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Zigaretten-Werbung In Afrika hat Big Tobacco noch das Sagen

Weil in den Industriestaaten immer weniger geraucht wird, werben Tabakkonzerne aggressiv in afrikanischen Ländern. Regierungen, die sich sperren werden unter Druck gesetzt.

Afrika
Wenn eine Zigarette nicht ausreicht: In Mali quarzt ein Mann gleich zwei Stück. Foto: afp

Kool ist cool. Die Mentholzigarette ist – aus welchen Gründen auch immer – unter schwarzen US-Amerikanern besonders begehrt: Kein Wunder, dass die kühle Kippe auch in Nigeria reißenden Absatz findet. Erleichternd kommt hinzu, dass eine Kool in dem bevölkerungsreichsten Staat Afrikas für umgerechnet zehn Euro-Cent über den Tresen geht: Denn wie überall in Afrika werden Zigaretten auch in Nigeria einzeln verkauft.

Das soll der armen Mehrheit der Bevölkerung zugute kommen – wie Nigerias Teenagern, die in immer größerer Zahl zu den giftigen Glimmstängeln greifen. In manchen Regionen des Landes hängen bereits ein Viertel aller 13- bis 18-Jährigen an den tödlichen Stäbchen, unter Erwachsenen sind es nur zwölf Prozent.

Bis vor kurzem galt Afrika als Nichtraucherzone der Welt. Lediglich zwei Prozent der weltweit täglich produzierten 5,5 Milliarden Zigaretten wurden bislang auf dem Kontinent gepafft. Doch der Trend hat eine eindeutige Richtung: Während der Zigarettenabsatz in allen Industriestaaten zurückgeht, steigt er in Entwicklungsstaaten – vor allem in afrikanischen – unaufhörlich an. In der Republik Kongo rauchen heute fast viermal mehr Menschen als zur Jahrtausendwende, wie in Kamerun ist dort inzwischen fast ein Viertel der Bevölkerung nikotinsüchtig.

Der Grund für den dramatischen Anstieg ist nach Auffassung von Experten eindeutig: „In ihrer Suche nach neuen Märkten hat die Tabakindustrie Afrika in ihr Visier genommen“, sagt Emmanuela Gakidou von der Washington-Universität in Seattle. Demografen gehen davon aus, dass bereits Mitte dieses Jahrhunderts ein Viertel aller Erdbewohner in Afrika leben, rund 2,5 Milliarden Menschen. Solche Zahlen halten die Strategen von British American Tobacco (BAT), Philipp Morris oder Reynolds in Atem: Sie sehen sich noch zusätzlich von der Tatsache beflügelt, dass die Gesetzgebung gegen das Rauchen in vielen afrikanischen Staaten in den Kinderschuhen steckt.

Dass ein Marlboro-Mann mit Lederhut auf überlebensgroßen Postern in den Sonnenuntergang reitet, ist südlich der Sahara noch gang und gäbe. Bei Open-air-Konzerten oder Sportveranstaltungen verteilen junge Frauen in kurzen Röckchen kostenlose Glimmstängel, die viel zu oft auch zwischen den Lippen von Minderjährigen landen. Tabakkonzerne treten wie in Südafrika als Sponsoren von Cricket-Teams auf oder veranstalten wie in Nigeria Kino-Festspiele, die vor allem Teenager anziehen sollen.

Besonders fadenscheinig seien Marketingstrategien, in denen sich Tabakkonzerne als „sozial verantwortlich“ präsentierten, klagt die britische Gesundheitswissenschaftlerin Anna Gilmore. Nach den empirischen Forschungen der Professorin an der Universität von Bath wird die Bevölkerung in Armutsstaaten 80 mal mehr mit Tabakwerbung konfrontiert als in Industrienationen. Nur in wenigen afrikanischen Ländern ist Fernsehwerbung für Tabakprodukte inzwischen verboten. 64 Prozent aller Kioske verkaufen einzelne Zigaretten, was unter Experten als für Jugendliche besonders gefährliche Praxis gilt. Weniger als drei Prozent der Tabakläden in Industrienationen bieten diesen Service an.

Chemotherapien für viele unerschwinglich

Wenn Staaten wie Uganda oder Kenia schärfere Reglementierungen – etwa gegen den Verkauf einzelner Zigaretten – durchsetzen wollen, bekommen sie die geballte Kraft von Big Tobacco zu spüren. BAT geht derzeit in Kenia durch alle gerichtlichen Instanzen, um schärfere Regulierungen des Tabakkonsums als verfassungswidrig erklären zu lassen.

Der Konzern „blockiert uns, wo er nur kann“, klagt der Chef des kenianischen „Tobacco Control Boards“, Professor Peter Odhiambo. Nach Informationen des britischen „Guardian“ drohten internationale Tabakkonzerne sieben afrikanischen Regierungen mit weitreichenden Konsequenzen, falls sie sich für schärfere Anti-Raucher-Bestimmungen entscheiden sollten.

Früher habe „Big Tobacco“ seinen enormen Einfluss noch eher im Verborgenen ausgeübt, meint Paul Hopkins, der einst selbst für BAT tätig war, bevor er wegen seiner Kritik an der Vorgehensweise des Unternehmens gefeuert wurde: „Es ist beschämend, wie offen heute die Gesundheitspolitik von Staaten angegriffen wird.“ Dabei droht der Trend zum Rauchen das ohnehin unzulängliche Gesundheitswesen vieler afrikanischer Länder noch zusätzlich zu schwächen.

Chemotherapien für Lungenkrebs oder andere vom Rauchen ausgelöste Karzinome sind für viele Afrikaner unerschwinglich oder unzugänglich: In zahlreichen Krankenhäusern seines Landes würden erst gar keine Krebsdiagnosen gestellt, weil man ohnehin nichts dagegen tun könne, klagt der senegalesische Antiraucher-Aktivist Aboulaye Diagne.

80 Prozent der weltweit eine Milliarde Raucher leben schon heute in Ländern mit mittlerem oder niedrigem Einkommen – eine Zeitbombe angesichts der Tatsache, dass die Hälfte von ihnen an den Folgen ihres Tabakkonsums erkranken oder sogar sterben wird.

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