Lade Inhalte...

Nervtötende Erzählungen

Die Bewältigung der Vergangenheit in Deutschland gilt als vorbildlich. Was bewältigt ist? Gar nichts.Ganz gegenläufig zu einer Befassung mit den Ursachen erleben wir eine sich auftürmende Welle der Re-Viktimisierung der Deutschen.

07.05.2005 00:05
HARALD WELZER
Amalie. Die Künstlerin und Fotografin Julia Winckler fand im Haus ihrer Vorfahren ein Bild, das die Mutter ihres Großonkels zeigt. Zum von ihr gewählten Ausschnitt schreibt sie: "Dieser Annäherungsversuch brachte für mich ihre Menschlichkeit zurück."Näheres zur Künstlerin und den Fotos dieser Beilage in Spuren / Traces. Foto: Julia Winckler

Die deutsche Vergangenheitsbewältigung gilt international als beispielhaft. Sie ist einer der wenigen Exportartikel made in Germany, die noch Bewunderung und Anerkennung finden. Vergangenheitsbewältiger aus Südafrika, Ruanda, Kosovo organisieren Konferenzen, auf denen deutsche Historiker den betroffenen Gesellschaften am Beispiel Deutschlands zeigen, wie man mit historischen Katastrophen umgeht. Dieser Export von Bewältigungs-Know-how hat Zukunft; irgendwann werden auch Politiker aus dem Sudan und aus dem Kongo um Beratung nachsuchen.

Die deutsche Vergangenheitsbewältigung sieht in der Tat eindrucksvoll aus: Die Bundesrepublik ist eine Gesellschaft, die sich rückhaltlos zu den begangenen Verbrechen und der verübten Gewalt bekennt, die Verantwortung übernimmt und alles daran setzt, dass sich nie wiederhole, was sich zwischen 1933 und 1945 zugetragen hat. Unter der rituellen Formel des "Nie wieder!" hat sich in den vergangenen Jahrzehnten eine Benutzeroberfläche des Gedenkens und Erinnerns etabliert, die so honorig aussieht, dass der deutsche Bundeskanzler an den Feierlichkeiten zum 60. Jahrestag des "D-Day" in der Normandie teilnehmen durfte und der Bundespräsident auf Deutsch in der Knesset demonstrieren durfte, wie mustergültig die Bundesrepublik die Lektionen der Geschichte gelernt hat. So betrachtet war die deutsche Vergangenheitsbewältigung in der Tat ein erfolgreiches Projekt, und mit der Eröffnung des Berliner Mahnmals zum Gedenken an die ermordeten Juden Europas wird diesem Erfolg eine finale ästhetische Formulierung gegeben. Bewältigt.

Naja, vielleicht doch nicht ganz. Wie eine Reihe sozialwissenschaftlicher Studien zeigen, sind hinter der öffentlichen Benutzeroberfläche des Erinnerns und Gedenkens ganz andere Dateien mit überraschenden Inhalten abrufbar. So wird in deutschen Familien das "Dritte Reich" keineswegs als Zeit der Ausgrenzung, Verfolgung, Deportation und Vernichtung der Juden erinnert, überhaupt nicht als Zeit von Verbrechen, sondern zum einen als faszinierende Zeit, in der die Jugend von der Straße kam, in der man Blitzkriege gewonnen hat und alle mit anpackten, um etwas Gemeinsames zu tun. Zum anderen kreist die Familienerinnerung um Leid, Bedrängnis und Not, um das ausgebombte Haus, die zurückgelassene Habe, den Opa, der damals noch ganz jung war, in Kriegsgefangenschaft.

Diese private Erinnerungskultur hat ein ganz anderes Zentrum als die öffentliche, und beide treffen sich nur dort, wo die Enkelgeneration der NS-Teilnehmer aus ihren Omas und Opas Helden des alltäglichen Widerstands macht: aufrechte Menschen, die in Zeiten des Schreckens die Fahne der Menschlichkeit hochgehalten haben. Denn das haben die allermeisten jungen Deutschen gelernt, dass der Nationalsozialismus ein mörderisches System und der Holocaust ein maßstabloses Verbrechen gewesen ist. Vorbild-Figuren geben deshalb Widerstandskämpfer und nicht Nazis ab, und das sollte man nicht gering bewerten.

Aber jenseits dieses Erziehungserfolgs deuten einige neuere Befunde an, dass Schülerinnen und Schüler in Bezug auf Nationalsozialismus und Holocaust vor allem eines lernen: wie man bei diesem Thema die richtigen, politisch korrekten Worte findet, welchen Ausdruck von Betroffenheit man zu zeigen hat, wenn die Rede auf den Holocaust kommt, und wie man die rituellen Formeln des Erinnerns und Gedenkens ordnungsgemäß verwendet. Kurz: Sie lernen den Code der Vergangenheitsbewältigung, was ja vielleicht etwas anderes als Vergangenheitsbewältigung ist. Sie lernen, wie man sich dem katastrophalen Ergebnis einer Entwicklung gegenüber zu verhalten hat, kaum aber, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist.

Denn das würde eine Auseinandersetzung mit dem sozialen Alltag des Nationalsozialismus bedeuten und eine Annäherung an die tätige Teilhabe der weit überwiegenden Bevölkerungsmehrheit an Diskriminierung, Ausgrenzung und Beraubung. Eine solche Auseinandersetzung würde sich um die Frage zentrieren, wie es möglich war, dass die Mehrheit der ganz normalen Mitglieder einer modernen Gesellschaft sich für die Unmenschlichkeit entschieden hat. Um die Beantwortung dieser Frage hat sich die ganze Vergangenheitsbewältigungskultur bislang herumgedrückt, mit gutem Grund: Die Geschichte rückt einem plötzlich so nah, wenn man die Frage so stellt. Vor diesem Hintergrund kann man die ritualisierte Vergangenheitsbewältigung auch als hochkomplexe und anstrengende Vermeidungsübung betrachten, die dazu dient, sich von dem Geschehen fern zu halten, das man unablässig thematisiert.

