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Holocaust-Gedenktag Die letzten Worte

Seit 2006 ist der 27. Januar internationaler Gedenktag für die Holocaust-Opfer. Oft wurde das wie jeder andere Gedenktag begangen, aber dieses Mal muss die Welt ganz genau hinschauen. Denn nicht alle der Überlebenden werden zu den nächsten Gedenktagen wieder zusammenkommen können.

Ein Wachturm im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Foto: AFP

An diesem Tag blickt alle Welt nach Auschwitz. Staatsgäste von nah und fern sind in die kleine polnische Stadt Oswiecim gekommen, um der großen schrecklichen Vergangenheit zu gedenken, die für immer mit jenem Namen verbunden bleiben wird, den sie von den nationalsozialistischen Gewaltherrschern zwischen 1939 und 1945 verpasst bekam: Auschwitz.

Schon vor der Ortsgrenze stehen im Abstand von je 100 Metern Polizisten am Straßenrand, mustern argwöhnisch jedes Auto, das in Richtung des Geländes des früheren Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau II zwischen „Stammlager“ Auschwitz I und Arbeitslager Auschwitz-Monowitz IIII will. Die Uniformierten müssen so schauen, müssen so aufmerksam und misstrauisch sein, sollen sie doch die Protagonisten dieses Tages schützen, Menschen, deren Alter und Zerbrechlichkeit sie ohnehin schon schützenswert scheinen lassen. Die aber Menschen sind, wie es sie bald nicht mehr geben wird: die Überlebenden von Auschwitz. Auf sie wird sich an diesem 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslager-Komplexes im Süden Polens aller Augenmerk richten. Die Staatsgäste, die die Polizei an jedem anderen Tag im Fokus haben würde – sie treten an diesem Tag in den Hintergrund.

Seit 2006 ist nach einem Beschluss der UN der 27. Januar internationaler Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Oft wurde das wie jeder andere Gedenktag begangen, aber dieses Mal muss die Welt noch einmal ganz genau hinschauen.

Denn nicht alle der noch rund 300 Überlebenden, alle im Alter von Mitte 70 bis weit in die 90er, werden zu den nächsten Gedenktagen in fünf und in zehn Jahren wieder zusammenkommen können. Viele dieser Menschen, die mit Auschwitz eine lebenslange Erinnerung, ein Schicksal verbinden, haben heute schon alle Mühen, im eiskalten polnischen Winter einen Fuß vor den nächsten zu setzen, dort, wo sie vor einem Menschenleben tagtäglich gepeinigt wurden. Jedes Jahr nun werden sie weniger werden; sie selbst werden nicht müde, das in den Reden zu diesem 70. Jahrestag immer wieder zu betonen – und zu mahnen, dass man nicht vergisst, was ihnen in Auschwitz widerfuhr, zu welchen Verbrechen sich die Nationalsozialisten verstiegen.

Es gibt unter den vielen, die nach Auschwitz gekommen sind, niemanden, der oder die nicht daran glaubt, dass künftige Generationen ihr gedankliches Erbe weitergeben werden. Indem die Zeitzeugen immer wieder mit Schülern und Studenten sprechen, versuchen sie ein Bild zu vermitteln, das auch dann Bestand haben wird, wenn sie selbst nicht mehr sind. Wichtig dafür ist ganz sicher auch der Umgang in den Familien, eine Auseinandersetzung der Überlebenden mit ihren Kindern und Enkelkindern.

„Es gibt noch so viele Fragen, die ich ihm nicht gestellt habe.“ Michael Hirsch begleitet seinen Vater, den 94-Jährigen Gabor, jetzt schon zum zweiten Mal nach Auschwitz. Sein Bruder und er haben sich intensiv mit der Geschichte des Vaters auseinandergesetzt, Gabor Hirsch war auf Initiative des 41-jährigen Michael 1992 das erste Mal überhaupt wieder nach Auschwitz zurückgekehrt. „Und doch bleibt so vieles noch unbegreiflich“, sagt Michael Hirsch. Es gebe immer noch Momente, die ihn besonders ergreifen, wenn es um das Schicksal des Vaters und der vielen anderen geht, die in Auschwitz waren.

Vielleicht auch, weil es so lange gedauert hat, bis Gabor Hirsch überhaupt über seine Zeit im Lager sprechen konnte. „Als wir noch jünger waren, haben wir nur bemerkt, dass unser Vater emotional sehr distanziert war“, erzählt Hirsch. Dass das Selbstschutz war, habe er erst verstanden, als er die Geschichte seines Vaters hörte. „Ich war zutiefst verunsichert, als ich meinen Vater das erste Mal weinen sah.“ Heute tut er alles, um Gabor noch besser zu verstehen und seine Erinnerungen an die nächsten Generationen weiterzugeben.

„Auf einen solchen Tag kann man sich nicht vorbereiten“, sagt Eva Umlauf. Am Morgen dieses 27. versammelt sie sich mit den Überlebenden, die über den World Jewish Congress nach Polen gekommen sind, in der Lobby des Krakauer Holiday-Inn-Hotels.

Aber egal wie sehr sich die Frauen und Männer, begleitet von Menschen, auf deren Unterstützung sie vertrauen, in ihre Mäntel und Schals hüllen: Die Kälte von Auschwitz, das ist nicht nur die klirrende Kälte des Winters. „Die Kälte von innen kann man nicht bekämpfen“, sagt Eva Umlauf und macht sich auf den Weg nach Auschwitz.

Am Nachmittag treffen sich die Überlebenden erst wieder. In einem großen blauen Zelt findet die historische Gedenkfeier statt, der Blick der Ehrengäste fällt vorne, dort wo zu Beginn ein Streichquartett spielt und dann der polnische Präsident Bronislaw Komorowski die Gäste begrüßt, auf das Tor, durch das die Bahngleise direkt in das Todeslager führen. Diese Kulisse, die schon oft auf Fotos und Filme gebannt wurde, ist an diesem Tag ein schweigender Wächter der Erinnerung. „Es ist unsere Pflicht, die Erinnerung an das, was hier geschah, zu bewahren, für uns und für die Zukunft“, sagt Komorowski. Hier zu sein und sich zu erinnern, solle auch eine Warnung an alle sein, unsere freiheitlichen Werte zu verteidigen – die Freiheit, Gerechtigkeit, die Toleranz und die Meinungsfreiheit, mahnt er die Anwesenden.

Nach den Worten des polnischen Präsidenten ergreifen die Überlebenden in der Gedenkfeier das Wort. Heute hört die Welt ihnen zu, heute haben sie alle Aufmerksamkeit, die sie ohnehin verdienen. Heute hört man ihre Stimmen. Um ihre Worte nicht zu vergessen.

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