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Berlin Document Center Die Flakhelfer am Kabinettstisch

Erst 1994 gaben die USA der Bundesrepublik NSDAP-Akten aus dem Berlin Document Center zurück. Malte Herwig belegt in seinem Buch "Flakhelfer", dass das Auswärtige Amt offenbar jahrzehntelang eine bewusste Verzögerungstaktik betrieben hat - wegen peinlicher Inhalte.

Mitarbeiter der amerikanischen Militärregierung sichten 1947 im Berlin Document Center Akten. Die Rückgabe an die Bundesrepublik dauerte noch bis 1994. Foto: akg

Erst 1994 gaben die USA der Bundesrepublik NSDAP-Akten aus dem Berlin Document Center zurück. Malte Herwig belegt in seinem Buch "Flakhelfer", dass das Auswärtige Amt offenbar jahrzehntelang eine bewusste Verzögerungstaktik betrieben hat - wegen peinlicher Inhalte.

Als die USA 1994 nach jahrzehntelangen Verhandlungen Dokumente und Archivalien des Berlin Document Center (BDC) an die Bundesrepublik Deutschland zurückgaben, staunte die interessierte Öffentlichkeit nicht schlecht. Die im BDC verwahrte Mitgliederkartei der NSDAP gab fast 50 Jahre nach dem Ende des NS-Regimes vertraute Namen preis, darunter drei Bundespräsidenten – Walter Scheel (FDP), Karl Carstens (CDU) und Heinrich Lübke (CDU), den ehemaligen Präsidenten des Deutschen Bundestages Richard Stücklen (CSU), die Außenminister Hans-Dietrich Genscher und Walter Scheel (beide FDP), Wirtschafts- und Finanzminister Karl Schiller (SPD) und Liselotte Funcke (FDP), Kanzleramtschef Horst Ehmke (SPD), den ehemaligen Fraktionschef der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Alfred Dregger und viele mehr.

Aus Flakhelfern werden führende Demokraten

Man gewann den Eindruck, das Land sei in seinen frühen Jahren von ehemaligen NSDAP-Mitgliedern regiert worden. Der Eindruck täuschte nicht. Allein in der Regierung Willy Brandts saßen zwölf ehemalige Nationalsozialisten. Die Flakhelfergeneration, wie der Autor und Journalist Malte Herwig sie nennt, war auch am Projekt „mehr Demokratie wagen“ maßgeblich beteiligt. Die Geschichte ihrer schuldlos-schuldigen Verstrickung in die NS-Vergangenheit erzählt Herwig in seinem Buch „Flakhelfer – wie aus Hitlers jüngsten Parteimitgliedern Deutschlands führende Demokraten wurden“.

Herwig zeichnet indes auch das jahrzehntelange Ringen um das Archiv des Berlin Document Center nach, berichtet über die Verhandlungen zwischen den USA und der Bundesrepublik über eine Rückgabe der NS-Akten und weist nach, dass diese Rückgabe von der deutschen Regierung lange verschleppt worden ist. Vor allem die Mitgliederkartei der NSDAP wollte man auf deutscher Seite so schnell nicht wiedersehen. Immerhin wussten an den Verhandlungen Beteiligte, wie Genscher, spätestens seit Anfang der 70er Jahre, dass ihr Kärtchen dabei war.

Das Desinteresse an den Dokumenten des BDC war allerdings allumfassend und parteiübergreifend. Union, SPD und FDP waren sich darin einig, eine neue „Entnazifizierung“ um jeden Preis verhindern zu wollen. Tatsächlich waren die USA bereits 1967 zu einer Rückgabe der Akten bereit, allein, die Regierung Kiesinger zeigte ebenso wenig Interesse wie ihre Nachfolger. Von den jeweiligen Parteilinien abweichende Abgeordnete, die eine Rück- und Freigabe aller NS-Akten forderten, galten als lästige Nervensägen. Der SPD-Abgeordnete Karl-Heinz Hansen provozierte mit seinem beharrlichen Drängen auf Rückgabe schließlich den Ausschluss aus seiner Partei.

Grüne führen 1989 Beschluss herbei

Erst als die Grünen 1989 einen Parlamentsbeschluss herbeiführten, sah sich die Bundesregierung unter Helmut Kohl gezwungen zu handeln. Das Auswärtige Amt (AA) bat die USA allerdings, nach Aktenkenntnis Herwigs, nur zum Schein um die „sofortige Herausgabe“ der Dokumente. Tatsächlich signalisierte das AA unter Hans-Dietrich Genscher dem Bündnispartner, man erwarte eine Absage.

