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Unfall der Geschichte

Der Weltkrieg war ein Debakel der Diplomatie

22.07.2004 00:07
CHRIS MELZER (DPA)

Hamburg (dpa). Es sah nicht nach einem Weltenbrand aus im Sommer 1914. Zwar war der österreichische Thronfolger Franz Ferdinand in Sarajevo ermordet worden und Europa erlebte die "Julikrise". Doch sonderlich beunruhigt schien niemand. Der deutsche Generalstab fuhr in die Ferien und Kaiser Wilhelm II. fragte nach dem Attentat nur: "Soll ich die Regatta abbrechen?" Er blieb auf der Kieler Woche und segelte noch nach Norwegen. Nur einen Monat später sollte der bis dahin blutigste Krieg beginnen und die Menschheit erschüttern.

"Jeder hat auf seiner Ebene Schuld auf sich geladen", sagt der Kieler Historiker Helmut Grieser. Wien habe nur einen regionalen, Berlin, Moskau und Paris hätten einen kontinentalen Krieg gesucht, um das Ungleichgewicht in Europa zu klären. Den Weltkrieg habe keiner gewollt: "Quasi ein Unfall der Geschichte." Griesers Bielefelder Kollege Hans-Ulrich Wehler will dem zwar nicht gänzlich folgen, räumt aber ein, dass "mit Sicherheit niemand diesen totalen Krieg mit Stellungskrieg und Revolution gewollt hat".

Auch der Historiker Ulrich Matthée betont, dass keiner einen Weltkrieg erwartet habe und zitiert den späteren Premierminister David Lloyd George: "Die Nationen sind in den Krieg hineingeschliddert." Dabei empfanden Deutsche, Franzosen und Engländer anfangs sogar so etwas wie eine Kriegseuphorie. Die Soldaten zogen bei "Kaiserwetter" blumengeschmückt aus den Städten und die Deutschen hatten zunächst erhebliche Erfolge. Hunderte Kilometer wälzten sich die Armeen durch Belgien und Frankreich und selbst Kurioses blieb beim deutschen Vormarsch nicht aus. So eroberte ein einzelner General die für uneinnehmbar geltende Festung Lüttich. Erich Ludendorff hielt die Festung für erobert, als er höflich mit dem Degenknauf an das Tor klopfte und um Besichtigung bat. Doch es öffneten noch Belgier. Als die Wachmannschaft, hervorragend ausgerüstet, den General sah, ergab sich die Besatzung erschrocken dem nicht minder überraschten Preußen.

Doch die Deutschen wurden durch das "Wunder an der Marne" im September 1914 gestoppt. Die für den Schlieffenplan, die weite Umfassung von Paris, ohnehin zu schwachen Truppen waren zu Gunsten der Ostfront weiter ausgedünnt. "Der Krieg war von Anfang an kaum gewinnbar", glaubt Grieser. Matthée erklärt warum: "Berlin hat zu viel Kraft für die dann nutzlose Flotte aufgebracht. Das Heer konnte 40 Prozent der Rekruten nicht einsetzen. Die fehlten an der Marne." Zwar sehen die Deutschen schon die Silhouette des mit Sprengladungen bestückten Eiffelturms. Doch die Verteidiger halten stand. Zum ersten Mal in der Geschichte erleben Soldaten die Schrecken des Stellungskrieges.

Millionen Soldaten standen sich gegenüber, eingegraben in Matsch, geplagt von Wasser, Schlamm, Ratten, Leichengeruch und immer wieder Trommelfeuer. Millionen Granaten gingen auf die Gräben nieder. Doch die Artillerie war weitgehend uneffektiv. Viel mehr Männer starben im Stacheldraht, niedergemäht vom erstmals massenhaft eingesetzten Maschinengewehr, das den Krieg im Gegensatz zum Flugzeug, Panzer oder Gas - der ersten Massenvernichtungswaffe - tatsächlich prägte. Bei den großen Offensiven starben jeweils zehntausende Männer innerhalb weniger Stunden. Den Frontverlauf änderten sie kaum.

Im letzten Kriegsjahr führte eine Offensive die Deutschen noch einmal bis vor Paris. In Frankreich brach Panik aus, Dutzende Meuterer wurden erschossen. Doch Briten und vor allem Amerikaner stärkten die Reihen und erst recht den Kampfesgeist. Während jeden Monat 300.000 gut ausgerüstete Männer über den Atlantik kamen, hatten die Deutschen jede Offensivfähigkeit verloren. Der Sieg im Osten kam zu spät.

Beendet wurde der Krieg jedoch an der durch Hungerwinter geschwächten "Heimatfront". Nicht nur die Matrosen der Hochseeflotte erhoben sich, sie waren nur ein Funken im Pulverfass des zusammenbrechenden Reiches. In Berlin, Wien und zuvor schon in St. Petersburg stürzten die Monarchien. Das Osmanische Reich zerfiel. Die auf Versöhnung setzenden Amerikaner wurden bei den anschließenden Friedensverhandlungen an den Rand gedrängt, London und vor allem Paris sannen auf Rache. Mit den Verträgen von Versailles, St. Germain und Trianon beendeten sie zwar den "Großen Krieg". Sie legten aber zugleich eine Saat für den Zweiten.

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