Lade Inhalte...

8. Mai Ein besonderes Datum

Der 8. Mai ist mit der Erinnerung an das Ende des Zweiten Weltkrieges verbunden – zu Recht. Denn jede Generation eignet sich die Themen Faschismus und Krieg neu an.

Symbol für das Kriegsende: Rotarmisten hissen die sowjetische Fahne auf dem Reichstag in Berlin. Foto: Imago

Heute spricht erstmals ein Historiker im Bundestag zum Gedenken an das Ende des Zweiten Weltkrieges. Die Wahl fiel auf den emeritierten Professor Heinrich August Winkler. Einige Beobachter sehen darin einen Rückzug der Politik vom historischen Erinnerungszyklus. Denn zum einen redet 70 Jahre nach Kriegsende weder der Bundespräsident noch die Kanzlerin. Seit 1964 hatten deren Vorgänger am 8. Mai das Wort ergriffen. Zum anderen hatte bereits im vergangenen Jahr der deutsch-französische Historiker Alfred Grosser zum 100. Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkrieges die Ansprache gehalten.

Man kann darüber auch gelassener diskutieren. Schließlich wird der Historiker Winkler sicher mindestens genauso gut wie ein Politiker seinen Zuhörern erklären, wie die Vergangenheit in die Gegenwart ragt. Schließlich hat der 76-jährige gebürtige Ostpreuße mit seiner vierbändigen „Geschichte des Westens“ ein hoch gelobtes Werk zu diesem Thema vorgelegt. Außerdem gehörte Heinrich August Winkler in den 1980er Jahren im Historikerstreit zu jenen, die ihrem Kollegen Ernst Nolte heftig widersprachen und darauf beharrten, den Holocaust nicht zu relativieren.

Und wer sagt, dass Politiker qua Amt die besseren Reden halten. Im kollektiven Gedächtnis ist nur die Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker hängen geblieben, als er 1985 den Deutschen erklärte, dass der 8. Mai 1945 vor allem ein Tag der Befreiung vom Hitler-Faschismus und weniger eine Niederlage war. Offensichtlich entscheidet nicht die Profession über die Relevanz einer Ansprache, sondern der Inhalt.

Ein Gedenkredner sollte etwas zu aktuellen Debatten beitragen können. Sonst besteht die Gefahr, dass er seine Zuhörer langweilt und sie nicht anregt, über Vergangenes und Gegenwärtiges nachzudenken.

Gelassen darf man beim 8. Mai auch sein, weil jede Generation sich die Themen Faschismus und Krieg neu aneignet. Die Tätergeneration erklärte den Zivilisationsbruch anders als deren Enkel. Der Schriftsteller Timur Vermes ist mit seinem 2012 erschienenen Roman und Bestseller „Er ist wieder da“ nur ein Beispiel. Er beschreibt satirisch, wie Adolf Hitler im Jahre 2011 in Berlin wieder ins Leben zurückkehrt. William Hastings Burke wiederum schildert in „Hermanns Bruder – Wer war Albert Göring?“, wie ein Familienmitglied Dutzenden Juden das Leben rettet, während der Reichsmarschall und glühende Antisemit Hermann mit anderen deren Verfolgung und massenhafte Ermordung mitorganisiert.

Und noch lange sind nicht alle Geschichten über den unmenschlichen faschistischen NS-Staat erzählt.

Nicht vergessen werden darf zusätzlich, dass wesentliche Lehren aus der braunen Herrschaft bereits gezogen wurden. Das deutsche Grundgesetz beispielsweise schließt mit verfassungsrechtlichen Mitteln jede Form des Totalitarismus in Deutschland aus. Der einstige Aggressor Deutschland ist nach zwei Weltkriegen zudem politisch und wirtschaftlich in die Europäische Union, militärisch in die Nato eingebunden.

Zusätzlich hat Auschwitz dazu beigetragen, den Menschenrechten einen weltweiten Anspruch zu verschaffen, die im Jahr 1948 von der Vollversammlung der Vereinten Nationen verabschiedet wurden. All das muss weiterentwickelt, im Zweifel konsequenter umgesetzt oder es muss sogar dafür gekämpft werden. Es gibt also keinen Grund, sich zurückzulehnen. Ganz im Gegenteil.

Aktuelle Ereignisse wie die Ukraine-Krise oder die Flüchtlingskatastrophe im Mittelmeer beeinflussen ebenfalls die Debatte über die deutsche Vergangenheit. Solche Entwicklungen werfen immer mal wieder die Frage auf, ob die Deutschen, die anderen europäischen Nationen und ganz allgemein die Welt genügend aus der kriegerischen Geschichte des vergangenen Jahrhunderts gelernt haben und wie die scheinbar alten Erkenntnisse vor den Herausforderungen der Gegenwart und Zukunft bestehen können.

So gesehen wird das historische Kapitel über das totalitäre NS-Regime und deren Folgen nie abgeschlossen sein. Der 8. Mai wird immer ein besonderes Datum bleiben und nicht zu einem normalen werden wie viele andere. Die Signifikanz des Krieges, des Holocaust, Adolf Hitlers und der Nazi-Ära bleibt.

Oder, um es mit dem Historiker Ian Kershaw zu sagen: „Solange Menschlichkeit die gesellschaftliche Grundlage Europas ist, wird sich die Sicht auf Hitler und den Zweiten Weltkrieg nicht ändern.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen