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Auschwitz Holocaust-Gedenktag Der Ort des Unbegreiflichen

Vor 70 Jahren wurde das Vernichtungslager Auschwitz befreit. Die Überlebenden mahnen: Was hier geschah, darf nie vergessen werden.

Laut ehemaligen Auschwitz-Häftlingen war das umgekehrte „B“ ein heimlicher Protest eines Kunstschlossers, der den Schriftzug für die SS anfertigen musste. Foto: AFP

Es ist, als wäre er gekommen, um die Geräusche der Welt ein wenig zu dämpfen. Um dafür zu sorgen, dass alle genau zuhören; dass die Welt einen Augenblick innehält und sich erinnert. Vor ein paar Tagen ist der erste Schnee des Jahres gefallen, und er überzieht Polen und diesen Ort, an dem es immer dunkel bleiben wird. Er bedeckt die Dächer der roten Backsteinbaracken, er liegt auf den Wiesen zwischen den Gebäuden, in denen so viel Schreckliches passiert ist. Es ist still dort, an dem Ort, den immer mehr Menschen besuchen, um zu begreifen.

Denn das, was im ehemaligen Vernichtungslager der deutschen Nationalsozialisten in Auschwitz passiert ist, ist unaussprechlich – und die Stimmen der Millionen von Menschen, die hier vor mehr als 70 Jahren ihren Tod fanden, sind verstummt. Doch damit sie niemals vergessen werden, sind für den heutigen 70. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz viele Menschen an diesen Ort gekommen, um ihre Geschichte zu erzählen und dafür zu sorgen, dass immer daran erinnert wird, was hier geschehen ist.

„Dieser Ort ist kalt und leer, es ist verbrannte Erde. Man kann die Toten spüren.“ Eva Umlauf, heute 73 Jahre alt, ist ebenfalls zur Gedenkfeier nach Auschwitz gereist, um zu erinnern. Nicht sich selbst, sondern die, die in Zukunft dafür sorgen müssen, das Gedächtnis dieses Ortes zu bewahren. Die Frau, die als Zweijährige die Todesmaschine überlebte und mit ihrer Mutter, die damals mit Evas kleiner Schwester schwanger war, durch Truppen der Roten Armee befreit wurde, lebt heute in München.

Seit sie 1995 das erste Mal nach Auschwitz kam und 2011 sogar die Rede während der damaligen Gedenkfeier gehalten hat, hat sie es sich zur Aufgabe gemacht, den Menschen, stellvertretend durch ihre Geschichte, die Grausamkeit der Menschenvernichtung in Auschwitz und in den anderen Lagern der Nationalsozialisten immer wieder zu erzählen.

Dieses Jahr, der 70. Jahrestag, ist ein historischer Moment. „Eine ganze Epoche wird bald zu Ende gehen. Die Stimmen der Überlebenden werden verstummen, es ist nur eine Frage der Zeit“, sagt Eva Umlauf.

Noch können Zeitzeugen berichten

Sie, die die Nummer A-26959 auf den Arm tätowiert bekam, ist offiziell die jüngste Auschwitz-Überlebende. Umlauf und die anderen Zeitzeugen sind es, die noch berichten können. Um ihnen zuzuhören, sind viele Menschen in die kleine Stadt Oswiecim in Polen gekommen.

Am Tag vor der Gedenkfeier – und wohl auch am 27. Januar selbst – sieht man die Überlebenden über das Gelände von Auschwitz gehen, meist in Begleitung von Familien und Freunden, an den Armen ihrer Enkeln gestützt. Und immer wieder müssen sie anhalten, sie werden von Journalisten oder Besuchern vorsichtig gefragt: Was haben Sie hier erlebt? Was ist Ihre schlimmste Erinnerung? Wie haben Sie überlebt? Dann halten sie inne, erzählen jedem mit der gleichen Geduld ihre Geschichte, ihr Schicksal.

David Dario Gabbai hat die schwarze warme Mütze tief ins Gesicht gezogen, ein beiger langer Mantel und braune Lederhandschuhe schützen ihn vor der winterlichen Kälte von Auschwitz. Der 93-Jährige lebt heute im warmen Kalifornien und hat aus dem gleichen Grund die Reise nach Polen unternommen wie Umlauf und die vielen anderen. Jeder hat eine Geschichte zu erzählen und von jedem ist sie aufs Neue unermesslich erschütternd. Gabbai antwortet auf die Frage, was seine Rolle im Konzentrationslager war: „Ich habe die Leichen der anderen Häftlinge aus den Gaskammern in das Krematorium gebracht.“

Im Stammlager Auschwitz, auch Lager I genannt, kann man heute noch die Überreste der Orte sehen, an denen David Dario Gabbai und andere gezwungen wurden, ihre Mithäftlinge in den Tod zu führen. Am Rande des Geländes steht ein niedriger, unscheinbarer Bau. Dort gibt es einen langen Raum, dessen Wände aus Beton dunkle Flecken haben. Es ist eine Gaskammer, eine der ersten, die in dem Vernichtungslager für die systematische Tötung von Menschen gebaut wurden. Direkt daneben befindet sich das Krematorium, in dem die Leichen von Millionen Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, Widerstandskämpfern und vieler anderer verbrannt wurden, die von den Nazis in das Lager deportiert wurden.

Er habe die Bilder dieser Zeit niemals vergessen und er hat sie auch heute jeden Tag vor Augen, in einer Intensität, die niemals nachlässt, erzählt Gabbai. Während er das sagt, schaut der kleine schmale Mann geradeaus. Er wirkt, als kehre er in diesem Moment wieder zurück, in das Lager vor 70 Jahren. „Ich wollte doch auch nur überleben“, fügt er leise hinzu, und die Trauer, die man hinter seinem Blick erahnen kann, ist in einem Menschenleben nicht zu tilgen.

Gabbai geht weiter, über die schneeweißen Straßen, weg von dem Tor mit der Aufschrift „Arbeit macht frei“. In diesem Moment ist es still, trotz der vielen Menschen, die gekommen sind. Denn sie alle hören zu, damit es niemand jemals vergisst.

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