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Alliierte Bombenangriffe nach 60 Jahren kein Thema für Tschechen

Prag wurde am 14. Februar bombardiert - aus Versehen?In der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges erlebten nicht nur deutsche Städte, sondern auch besetzte Orte außerhalb des Deutschen Reiches alliierte Luftangriffe. So starben in Prag am 14. Februar 1945 etwa 700 Menschen bei einem US-Luftangriff, Dutzende Wohnhäuser, ein Krankenhaus und das historische Emmaus-Kloster wurden zerstört oder schwer beschädigt. Warum reine Wohnviertel bombardiert wurden, ist bis heute nicht völlig geklärt.

11.02.2005 00:02
WOLFGANG JUNG (PRAG, DPA)

In der Schlussphase des Zweiten Weltkrieges erlebten nicht nur deutsche Städte, sondern auch besetzte Orte außerhalb des Deutschen Reiches alliierte Luftangriffe. So starben in Prag am 14. Februar 1945 etwa 700 Menschen bei einem US-Luftangriff, Dutzende Wohnhäuser, ein Krankenhaus und das historische Emmaus-Kloster wurden zerstört oder schwer beschädigt. Warum reine Wohnviertel bombardiert wurden, ist bis heute nicht völlig geklärt.

Sicher ist, dass die 62 amerikanischen Flugzeuge eigentlich zur Bombardierung von Dresden in der Luft waren. In Vermutungen heißt es, dass die Piloten die beiden Städte schlicht verwechselten ("Ziel: Großstadt an Flussbiegung") oder dass Wind- und Wetterbedingungen zu einer kurzfristigen Änderung der ursprünglichen Absicht geführt haben sollen.

Im März 1945 wurde Prag erneut Ziel eines Luftangriffs - diesmal fielen Bomben auf die Industrievororte Liben und Vysocany. 370 Menschen kamen dabei ums Leben. In den beiden letzten Kriegsmonaten wurden auch die böhmischen Industriestädte Kladno, Kralupy und die Stadt Pilsen (Plzen) bombardiert, zudem erlitten Aussig (Usti nad Labem), Brünn (Brno) und besonders Ostrau (Ostrava) schwerste Schäden.

Auch wenn die Angriffe insgesamt nicht annähernd so verheerend wie jene auf deutsche Städte waren, schockierten sie doch die tschechische Bevölkerung. Ganz anders reagierten Opfer der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft im KZ Theresienstadt (Terezin) auf die Bombardierung der sächsischen Landeshauptstadt: "Wir weinten vor Freude, als wir den roten Schein am Himmel sahen. Dresden brennt, die Alliierten sind nicht mehr weit! Das war psychologisch ungeheuer wichtig für uns", erinnerte sich ein Holocaust-Überlebender später.

Eine Diskussion über die Angriffe, wie sie seit Wochen deutsche Medien beherrscht, kam in Prag nur einmal auf: Kurz nach der politischen Wende von 1989 wollte eine Tschechin, die im Bombenhagel ein Haus verloren hatte, die Alliierten auf Schadenersatz verklagen. "Nach einem Hinweis auf das Verursacherprinzip verlief die Sache im Sande", erklärt ein Prager Diplomat. Zudem seien die meisten Schäden unmittelbar nach Kriegsende kompensiert worden.

"Die tschechoslowakischen Behörden haben solche Fälle allgemein zwischen 1945 und 1948 gelöst", berichtet er. Statt in diesen Tagen an die Angriffe auf Prag zu denken, richten sich seine Blicke auf die deutschen Nachbarn. Das hat er mit vielen Tschechen gemeinsam, die die sächsische Diskussion über den 13. Februar 1945, aber auch über die NPD, besorgt betrachten. "Werden aus den Tätern Opfer?", fragt etwa das Nachrichtenmagazin "Tyden" in seiner aktuellen Ausgabe.

Ausführlich berichtet das einflussreiche Blatt über die damaligen Leiden der Menschen in Dresden, Hamburg und Köln, erinnert jedoch am Ende des Artikels: "Den Terror gegen wehrlose Zivilisten in den Städten der Feinde begannen die Deutschen selbst."

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