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Vernehmungen im besiegten Deutschland

Ein Ausschnitt aus den Kriegsberichten von Saul K. Padover

02.06.2004 00:06

"In der Normandie haben wir viel über die Mentalität der Deutschen und die politische Stimmung in Deutschland diskutiert, wenn wir, nur wenige Kilometer von den blutgetränkten Stränden entfernt, auf den heckenumsäumten sommerlichen Wiesen lagen und uns sonnten. Diese Gespräche führten wir gewissermaßen in offiziellem Auftrag, denn als Nachrichtenoffiziere der Abteilung für Psychologische Kriegsführung (PWD) mussten wir uns schließlich mit der Denkweise des Feindes beschäftigen. (…) Unsere Tätigkeit bestand darin, mit Flugblättern und Lautsprechern und ähnlichen Hilfsmitteln die Moral des Feindes zu untergraben und ihn so weit zu bringen, dass er mit erhobenen Händen überlief und sich ergab. Wir haben das nicht ohne Erfolg getan (…). Allerdings hätten wir sehr viel mehr erreicht, wenn wir besser informiert gewesen wären.

Ich hatte 1920 und 1931 in Deutschland gelebt, hatte deutsche Geschichte unterrichtet und ein Buch und mehrere Artikel zu diesem Thema geschrieben. Als wir in der Normandie landeten, galt ich als Deutschlandspezialist, doch meine Kenntnisse von den Hitlerdeutschen stammten nur aus zweiter, wenn nicht dritter Hand. In der US-Armee war ich darin natürlich keine Ausnahme.

Eine erste Ahnung von den Hitlerdeutschen vermittelten mir die Reaktionen der Franzosen. Die wortkargen normannischen Bauern, so erdverbunden und reserviert, spuckten verächtlich aus, sooft das Wort Boche fiel. Die Boches, berichteten sie uns, hätten das Vieh fortgetrieben, ihre Häuser geplündert und Sprengladungen an solchen Orten versteckt, wo es ahnungslose Zivilisten treffen musste. In Coutances und Périers plünderten die Deutschen systematisch alle Häuser, Straße für Straße, und schafften das Beutegut in Rotkreuzfahrzeugen fort. Ich kann das bezeugen, da ich zu der Gruppe gehörte, die vor Ort sofort die Ermittlungen aufnahm. Der Jubel der Franzosen über ihre Befreiung entsprach ihrem Hass auf die Deutschen. Als ich kurz nach dem Fall von Rennes dorthin fuhr, standen entlang der ganzen Strecke Männer und Frauen und Kinder am Straßenrand, die uns begeistert zuwinkten und uns Blumen zuwarfen. Doch verglichen mit Paris war das gar nichts.

In Paris, das ich am 25. August 1944 mit einer Vorausabteilung von General Leclercs Panzerdivision erreichte, wurde uns ein überwältigender Empfang bereitet. Wir waren nur eine Handvoll Amerikaner und wurden buchstäblich erdrückt von den begeisterten, geradezu hysterischen Massen, die auf uns zustürmten, uns umarmten oder anfassten oder einfach nur mit Tränen in den Augen dastanden. Zehntausende, Hunderttausende weinender Menschen sind ein irritierender Anblick. Tagelang konnte ich nicht schlafen. Und während wir uns noch tagelang vor deutschen Scharfschützen und französischen miliciens in acht nehmen mussten, kamen, sooft sich irgendwo ein GI zeigte, die Franzosen herbeigelaufen, küssten ihm die Hand und bedankten sich überschwänglich. Sie küssten uns auf die Wangen und berührten unsere Uniform und stammelten: "Ihr wisst nicht, wie schlimm es unter den Boches war, Gott sei Dank sind wir die Boches los, wir sind frei, Gott sei Dank!" Nur wer permanente Angst und Erniedrigung erlebt hatte, konnte mit solchen Gefühlsausbrüchen auf seine Befreiung reagieren. Die Franzosen haben nie das Wort "Allemands" verwendet. Und wenn sie von den Boches sprachen, dann nicht nur hasserfüllt oder verächtlich. Mir fiel auf, dass sie sich vor den Deutschen fürchteten. Der Boche war ein Unmensch, ein Teufel."

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