Lade Inhalte...

Schlacht von Stalingrad „Wir waren Soldaten, keine Politiker“

Karl-Hans Mayer hat als Wehrmachtssoldat an der Ostfront gekämpft. Ein Zufall rettete ihn vor dem Tod im Kessel von Stalingrad.

Kampf um Stalingrad
Deutsche Wehrmachtsoldaten im Oktober 1942 in Stalingrad. Foto: imago

Als Karl-Hans Mayer an die Ostfront abkommandiert werden soll, nimmt ihn der französische Bauer zur Seite. „Er hat gesagt, er könne mich über die Grenze zu den Basken bringen. Da finden mich die Deutschen nie.“ Mayer schweigt einen Moment, während er von diesem Moment erzählt, damals in Südfrankreich, wo er während der deutschen Besatzung 1941 mit drei Kameraden bei einer Bauernfamilie untergebracht war. Und wo er hätte untertauchen können. „Aber“, sagt er schließlich, „das konnte ich nicht machen. Ich war ja Soldat.“

Der junge Soldat von damals ist heute 97 Jahre alt. Karl-Hans Mayer sitzt auf seiner Couch, ein Fotoalbum auf dem Schoß, darin: Bilder von den Anfängen des Zweiten Weltkrieges. „Da sind wir in Aarhus, nach der Besetzung Dänemarks“, sagt er. Die Fotos zeigen einen jungen Mann auf einer Wiese, eine junge Frau liegt neben ihm, hat ihren Kopf auf seine Brust gebettet. Der alte Mann schmunzelt.

Überhaupt ist Karl-Hans Mayer, 1921 in Halle an der Saale geboren, ein freundlicher Herr mit buschigen Augenbrauen. Sein linker Mundwinkel hängt ein wenig, Folge eines Schlaganfalls vor einigen Jahren. Es fällt ihm schwer, von der Couch aufzustehen. Zwei, drei Versuche braucht es, bis er stehenbleibt und nicht mehr auf die Kissen zurückfällt. Geht er durch die Räume seines Hauses in Wolfsburg, schiebt er einen Rollator vor sich her. Doch wenn er spricht und scherzt, mag man gar nicht glauben, dass er fast 100 Jahre alt ist.

Er wollte eigentlich Schauspieler werden und Regisseur, erzählt er. Die Aufnahmeprüfung an der Deutschen Filmakademie in Berlin hatte er schon bestanden. Das war im Frühjahr 1939. Vor dem Studium aber wollte er noch seinen Armeedienst in der Wehrmacht ableisten. Doch dann kam der Krieg, der den 18-Jährigen hinaus in die Welt riss, nach Polen, Dänemark, Belgien, Frankreich, Spanien und schließlich bis nach Stalingrad. Ein Krieg, der ihn zum willigen Werkzeug eines mörderischen Regimes machte. Wie Hunderttausende deutsche Wehrmachtssoldaten wurde auch Karl-Hans Mayer, der doch Theater spielen und Filme drehen wollte, zum Eroberer und Besatzer. Zu einem Menschen, der tötete.

Heute, mehr als sieben Jahrzehnte nach dem Ende des NS-Regimes, gehört der 97-Jährige zu den wenigen noch lebenden Zeitzeugen, die den Zweiten Weltkrieg von Anfang bis Ende als Soldat durchgekämpft haben. Über die Schrecken dieses Krieges will Mayer an diesem trüben Wintertag allerdings nicht sprechen. Womöglich fürchtet er, die Gespenster der Vergangenheit in sein gemütliches Wohnzimmer mit der prall gefüllten Bücherwand zu holen? Draußen, vor dem riesigen Panoramafenster, fällt gemächlich Schnee auf den grünen Rasen des gepflegten Gartens. Die Kälte bleibt ausgesperrt, ebenso das Grauen und Fragen zu Schuld und Verantwortung.

Mayer blättert weiter in seinem Fotoalbum. „Paris“, sagt er und tippt auf Fotos, die ihn am Eiffelturm zeigen, in Wehrmachtsuniform. „Hier waren wir in Rotterdam. Und hier in San Sebastián in Spanien, wo ein U-Boot-Hafen gebaut werden sollte, was aber nicht zustande kam.“ Dann ist da ein Foto, auf dem Hitler zu sehen ist und neben ihm Generalfeldmarschall Wilhelm Keitel, Chef des Oberkommandos der Wehrmacht. „Das habe ich gemacht, das war in Brüssel“, sagt Mayer aufgeregt. „Da ging plötzlich eine Tür auf und Hitler kam mit dem Keitel raus.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen