Lade Inhalte...

Gewaltschraube des Krieges

Der britische Historiker Frederick Taylor gibt eine zuverlässige Darstellung der Bombardierung Dresdens

10.02.2005 00:02
STEPHAN REINHARDT

Die Zerstörung der Altstadt von Dresden am 13. / 14. Februar 1945 durch britische und amerikanische Bomber bezahlten 25 bis 30 000 Menschen mit ihrem Leben. Folgte dieses Bombardement militärischer Logik oder war es schiere Grausamkeit? Neonazis und Rechtsradikale bezeichnen diesen Bombenangriff heute als anglo-amerikanischen "Holocaust", verfälschen die Opferzahlen bis auf Hunderttausend und mehr. Aber auch die Majorität der Bürger sieht in diesem Bombenangriff einen Akt blanken Terrors: Terror gegen eine "offene", von Flüchtlingen überfüllte, architektonisch einmalige Stadt der Künste. Ausgeführt auch mit Phosphorbomben und Menschen jagenden Tieffliegern, und obendrein kurz vor Ende des Krieges: militärisch völlig sinnlos.

War es so? Obwohl Götz Bergander, ein Dresdner Augenzeuge, bereits 1977 in seinem Standardwerk Dresden im Luftkrieg nachgewiesen hat, dass es in Dresden weder Phosphorbomben noch Tiefflieger gab, halten sich solche Legenden hartnäckig bis heute. Das Sachbuch Tiefflieger über Dresden? Legenden und Wirklichkeit von Helmut Schnatz wird von Dresdner Buchhandlungen boykottiert. Legende ist auch, das zeigt jetzt die große Studie Dresden, Dienstag, 13. Februar 1945 des britischen Schriftstellers und Historikers Frederick Taylor, dass die Bombardierung Dresdens angeblich keiner militärischen Logik gefolgt und ausschließlich Terror gewesen sei.

Sie war, stellt Taylor fest, auch Terror, nämlich der grausame Terror des Krieges. Installiert hat diesen Terror das "Dritte Reich". Es war die deutsche Luftwaffe, die im November 1940 die alte City von Coventry durch Bomben und Großbrand erheblich zerstörte - in einem bis dahin neuen, katastrophalen Grad der Vernichtung. Die Zerstörung städtischer Infrastruktur - diese Lehre zog die Royal Air Force aus der deutschen Bombardierung von Coventry - fügte dem Gegner ebenso Schaden zu wie die Bombardierung von Industrie- und Rüstungsanlagen.

Taylor, der einen weiten Bogen spannt, bringt in Erinnerung, dass das "moral bombing", die Demoralisierung der Zivilbevölkerung durch Bombardierungen, bereits im Ersten Weltkrieg von deutscher Seite aus in den Krieg eingeführt wurde und daraufhin Doktrin aller Kriegsparteien wurde. Und da der Logik des Krieges entsprechend, so Taylors schlüssige Argumentation, eine Kriegspartei alle Waffen, die sie besitzt, einsetzen wird, solange keine Abschreckung existiert, wurde das Bombardieren als Terrorwaffe Usus: zunächst deutscherseits grausam vorgeführt 1937 in Guernica, zu Beginn des Zweiten Weltkrieges in Warschau, dann mit dem Überfall auf die Niederlande und Frankreich in Rotterdam, schließlich in London.

Die Zerstörung von Coventry

Von September bis Silvester 1940 kamen bei 57 Nachtangriffen auf London 14 000 Einwohner ums Leben. London und die Zerstörung von Coventry setzten den Mechanismus der Vergeltung in Gang. Als Antwort ließ Richard Harris, Oberbefehlshaber des RAF Bomber Command, die Stadtkerne von Mannheim und Lübeck bombardieren. Hitler drehte daraufhin die Terrorschraube weiter. Er erteilte den Befehl, englische Kulturzentren anzugreifen, und ließ 1942 historische Stadtjuwele wie Bath, Exeter, Canterbury, Norwich und York bombardieren. Wieder reagierten Harris' Bomber: Im Feuersturm von Hamburg - erzielt durch die Kombination von Spreng- und Brandbomben - kamen allein 40 000 Menschen ums Leben.

Es war diese militärische Logik der Bombardierung von Rüstungsanlagen sowie von zivilen Zentren zum Zwecke der Schwächung und Demoralisierung des Gegners, die die sächsische Metropole Dresden gegen Ende des Krieges ins Visier der Alliierten brachte. Dresden war eine alte Hochburg Nazideutschlands, mit einem großspurig auftretenden Gauleiter und einer weitgehend NS-loyalen Bevölkerung. Frederick Taylor zeigt zugleich, dass die Stadt ein bedeutender Verkehrsknotenpunkt sowohl für Soldaten als auch für Rüstungsindustrie war.

Die Rüstungsgüter gingen an die nur noch etwa 150 Kilometer entfernte russische Front. Nahezu alle Fabriken Dresdens und vor allem die optische sowie Elektro- und Fernmeldeindustrie arbeiteten noch im Februar 1945 mit zahllosen Zwangsarbeitern fieberhaft für den militärischen Nachschub. Selbst in der nahen Meißner Porzellanmanufaktur wurden Fernschreiber für die Wehrmacht hergestellt. Als auf Bitten der Sowjets angloamerikanische Bomber am 13. / 14 Februar 1945 auf Dresden zuflogen, war die Stadt - so Taylor - "keine ,offene Stadt', sondern ein funktionierendes feindliches Verwaltungs-, Industrie- und Verkehrszentrum" nahe an der Front.

Dass der Angriff auf Dresden der verheerendste in Deutschland wurde, war auch Zufall. Für die anfliegenden Bomber riss der in dieser Nacht über Deutschland bewölkte Himmel kurz vor Dresden auf und machte das Ziel sichtbar; die Luftabwehr war ausgefallen; der Luftschutz sträflich vernachlässigt worden. NSDAP und Bürger hatten sich im Glauben gewogen, das barocke Elbflorenz Dresden werde nicht bombardiert.

Militärische Logik

Frederick Taylor, der auch die Goebbelstagebücher ins Englische übertragen hat, vermeidet jeden schrillen Ton. Er weist sich als ein behutsamer Chronist und Historiker des Bombenkrieges; seine Darstellung, die sich an die von Götz Bergander und etlichen Augenzeugen anschließt, ist die bisher objektivste und zuverlässigste sowohl des Bombenkrieges als auch der Bombardierung Dresdens. Taylor wendet sich gegen Krieg und dessen allgemeiner Gewaltschraube und damit gegen die militärische Logik der Bombardierungen. Aber er zitiert auch Thomas Manns BBC-Statement kurz nach der Zerstörung von dessen Heimatstadt Lübeck: "Ich denke an Coventry - und ich habe nichts einzuwenden gegen die Lehre, daß alles bezahlt werden muß. Hat Deutschland geglaubt, es werde für die Untaten, die sein Vorsprung in der Barbarei ihm gestattete, niemals zu zahlen haben?"

Es war Deutschland, das sich durch sein Verhalten - durch rassisch legitimierte Vernichtungskriege und durch den Holocaust - aus der Gemeinschaft der zivilisierten Völker ausgeschlossen hat. Die zerstörerischste neue Waffe des Zweiten Weltkrieges, das Bombenflugzeug, hat es als erster massiv eingesetzt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen