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Dresden „Die Erinnerungskultur wird trügerischer“

Anlässlich des Jahrestags der Zerstörung Dresdens zeigt eine Studie, wie stark sich öffentliches Gedenken ändert.

Menschenkette in Dresden
Anlässlich der Erinnerung an die Bombardierung der Stadt im Zweiten Weltkrieg formen die Dresdner eine Menschenkette entlang der Elbe. Foto: rtr

Mit Kerzen, stillen Gebeten und einer Menschenkette haben gut 11 500 Dresdner am Dienstag der Zerstörung ihrer Stadt vor 73 Jahren gedacht. Tausende kamen am Abend zusammen, um eine rund vier Kilometer lange Menschenkette um die Altstadt zu bilden. Damit sollte an die Unmenschlichkeit des Kriegs erinnert sowie „ein Zeichen des Miteinanders für eine weltoffene, tolerante Stadt“ gesetzt werden; so hatte es die Stadt Dresden formuliert.

In der Nacht vom 13. auf den 14. Februar 1945 wurde die bis dahin fast völlig vom Krieg verschonte Stadt von alliierten Bomberverbänden angegriffen, 25 000 Menschen kamen ums Leben. Der Jahrestag ist ein gutes Beispiel dafür, wie Gedenken und Erinnerung sich im Laufe der Zeit wandeln – und ideologisch und politisch instrumentalisiert werden.

Hilbert fordert Auseinandersetzung

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) forderte, sich aktiv mit der Geschichte auseinanderzusetzen und die gesellschaftliche Spaltung zu überwinden. „Erinnerungskultur ist nicht nur das Ablegen von Kränzen“, sagte Hilbert laut Redetext zum Auftakt der Menschenkette. Aus dem 13. Februar erwachse eine Verantwortung „nicht für die Vergangenheit, aber sehr wohl für das, was heute, morgen und übermorgen geschieht“. Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) will das Gedenken in Dresden als einen klare Absage an Extremismus verstanden wissen: „Wir überlassen es nicht den Rändern, dieses Datum zu besetzten“, sagte er im Südwestfunk.

Seit 20 Jahren aber marschieren rund um dieses Datum auch Neonazis auf, die die Deutschen am Beispiel Dresden zu Opfern eines angeblichen „alliierten Völkermordes“ stilisieren. Tatsächlich hat sich das öffentliche Gedenken immer wieder stark verändert. Wie also erinnern sich die Deutschen heute an die Zeit des Nationalsozialismus und welche individuellen und kollektiven Narrative entstehen daraus? Sie sehen sich in der Zeit des Zweiten Weltkriegs mindestens ebenso stark als Helfer wie als Täter. Das ist das wichtigste Ergebnis einer Studie des Bielefelder Instituts für interdisziplinäre Konflikt- und Gewaltforschung im Auftrag der Stiftung Erinnerung, Verantwortung.

 Mehr als 1000 Menschen wurden dafür befragt. „Die Frage, wer wir sind, können wir nur beantworten, wenn wir Antwort auf die Frage geben können, woher wir kommen“, sagte Studienleiter Andreas Zick bei der Vorstellung der Studie. „Angesichts von Antisemitismus und Versuchen, Themen wie die Kriegsschuld für Propagandazwecke zu missbrauchen, steht Erinnerungskultur infrage.“

Je älter die Befragten, desto wichtiger der Krieg

Schon die Antworten auf die Eingangsfrage sind höchst aufschlussreich. „Was ist Ihrer Meinung nach das wichtigste historische Ereignis in Deutschland seit 1900?“, wollten die Sozialforscher wissen jede Antwort akzeptabel. Eine Mehrheit von 39 Prozent nannte die Wiedervereinigung, 37 Prozent den Zweiten Weltkrieg. Es kann kaum überraschen, dass das Alter dabei eine wichtige Rolle spielt. Je älter die Befragten, desto wichtiger ist ihnen der Krieg, während die Jüngeren bis 1989/90 zurückdenken.

Die Erinnerung wird stark geprägt von Familiengeschichten und davon, worüber gesprochen wird in den Familien. Fast 70 Prozent verneinen heute, dass Familienmitglieder unter den Tätern des Zweiten Weltkriegs waren, nur 18 Prozent bejahen das.

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