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Bombennacht legt die Stadt in Trümmer

Mehr als 700 Flugzeuge der Engländer und Kanadier fliegen am 18. März 1944 über OffenbachAm 18. März vor 60 Jahren, genau um 21.13 Uhr fallen auf Offenbach die ersten Bomben. Der schwerste Luftangriff während des Zweiten Weltkrieges auf die Stadt hat begonnen. 176 Menschen sterben, 25.000 werden obdachlos, 1121 Gebäude fallen dem Bombenhagel zum Opfer.

19.03.2005 00:03
FRANK W. METHLOW
Der britische Bomberflieger Harold Nash erzählt im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt einer Schulklasse vom Angriff auf Hessen (Archivbild vom 9. November 2004). Foto: FR

Offenbach · 16. März · Morgen ist Sonntag, Palmsonntag. An diesem 18. März 1944, dem Samstag vor Palmsonntag, haben die Konfirmanden der evangelischen Stadtkirchengemeinde ihre Prüfungen abgelegt. Danach sagt Pfarrer Rudolf Goethe noch zuversichtlich in den dunkler werdenden Raum hinein: "Nun wollen wir morgen die Konfirmation feiern - so Gott will."

Die Vorwarnzeit für die Frauen, Kinder und nicht wehrfähigen Männer in Offenbach in dieser Nacht ist kurz. Um 21.03 Uhr heulen zum ersten Mal die Sirenen - Luftalarm. Entlang der Linie von Rhein und Main nähert sich von Westen her ein gewaltiger Pulk britischer Lancaster-Bomber. 749 sind es, steht später im Bericht der Royal Air Force (RAF).

Über Südostengland hat sich der Verband versammelt und fliegt gegen 20 Uhr über den Kanal in Richtung Osten. Die deutsche Gegenwehr in der Luft ist in dieser Phase des Krieges schon stark geschwächt. 168 Nachtjäger werden über den Funkfeuern Bulle (westlich der Reichsgrenze), Ida (bei Aachen) und Otto (nordöstlich Frankfurt) versammelt und in den Bomberstrom eingeschleust. Sie schießen gerade mal elf der Bomber ab, sechs eigene Maschinen stehen später auf der Verlustliste.

Um 21.03 eröffnet die Offenbacher Flak ihr Abwehrfeuer, zwei Minuten später fallen die ersten Bomben. 3600 Tonnen sind es in dieser Nacht nach Angaben der RAF - nur auf dem Stadtgebiet Offenbach. Die Deutschen unterscheiden genauer: 44 Luftminen, 417 Sprengbomben, 6000 Flüssigkeitsbrandbomben und ungefähr 100 000 Stabbrandbomben richten in Offenbach die schwersten Verwüstungen seit Beginn des Krieges an. In der ersten Angriffswelle trifft die Flak eine Lancaster der australischen 463 Schwadron - die Maschine stürzt mitten in die Stadt und schlägt im Friedrichsring neben der St. Josefskirche auf. Später werden die sieben Besatzungsmitglieder auf dem Offenbacher Friedhof beerdigt.

Fast zwei Stunden lang krachen die Bomben vor allem in die Altstadt südlich des Mains bis hinaus in die Industriegebiete entlang der Sprendlinger Landstraße. Natürlich trifft es auch die Naphtol-Chemie am Mainbogen schwer. Einzelne Treffer werden in Bieber und Bürgel gemeldet.

Es brennt eine Woche

Aus der Stadt Frankfurt, den umliegenden Landkreisen und Kommunen bis hin aus Kassel und Heidelberg kommen die Rettungszüge und Hilfskräfte in dieser Nacht und versuchen die zahllosen Brände zu löschen. Fast eine Woche werden sie schließlich brauchen, bis die letzten Brandnester erstickt sind. 1121 Wohnhäuser sind total oder schwer beschädigt, ebenso die Städtische Sparkasse, das Versorgungskrankenhaus, das Städtische Krankenhaus, die Greinische Klinik, die Allgemeine Ortskrankenkasse und auch das Polizeipräsidium.

Gott sei Dank - so ist in der Chronik der Stadtkirchengemeinde zu lesen - die Stadtkirche war nicht getroffen worden: "Der Pfarrer half im Nachbarhaus und in der Nachbarschaft löschen und ausräumen. Ringsum brannte es lichterloh. Mindestens noch zweimal kontrollierte der Pfarrer die Stadtkirche. Kirchendiener Eichenauer hatte innen und im Treppeneingang ganz am Rande eine Brandbombe gelöscht."

Ein riesiger Feuerschein steht über der Stadt, in den engen Gassen der Altstadt ist es taghell. Weil ein Flächenbrand droht, wird der Bunker Ziegelstraße um 22.45 Uhr geräumt. Gas, Strom und Wasser fallen aus.Um drei Uhr in der Früh wird Pfarrer Rudolf Goethe alarmiert - die Stadtkirche brennt. Offenbar hat die Kirche vom brennenden Stadthaus her Feuer gefangen, oder die gelöscht geglaubte Brandbombe hat weiter geglimmt.

Über den Rest des Geschehens gibt die Chronik Auskunft: "Mit seiner Frau stand nun der Pfarrer entfernt von der immer größer werdenden Glut am Eingang der Herrnstraße weinend und betend, dass doch der brennende Turm nicht auf die nahen Nachbarhäuser fallen möchte. Aber ganz still sank er in sich zusammen, die schmelzende Glocke unter sich bergend."

(Publiziert zuerst am 17. März 2004)

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