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Theorie, Praxis, Party

Im Ivi lebt die Tradition des Teach-In weiter1968, das war auch eine Bewegung des Lesens und des Diskutierens über das Gelesene.

Ob all die Mao-Bibeln und Kommunistischen Manifeste, die damals aus Jeans-Taschen ragten und in jeder WG auf dem Tisch liegen mussten, alle von vorne bis hinten durchgelesen wurden, man weiß es nicht. Aber eins kann man wohl schon sagen: Alle sicher nicht, doch wahrscheinlich viele. 1968, das war auch eine Bewegung des Lesens und des Diskutierens über das Gelesene. Georg Lukàcs' "Geschichte und Klassenbewusstsein", Wilhelm Reichs "Massenpsychologie des Faschismus" oder Erich Fromms "Die Kunst des Liebens", das hatte man zumindest im Regal stehen. Studenten, die auf dem Campus mit Stiften im ersten Band von Marx' "Kapital" herumnotieren, sah man damals dauernd. Heute nicht mehr.

Es gibt sie trotzdem, die Leser, nur ein paar Straßen weiter, im "Institut für vergleichende Irrelevanz" (Ivi) im Kettenhofweg - und es sind nicht die Veteranen von damals, sondern junge Menschen Mitte 20. Im Dezember 2003 hatten Studierende das ehemalige Anglistik-Institut besetzt, was die Uni-Leitung bis heute weitgehend toleriert, um Raum zu schaffen für Partys, aber auch für etwas, für das ihnen an der Uni der Raum fehlte: kritische Wissenschaft. Deshalb gibt es Lesekreise im Ivi, die nur auf den ersten Blick einer anderen Zeit entsprungen zu sein scheinen: zum "Kapital", zur "Erziehung nach Auschwitz", zur "Entwicklung der Wertformanalyse bei Marx". Das ist nicht zufällig so, denn im Ivi ist 1968 seit jeher konkreter Bezugspunkt zu aktuellen Debatten: "Tote Hunde auf der Überholspur" haben die Studierenden eine Vorlesungsreihe genannt, sie wollen die Debatte über Philosophen wie Marx und Adorno ankurbeln, die im Hörsaal nicht mehr so oft vorkommen. Was früher das Teach-In war, heißt heute "Gegen-Uni".

"Wir sind unzufrieden mit den Verhältnissen", heißt es im Ivi. "Ein Studium muss heute vor allem effizient sein", so die Kritik. Infolge von Gebühren und Modularisierung der Studiengänge bleibe an der Uni kaum Zeit für anderes, kritisches Denken. Im Ivi wird gelesen und diskutiert, hier erholen sich Antifa-Leute nach ihren Demos, spielen junge Bands erste Konzerte: "Theorie, Praxis, Party" lautet das Motto. Insofern kann das Ivi getrost der vielleicht einzige Ort der Stadt genannt werden, an dem das Erbe von 1968 ganz selbstverständlich lebendig ist - ohne runden Jahrestag, ohne alte Fotos und den Satzanfang: "Hach war das schön damals, als wir…"

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