All dies belegt Herwig in seinem Buch mit entsprechenden Quellenverweisen in der National Archives and Records Administration in Washington und im Politischen Archiv des Auswärtigen Amts in Berlin. Auf eine Kleine Anfrage der Linken zur „möglichen verzögerten Rückgabe von NS-Akten“, die der FR vorliegt, erklärt das Auswärtige Amt indes: „Aus den Akten des Auswärtigen Amts ergeben sich keine Hinweise, dass es bewusste Verzögerungen bei der Aufnahme von Regierungsverhandlungen mit den Vereinigten Staaten von Amerika zur Rückgabe von NS-Akten gegeben hat.“ Vielmehr habe insbesondere Genscher auf eine zügige Verhandlungsführung gedrungen. Die Verhandlungen seien aufgrund unterschiedlicher Auffassungen über Fragen wie Standort oder Finanzierung, „ins Stocken geraten“. Tatsächlich stockten sie 27 Jahre – bis 1994.

Doppeltes Spiel der Regierung

Herwig dagegen zitiert US- Quellen wie den Ex-Direktor des BDC, Daniel Simon, der 1987 seinem Ärger über die Deutschen in einem Memo an die US-Gesandtschaft in Berlin Luft machte: „Ich habe es langsam satt, dass sie uns immer und immer wieder öffentlich für die Verzögerungen verantwortlich machen. Dabei habe ich keinen Zweifel, dass sie (eine Rückgabe der Akten) ablehnen würden, wenn wir ihnen das BDC morgen ohne jegliche Bedingungen anbieten würden.“

Auch das doppelte Spiel, dass die Bundesregierung 1989 mit ihrer vermeintlichen Forderung nach einer sofortigen Rückgabe betrieb, findet in einer vertraulichen Depesche der US-Botschaft an Washington im Oktober 1989 Erwähnung. Offenbar bittet das AA um die Wiederaufnahme der Verhandlungen, „um dem politischen Druck derer zu begegnen, die im Bundestag eine raschere Rückgabe des BDC fordern“. In der Antwort des AA auf die Anfrage der Linken heißt es hierzu: „Die Bundesregierung verfügt über keine Erkenntnisse, wonach den USA 1990 ein angebliches Scheinangebot unterbreitet worden sein soll.“ Im Übrigen nehme man zu Dokumenten fremder Staaten keine Stellung.

„Selbstverständlich gibt es Belege“, erklärt dagegen Herwig, „die amerikanischen Quellen sind eindeutig“, sagte er der FR. „Das AA versucht, den eigenen Kopf aus der Schlinge zu ziehen, in dem es die Quellen mutwillig ignoriert. Dass sie die amerikanischen Akten nicht kennen“, so Herwig, „daraus kann man ihnen keinen Vorwurf machen. Dass sie die aber nicht einmal zur Kenntnis nehmen wollen – nun ja.“

"Es geht nicht um die Tat"

Entsprechende Aussagen könnte das AA allerdings auch in eigenen Akten finden. Herwig erwähnt einen handschriftlichen Vermerk aus den 80er Jahren. Ein höherer Beamter des AA erklärt, „es könne nicht schaden, wenn es noch ein paar Jahre dauert, bis die Akten zurückkommen“.
„Das AA täuscht den Bundestag erneut in der Frage der Nazi-Akten, wie es das schon Anfang der 90er Jahre getan hat“, sagt Herwig. Ihm gehe es nicht darum, alten Leuten vorzuwerfen, dass sie 1944 mit 18 noch in die NSDAP eingetreten sind. „Es geht nicht um die Tat, es geht um das jahrzehntelange Leugnen und darum, dass aus persönlicher Verdrängung ein Motiv regierungsamtlichen Handelns wird.“

Die Verzögerungstaktik des AA hatte dafür gesorgt, dass die Öffentlichkeit erst 1994 von der NSDAP-Mitgliedschaft Genschers erfuhr. „Wären diese Akten schon in den 70er Jahren zurückgegeben worden – und dazu waren die Amerikaner bereit – wäre seine NSDAP-Vergangenheit und die vieler anderer Spitzenpolitiker herausgekommen als sie noch Regierungsverantwortung hatten“, sagt Herwig. 1993 war Genscher nach 18 Jahren zurückgetreten.

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