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60 JAHRE DANACH Der Tag, an dem Goebbels' Doppelgänger kam

Wolfgang Rittmann war 18 Jahre alt und Fahnenjunker-Unteroffizier an der Luftkriegsschule in Berlin-Gatow, als er Hitlers Rede im Großdeutschen Rundfunk zum 12. Jahrestag der "Machtergreifung" hörte.

29.01.2005 00:01

Es war ein Dienstag. Aus allen Inspektionen der Luftkriegsschule Berlin-Gatow wurden Abordnungen zu einer Veranstaltung aus Anlass des 12. Jahrestags der so genannten Machtergreifung in den Kinosaal abkommandiert, darunter auch ich. Als Redner wurde eine Parteigröße erwartet.

Als sich die Saaltüre öffnete, erschien der Kommandeur des Fliegerhorsts Gatow, ein Oberst von Wurmb, und vor ihm - ich traute meinen Augen nicht - in goldbraunem Uniformrock mit der roten Hakenkreuzarmbinde, gleichfarbiger Schirmmütze und schwarzen Hosen hinkte einer nach vorn. So hinkte nur einer, der Reichspropagandaminister und Gauleiter von Berlin, Doktor Joseph Goebbels. Den einen Fuß nach innen gedreht, den emporgerissenen rechten Arm zum Hitlergruß rückwärts geworfen, Handteller nach oben. Ich sah ihn zunächst nur von hinten.

Er war es dann doch nicht. Am Rednerpult stand ein NS-Kreisleiter aus dem Gau Groß-Berlin. Das Doppelgängerphänomen war allerdings verblüffend. Kriegsauszeichnungen und das silberne Verwundetenabzeichen waren zu sehen. Eine Kriegsverletzung also und kein Klumpfuß wie beim "Original".

Die Rede unterschied sich in nichts von dem, was andere Nazi-Bonzen in diesen Wochen auch von sich gaben. An den fanatischen Willen wurde appelliert, der Glaube an den Endsieg heraufbeschworen. Des Führers Wunderwaffen als große Vision. Auch die Luftwaffe habe ihre Trumpfkarten im Ärmel, wenn den anglo-amerikanischen Terrorangriffen in Kürze ein Ende bereitet werde. "Gerade Sie, meine jungen Kameraden, werden diejenigen sein. . ." Wir schauten uns an.

Gut zwei Wochen zuvor hatten wir uns in Anwesenheit eines Generals vom Planungsstab der Luftwaffe "freiwillig" durch Handaufheben zu Ausbildung und Einsatz als Rammjäger verpflichtet. Kamikaze, das japanische Wort war uns sehr wohl ein Begriff. In Tonfall und Gestik ahmte der Redner seinen Herrn und Meister gekonnt nach. Nur der rheinische Tonfall fehlte.

Zum Schluss verhieß er uns eine besondere Gunst des Herrn Reichsministers und Gauleiters. Der am selben Tag in der Stadt im Tauentzien-Filmpalast uraufgeführte Film Kolberg werde in den nächsten Tagen hier in der Luftkriegsschule bevorzugt gezeigt. Eine solche Gunst werde auch der eingeschlossenen Atlantikfestung La Rochelle zuteil.

Der Redner schloss mit einem inbrünstigen Glaubensbekenntnis an den Sieg. Dann die Nationalhymnen. Das dreifache Sieg Heil kam nicht zustande. Wahrscheinlich hatte der Hoheitsträger und Gast sich dieserhalb auf den Hausherrn verlassen, und dem Obersten von Wurmb war das entweder kein Bedürfnis oder er hatte es einfach übersehen.

An diesem Tag sprach Hitler zum letzten Mal über den Großdeutschen Rundfunk: Volksgenossen und Volksgenossinnen! "Als ich am 30. Januar 1933 die Macht übernahm..."

Fast immer begannen seine Reden zu diesem Anlass so. Schon als Grundschüler habe ich 1934 die Macht-Übernahme-Führerrede beim Gemeinschaftsempfang anhören müssen. In besonderer Erinnerung geblieben sind mir Sätze aus seiner Rede am 30. Januar 1939, die ich, wiederum im Gemeinschaftsempfang - diesmal in der 3. Klasse des Gymnasium (damals Oberschule) -, so vernommen hatte: "Wenn es dem internationalen Finanzjudentum in und außerhalb Europas gelingen sollte, die Welt noch einmal in einen Krieg zu stürzen, so steht am Ende nicht der Sieg des Bolschewismus, sondern die Vernichtung der jüdischen Rasse in Europa . .." Das war nichts anderes als die Ankündigung des Holocaust.

Wolfgang Rittmann, Schwetzingen

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