Ganz gegenläufig zu einer Befassung mit den Ursachen erleben wir seit einigen Jahren eine sich immer weiter auftürmende Welle der Re-Viktimisierung der Deutschen, die mit Günter Grass' Untergangsnovelle "Im Krebsgang" ansetzte, mit Jörg Friedrichs Bombenepos "Der Brand" einen ersten Höhepunkt erreichte, von mittlerweile ungezählten Familienromanen am Rollen gehalten wird und gerade in der Erfindung einer ganzen Generation kulminiert, für die das Reklamieren deutschen Leidens politisch ganz unverdächtig, geradezu unschuldig zu sein scheint: die Kriegskinder. Das sind die heute 65- bis 75-Jährigen, die sich nun ihres frühen Traumas bewusst werden, im Krieg gelitten und das all die Jahre weggeschoben zu haben.

Jeder Mensch, hat Stephan Wackwitz geschrieben, hat das Recht auf eine geschichtslose Kindheit, und zweifellos hat jedes Individuum das Recht auf Anerkennung des Leidens, das ihm andere zugefügt haben. Aber wenn man etwa auf Kongressen und Tagungen das Beklagen der eigenen Vergangenheit in Form eines Chorgesangs hört und Sätze vernimmt wie den, dass auch die Scham, die man über den Judenmord empfand, ein Trauma war, dann darf man wohl folgern, dass die deutsche Erinnerungskultur in Bewegung ist, und zwar heftig.

Mir ist übrigens bislang verborgen geblieben, was jenseits der fraglos legitimen und notwendigen individuellen Bearbeitung des erfahrenen Leids sinnvoll sein soll an der kollektiven Thematisierung einer generationellen Leiderfahrung, die überdies empirisch nicht die Erfahrung einer ganzen Altersgruppe ist. Gut fünfzig Prozent derselben Gruppe haben nach Schätzungen gar keine Erfahrung von Kriegsgewalt gemacht. Die neue Lust am Leid bekommt schnell etwas Borniertes, wenn etwa ein ganzes Auditorium angesichts eines projizierten Fotos von einer Mutter und einem Kind in einer Trümmerlandschaft in Erschütterung verfällt, aber keinen Augenblick mehr darüber nachdenkt, dass es diesen im Unterschied zu den in Auschwitz selektierten Müttern und Kindern möglich gewesen ist, weiterzuleben, und zwar zusammen. Individuelles Leid lässt sich nicht gegeneinander aufrechnen, aber es kommt schnell zu Schieflagen, wenn das Leid der einen Gruppe eine Sprache findet, die das der anderen übertextet.

Dazu kommt noch etwas völlig anderes, nämlich der ganze Bereich der Hitler-Faszination und der Lust an der Schauseite des Nationalsozialismus, wie sie gerade das Gedenkjahr 2005 so obsessiv zelebriert. Selbst ein Produkt wie das Buch "Bei Hitlers" war dem Knaur-Verlag nicht zu peinlich zur Veröffentlichung: Da berichtet das Zimmermädchen vom Obersalzberg von der Steppdecke des Führers und seinen Latschen, in die sie auch mal gern geschlüpft ist, wenn der Hausherr nicht da war.

Die Faszinations- und auch die Kitschseite des "Dritten Reiches" scheint heute vitaler denn je, und hier zeigt sich eine ganz spezifische Dialektik der Aufklärung: Die besteht darin, dass jedes noch so kritische Feature über Albert Speer oder Heinrich Himmler, jeder Spielfilm über die Napola, jede Zeitungsserie und jede der nervtötenden Erzählungen von Zeitzeugen immer aufs Neue die scheinbare Größe jener Zeit illustriert - durch die schiere Masse des Berichteten und übrigens auch dadurch, dass pausenlos auch auf jene Bilder zurückgegriffen wird, die seinerzeit zu Propagandazwecken hergestellt wurden und deshalb eher nicht dazu geeignet sind, das System, das sie zeigten, in Frage zu stellen.

Was also ist bewältigt? Nichts. Ganz im Gegenteil scheint es einen memorialen Rollback zu geben, und der geht auf etwas zurück, was mit der Gegenwart zu tun hat. Wo nämlich die Zukunft abhanden zu kommen scheint und weder die politische Funktionselite noch sonst jemand eine Vorstellung darüber hat, wie diese Gesellschaft in zehn oder zwanzig Jahren aussehen soll, ja, nicht einmal darüber, wie ihre drängendsten Probleme zu lösen sind, wo sich neue soziale Ungleichheiten festschreiben und überhaupt ein flächendeckender Fatalismus der Zukunft gegenüber breit zu machen scheint, da liegt der Rückgriff auf die Vergangenheit natürlich nahe.

Dieser Verbindung von Zukunftsscheu und Vergangenheitsobsession dürfte auch zu verdanken sein, dass sich mehr und mehr Nostalgie- und Faszinationselemente in die unablässige Rückschau mischen und die Thematisierung des eigenen Leids gelegentlich ziemlich obszön wird. So viel Vergangenheit war nie. So wenig Zukunft auch nicht.

Zur Startseite

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum