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Auschwitz-Überlebende „Ich bin zum Leben verurteilt“

Anna Nussbächer ist Jüdin. Mit 14 Jahren wurde sie deportiert. Bis heute fällt es ihr schwer, über die Zeit im Konzentrationslager zu reden. Eine Begegnung.

Auschwitz-Birkenau
Auschwitz, 2018: Die 14-jährige Anna Nussbächer, ihre Eltern und ihr vier Jahre jüngerer Bruder kamen im Juli 1944 dorthin. Foto: rtr

Anna Nussbächer schiebt einen Ärmel ihres Pullovers hoch. „Sehen Sie!“ Sie zeigt auf einen hellen Streifen Haut auf ihrem linken Unterarm. Hier habe sie gestanden. Die Häftlingsnummer, die man ihr 1944 in Auschwitz ins Fleisch tätowiert habe. Nummer 23727. „Ich habe sie entfernen lassen, als eine meiner Schülerinnen mich gefragt hat, ob das meine Telefonnummer sei.“ Atheistin sei sie nach ihrer Rückkehr aus dem KZ geworden, sagt sie. „Damals habe ich mir außerdem geschworen, keine jüdischen Kinder auf diese Welt zu bringen. Dazu gibt es zu viel Antisemitismus, und ich wollte nicht, dass sie jederzeit beleidigt oder ermordet werden können, bloß weil sie Juden sind.“ 

Anna Nussbächer wird im März 1930 in einer Stadt mit vielen Namen geboren, Nagyenyed heißt der Ort auf Ungarisch, Aidu auf Rumänisch. Straßburg am Mieresch nennen ihn die Deutschen. Seit Ende des Ersten Weltkriegs gehörte er zu Rumänien. „Ich hatte eine sehr schöne und normale Kindheit“, sagt Anna Nussbächer. Vor allem die Ausflüge mit dem Großvater seien ihr in Erinnerung geblieben. „Am Wochenende ist er mit uns Kindern wandern gegangen. Wir haben Pilze gesammelt und mit Speck über dem Feuer gebraten.“ Sie geht aus dem Zimmer und kommt mit einem Hochzeitsbild der Großeltern zurück. Das Foto gehört zu den wenigen Dingen, die Anna Nussbächer aufbewahrt hat. Nach dem Tod ihres Mannes hat sie sämtliche Fotoalben weggeworfen und die Tagebücher von ihren gemeinsamen Reisen vernichtet.

1941 zieht die Familie nach Klausenburg, dem heutigen Cluj-Napoca. Seit der Aufteilung Siebenbürgens ein Jahr zuvor gehört die Stadt zu Ungarn. Anna Nussbächer erinnert sich an erste Repressalien gegen die jüdische Bevölkerung. Im rumänischen Nagyenyed hatte die Familie ihre große Wohnung verlassen und in eine Einzimmerwohnung umziehen müssen. Der Zehnjährigen war von einem orthodoxen Priester der Schulbesuch untersagt worden. Auch in Klausenburg spitzt sich die Lage zu. Im März 1944 besetzen die Deutschen Ungarn. Anfang Mai werden alle jüdischen Bürger in einer stillgelegten Ziegelei zusammengetrieben und nach und nach in Vernichtungslager deportiert. 

Die inzwischen 14-Jährige, ihre Eltern und ihr vier Jahre jüngerer Bruder Zolti kommen im Juli 1944 nach Auschwitz. Die Familie wird sofort nach der Ankunft getrennt, Anna Nussbächer wird ihren Vater und den Bruder nicht wiedersehen. Mit der Mutter wird sie weitergeschickt in das KZ Plaszow bei Krakau. Im Oktober 1944 endet ihre Odyssee in einem Arbeitslager in Taucha bei Leipzig, wo Mutter und Tochter in einem Rüstungsbetrieb der „Hugo und Alfred Schneider AG“ arbeiten müssen. Als im März 1945 die amerikanischen Truppen näher rücken, lösen die Deutschen das Lager auf und schicken die halb verhungerten Insassen auf einen Todesmarsch. Nur wenige überleben, unter ihnen Anna und Ilona Nussbächer.

Anna Nussbächer drückt ihre Zigarette aus. „Die Menschen hätten einander für ein Stück Brot umbringen können.“ Mehr mag sie nicht sagen über eine Zeit, die bis heute auf ihrer Seele lastet. Drei Selbstmordversuche liegen hinter ihr. Keiner gelang. „Ich bin zum Leben verurteilt.“
Sie schiebt den Rollator Richtung Wohnzimmer. Am 2. Januar 1967 sind Richard und sie nach Deutschland gekommen. 27 Jahre hat Anna Nussbächer an bayerischen Gymnasien „die deutsche Jugend“ in Französisch und Geschichte unterrichtet. Darauf, sagt sie, sei sie sehr stolz. „Nach allem, was ich mitgemacht habe.“ 

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