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Kriegsende in Frankfurt Als die Amerikaner kamen

Ende März 1945 beendeten die US-amerikanischen Truppen den Krieg in Frankfurt. Zeitzeugin Lilo Künzler erinnert sich, wie sie als Kind voller Angst in einem Kellerraum ausharrte, bis ein GI an die Tür pochte.

US-Soldaten patrouillieren in der Berger Straße. Foto: Institut für Stadtgeschichte

Als im März 1945 die Amerikaner über Kelsterbach nach Schwanheim und Niederrad vordrangen und das linke Mainufer bis Seligenstadt besetzten, rief die Gauleitung in einem Akt der Verzweiflung dazu auf, die Stadt Frankfurt „bis zum letzten Mann“ zu verteidigen. Kein arbeitsfähiger Bürger dürfe die Stadt verlassen. „Sieg um jeden Preis“ stand an der Fassade eines ausgebombten Hauses.

Der größte Teil der Frankfurter leistete dem Befehl zwar keine Folge. Viele Kinder waren jedoch aus Angst vor einem gewaltsamen Vordringen der Amerikaner aufs Land in Sicherheit gebracht worden. Lilo Günzler war nicht unter ihnen. Denn eine Familie, zu der sie gehen konnte, gab es nicht. Das Mädchen jüdischer Herkunft versteckte sich in einem Kellerraum in der Duisburgstraße. In einen Bunker hätte sie als „Mischling“, wie sie als Kind einer jüdischen Mutter genannt wurde, keinen Unterschlupf gefunden. Ohnehin drohte ihr die Deportation. „Wir Mischlinge hätten ebenfalls noch einen Transportschein erhalten, wäre der Krieg nicht vorbei gewesen“, sagt Günzler.

Mit drei Kartoffeln hatte sie sich deshalb versteckt. „Ich habe sie roh gegessen“, erinnert sich die 82-Jährige. Wie Günzler ging es auch vielen anderen Menschen. Während der letzten Kriegstage erreichte die Lebensmittelknappheit in Frankfurt ihren Höhepunkt. Viele einst vom Krieg Begeisterte waren inzwischen desillusioniert, wie sich Günzler erinnert. Doch die Gauleitung konzentrierte sich auf die Verteidigung.

Auf Fotos im Institut für Stadtgeschichte wird die Endzeitstimmung deutlich, die in Erwartung des US-Einmarsches herrschte. Auf Brücken waren Sprengsätze platziert. Die Invasion sollte vereitelt werden, indem der Main unpassierbar werden sollte. Auf den Hauptstraßen erledigten Passanten letzte Besorgungen und gingen an toten Wehrmachtssoldaten vorbei, die am Straßenrand lagen. Zu diesem Zeitpunkt war noch unklar, welchen Stadtteil die Amerikaner zuerst erreichen würden. Die Straßen leerten sich. Die Brücken explodierten – bis auf eine, die Wilhelmsbrücke.

Am 26. März 1945, dem Tag nach Palmsonntag, passierten die amerikanischen Truppen die Frankfurter Stadtgrenze über die Forsthausstraße in Sachsenhausen. Da die Wilhelmsbrücke, die heutige Friedensbrücke, weiterhin passierbar war, versuchten sie diese am späten Nachmittag gegen 17 Uhr zu überqueren.

Doch der Vormarsch kam zum Stehen, als die amerikanischen Streitkräfte mit Phosphorbomben einer deutschen Rekruteneinheit angegriffen wurden. Lilo Günzler hat diesen Tag noch gut in Erinnerung. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie die rohen Kartoffeln längst verzehrt und war dazu übergegangen, an steinhartem Brot zu knabbern, das sie in einem Leintuch gefunden hatte. Auch auf die Gefahr hin, verhungern zu müssen, hatte sie sich vorgenommen, nicht nach draußen zu gehen. Denn was dort vor sich ging, konnte sie nur ahnen. Immer wieder hörte sie Schüsse. Dann wurde es totenstill.

