren an einer Freizeit für Jugendliche teil. „Sie brachten uns Jonglierkunststücke bei“, erzählt die Tochter, während sie sich schminkt, „ich hab’s geübt, es hat mir Riesenspaß gemacht!“ Später ist sie zu Bodenakrobatik und Seiltanz übergangen, Vor fünf Jahren hat sie sich in der Nationalen Zirkus-Schule eingeschrieben, heute tritt sie als Akrobatin auf Kreuzfahrtschiffen auf. Auch Camila, zwei Jahre jünger als Carol, fand Geschmack an der zirzensischen Kunst.

Im Garten der Familie beginnt Camila ihre Keulen durch die Luft zu wirbeln, und Carol hängt kopfüber an einem Trapez, das zwischen den Ästen befestigt ist. Mittlerweile akzeptiert Edenir Palma Gonçalves die Begeisterung ihrer Mädchen. „Mir gefällt Zirkus bis heute“, sagt sie. Aber ihre Töchter wird sie dort niemals besuchen.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

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