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Wenn Herr Renz doch Recht behält

Götz Aly stellt sich kritischen Fragen zu 1968

12.04.2008 00:04
MATTHIAS ARNING

Dem älteren Herr ist es ein Anliegen der Fairness. Ein Historiker des Kalibers von Götz Aly müsse seiner eigenen Generation Gerechtigkeit wiederfahren lassen. Niemand sollte Wirkungen der 68er verklären, sagt der ältere Herr, der sein Studium in besagter Zeit im Soziologischen Seminar der Goethe-Uni verbracht hat. Niemand sollte aus Rebellen von damals Helden machen. Doch klar sei für ihn, und dass schreibe er seiner Generation zu: Im Zusammenhang mit emanzipativen Impulsen für eine verkrustete und verunsicherte Gesellschaft habe diese Generation wertvolles geleistet. Da nicken viele im Publikum.

Freitagabend. Götz Aly ist in der ihm wohl vertrauten Stadt, um sein umstrittenes Buch "Unser Kampf 1968. Ein irritierter Blick zurück" vorzustellen. Nach einer kurzen Lesung folgt er nun den Fragen und Anmerkungen seiner mitunter empörten Leserschaft. Und wieder schüttelt er im Historischen Museum mit einer gewissen Ungehaltenheit den Kopf. Was denn Emanzipation in diesem Zusammenhang meine, fragt er zurück, eine Befreiung des Sexuallebens hätte zumindest der 68er nicht bedurft. Das zeigten doch die Beispiele in skandinavischen Ländern, die in dieser Zeit keine Rebellion erlebt, wohl aber sexuelle Freizügigkeit erfahren hätten.

Für Aly steht außer Frage: Die 68er, die sich selbst ähnlich wie junge Nationalsozialisten als Bewegung unter Handlungszwang verstanden hätten, diese 68er seien "Spätausläufer des Totalitarismus" gewesen. Junge Studenten, die man nicht zu Heroen machen sollte, die Getriebene gewesen seien. Daraus allerdings ergäbe sich "nichts Emanzipatorisches für die weitere Geschichte der Bundesrepublik". Mit der Ahndung nationalsozialistischer Verbrechen hätten sie sich nur unzureichend auseinandergesetzt, zahlreiche in besagter Zeit vor Gerichten verhandelte Gräueltaten gar nicht zur Kenntnis genommen.

An dieser Stelle tritt Werner Renz auf. Und hält Aly vor, an diesem argumentativ nicht unwichtigen Punkt "unseriös" zu arbeiten, auf eine gründliche Recherche verzichtet zu haben. Denn die von Aly angeführten Strafverfolgungsverfahren setzten viel früher ein, blieben also nicht auf das Jahr 1968 beschränkt. Darauf besteht Renz, der Archivar des Fritz-Bauer-Institut mit intimen Kenntnisse über die juristische Aufarbeitung der NS-Verbrechen. Für einen Moment hält Aly, vor Jahren selbst Lehrender am Bauer-Institut, inne. Dann sagt er: "Da haben Sie Recht, Herr Renz."

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