Am 28. März gelang den Amerikanern der Einmarsch. Sie besetzten den Hauptbahnhof, arbeiteten sich langsam vor bis zum Opernplatz. Währenddessen zog sich die Wehrmacht kampflos zurück. Widerstand gab es nur vereinzelt.

Dies sollte auch der letzte Tag Günzlers in ihrem Versteck sein. Von einem heftigen Klopfen und Treten an der Eingangstür wurde sie überrascht. Die Angst, die sie damals spürte, sitzt ihr noch heute in den Knochen. So sehr fürchtete sie sich davor, von deutschen Wehrmachtssoldaten erschossen zu werden.

Trotzdem entschloss sie sich, zur Tür zu gehen, da sie wusste, dass „wer auch immer an der Tür rüttelte, diese nur wenige Augenblicke später aufgebrochen“ hätte. Als sie die Tür aufschloss, verließ sie die Angst. Zwar konnte sie Uniformen nicht voneinander unterscheiden. Doch als sie den afroamerikanischen Soldaten sah, weinte sie vor Freude und Erleichterung. Der Mann habe sich zu ihr heruntergebeugt und ihr eine Tafel Schokolade in die Hand gedrückt.

Auch offene Kritik

Nur einen Tag später, am 29. März gegen 16 Uhr, verkündeten die Amerikaner die offizielle Einnahme Frankfurts. Auf den Straßen sind sie von glücklichen Gesichtern empfangen worden. Dies geht zumindest aus Archivaufnahmen aus dem Institut für Stadtgeschichte hervor. Lilo Günzler erinnert sich, vor Freude in die Luft gesprungen zu sein, als die Amerikaner vorbeifuhren. Mehrmals habe sie gejubelt: „Der Krieg ist vorbei, der Krieg ist vorbei!“

Doch die Stimmung in der Bevölkerung sei gemischt gewesen. Große Ungewissheit herrschte mit Blick auf die bevorstehende Übergangsregierung der Amerikaner. „Da war auch viel Heuchelei dabei“, sagt sie heute. Menschen, die bis kurz vor Kriegsende noch überzeugte Nationalsozialisten gewesen seien und an den „Endsieg“ geglaubt hätten, freuten sich nun augenscheinlich über den Einmarsch der Amerikaner. Doch es gab auch offene Kritik an den amerikanischen Soldaten. In Zeitungsberichten, die Jahre nach dem Krieg erschienen, heißt es von Augenzeugen der amerikanischen Besatzung, dass Soldaten Nahrungsmittel zerstört hätten. Unmut herrschte auch über die vom amerikanischen Militär verhängte Ausgangssperre.

Wer desertiert, wird exekutiert

Die Geschichte des halbjüdischen Mädchens Lilo Günzler fand jedoch ein gutes Ende. Nur wenige Tage, nachdem Frankfurt eingenommen worden war, kehrte ihr Vater in die Stadt zurück. Er war wie andere ältere Männer und auch Kinder in den letzten Kriegswochen rekrutiert worden. „Mit 200 Mann und nur fünf Gewehren“ sei seine Truppe noch in den Kampf geschickt worden. Wer desertierte, wurde exekutiert. Doch die Einheit, in der ihr Vater kämpfen sollte, löste sich schnell auf.

Die Mutter und der Bruder überlebten den Holocaust. Monate später kehrten die beiden wieder nach Frankfurt zurück. Die Familie entschloss sich, nicht über die Ereignisse der Kriegszeit zu sprechen. Zu traumatisch war das Erlebte.

Erst 60 Jahre nach dem Krieg gelang es Lilo Günzler, ihre Geschichte zu erzählen. „Ich dachte, ich hätt’ alles vergessen, aber als ich angefangen habe zu schreiben, war alles wieder da“, sagt die Frankfurterin. „Ich habe geschrieben und geweint.“ Was die damalige Generation durchlebt habe, könne sich die heutige Jugend nicht vorstellen. Darüber zu sprechen, fällt ihr auch heute noch schwer. „Wenn ich jedoch daran denke, wie viele Kinder ich kurz vor Kriegsende habe in KZs gehen sehen, kann ich gar nicht oft genug darüber sprechen und daran erinnern.“

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