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Schlacht von Stalingrad „Wir waren Soldaten, keine Politiker“

Karl-Hans Mayer hat als Wehrmachtssoldat an der Ostfront gekämpft. Ein Zufall rettete ihn vor dem Tod im Kessel von Stalingrad.

Kampf um Stalingrad
Deutsche Wehrmachtsoldaten im Oktober 1942 in Stalingrad. Foto: imago

Das nächste Foto im Album zeigt einen Bahnhof, ein prächtiges Gebäude mit einer Blumenrabatte in der Vorfahrt. Und plötzlich spricht Mayer, wenn auch nur kurz, von Tod und Töten. „Das ist der Bahnhof von Saint-Omer, das liegt südlich von Dünkirchen“, erzählt er. „In dem Gebäude hatten die Engländer eine MG-Stellung und feuerten auf uns. Wir haben die beiden Soldaten…“ Er stockt, dann spricht er weiter. „Die waren dann tot. Wir haben sie am nächsten Tag in der kleinen Parkanlage vor dem Bahnhof beerdigt und zwei schwarze Holzkreuze auf das Grab gestellt.“ Vor Jahren sei er wieder in Saint-Omer gewesen. „Da, wo unsere Kreuze standen, ist jetzt ein Erinnerungsstein für die zwei toten englischen Soldaten.“

Der alte Mann blättert weiter. Lieber zeigt er Fotos, die ihn als lächelnden Besatzungssoldaten zeigen, mit jungen Frauen im Arm oder vor Autos, die er noch immer „Beutefahrzeuge“ nennt. Dann kommen Aufnahmen, auf denen er mit Dutzenden deutschen Soldaten auf einem Bahnhofsvorplatz steht. „Unsere Marschkompanie ist das, das war im Sommer 1941 in Hamburg. Von dort fuhren wir ab Richtung Osten, nach Russland.“ Mayer blättert um, doch die restlichen Seiten des Fotoalbums sind leer. „Da war ich dann in Russland,“ sagt er und klappt das Album zu. „Da wurde nicht mehr fotografiert. Nur noch geschossen.“

II

Zwei Wochen vor Mayers Verlegung an die Ostfront im Juli 1941 hatte die Wehrmacht die Sowjetunion überfallen. Das „Unternehmen Barbarossa“, so das Codewort für den rassistischen Vernichtungskrieg im Osten, kam zunächst gut voran. In kurzer Zeit gelang es der Wehrmacht, die östlichen Landesteile zu besetzen, weil die politische und militärische Führung in Moskau von Hitlers Angriff überrascht wurde. Erst im Dezember 1941 stoppte vor Moskau der Vormarsch der Deutschen.

„Wir sind mit dem Zug bis Dünaburg gefahren, das liegt im heutigen Lettland“, erinnert sich Mayer. „Dort mussten wir über eine zerstörte Brücke laufen, auf der nur noch Eisenbahnschwellen lagen. Ich weiß noch, wie ein Kamerad abgerutscht und in die Düna gestürzt ist, die unter der Brücke hindurch floss.“ Gab es Kampfhandlungen, war er an Angriffen beteiligt? Der 97-Jährige schüttelt unwillig den Kopf. Das wisse er nicht mehr, sagt er nur. Und kann sich dann doch erinnern, dass seine Sturmkompanie nördlich am umkämpften Moskau vorbeigezogen und bis Kalinin an der Wolga vorgedrungen ist. „In Kalinin wurde ich dann schwer verwundet am Bein, ich hatte einen Granatsplitter im Knie“, erzählt er.

Mayer wird ins Lazarett nach Litzmannstadt verlegt, sein Bein wieder zusammengeflickt. Allerdings bleibt das Knie steif. Nach der Genesung kommt er zunächst nach Frankreich und kehrt dann an die Wolga zurück. Doch diesmal nicht nach Kalinin, sondern nach Stalingrad. Schirrmeister ist er nun, verantwortlich für die Panzer und Militärfahrzeuge seiner Division.

III

Herbst 1942. Die „Operation Fischreiher“, Deckname für die Einnahme Stalingrads durch die 6. Armee unter General Friedrich Paulus, hat sich festgefahren. „Die Front bewegte sich nicht, die Stadt konnte einfach nicht eingenommen werden“, erinnert sich Mayer. „Die Stimmung unter den Soldaten war schlecht.“ Der Nachschub stockt, die Truppe hungert, weil die Versorgung aus dem Hinterland nicht klappt. Unter den Soldaten sei schon von „Stalingrab“ gesprochen worden, erzählt er. Dabei stand der Winter mit dem dort üblichen strengen Frost noch bevor.

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