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Studentenbewegung Nichts Geringeres als die Weltrevolution

Die Studentenbewegung ist von Beginn an international ausgerichtet und vereint im Kampf gegen den Vietnamkrieg.

10.04.2008 00:04
MANUEL GOGOS
VIETNAM WAR U.S. ARMY VIETNAMESE
Die Hölle auf Erden: US-Truppen attackieren den Vietcong, den sie im Dschungel vermuten. Foto: ap

Die 68er fühlten sich als Internationalisten. Überall auf der Welt kam es zu Aufbrüchen, eine Art mega-utopische Stimmung grassierte, Teil einer "globalen Revolte" zu sein. Zu den wichtigsten Austragungsorten dieser vermeintlichen "Weltrevolution" zählen Amsterdam und Athen, Berkeley und Belgrad, Lissabon und London, Madrid und Mailand, Paris und Prag. Und alles geschieht in atemloser Gleichzeitigkeit. Die Aktionen werden durch die magischen Kanäle des Fernsehens, das damals zum Leitmedium avancierte, in jeden Winkel der Welt getragen. Die 68er - als erste "TV Generation" - verfolgen ihre Rebellionen gegenseitig im Fernsehen, nehmen sich an den Aktionen von Berkeley bis Tokio (wo die militante Studentenorganisation der Zengakuren im paramilitärischen Straßenkampf Taktiken der alten Samurai einsetzt) ein Beispiel und wirken stimulierend auf diese zurück. Insofern steht 1968 auch für eine Medienrevolution. Das Fernsehen bildet den Weltbürger heraus: das eigentliche revolutionäre Subjekt von 1968.

Es ist der "schmutzige" Krieg, den die US-amerikanischen Truppen in Vietnam führen, der dem Jahr 1968 vielleicht am nachhaltigsten seinen Stempel aufdrückt. Im Pentagon sitzen die Regisseure des Schaukastenkampfs Vietnam selbst im Glashaus, The Whole World is Watching. Zugleich stammten viele der wichtigsten Protest- und Widerstandsformen aus der "Höhle des Löwen": Hier halten die Revolutionswächter der amerikanischen Counter-Culture ihre Happenings ab.

Auch die deutschen Studenten weigern sich, Vietnam und seinen heroischen Kampf Davids gegen Goliath als fernes Geschehen zu begreifen. Dabei ging es selbst da, wo amerikanische Flaggen öffentlich verbrannt wurden, nicht um einen platten Antiamerikanismus. Viel zu sehr hatte die Weltkultur der Rock- und Popmusik ihre Fans überall in der Weltalltagskultur umgarnt.

Den größten Coup landet man hierzulande im Februar 1968, als der SDS in West-Berlin den Internationalen Vietnam-Kongress organisiert. Führende Vertreter internationaler Studentenverbände wie Daniel Cohn-Bendit, Alain Krivine oder Tariq Ali finden sich in Berlin ein, um sich zu verschwören. Der apostelhaft schöne APO-Sprecher Rocky Dutschke hält das Hauptreferat. Eineinhalb Stunden lang predigt er auf Zehenspitzen die Revolution. Er spricht in Zungen, weil ihm die Bewegung die Macht dazu verleiht: "Genossen! Wir haben nicht mehr viel Zeit. In Vietnam werden auch wir tagtäglich zerschlagen, und das ist nicht ein Bild und keine Phrase!"

Es bildet sich ein festes Zeichensystem heraus, mit dem man weltweit seine Zugehörigkeit zur Protestbewegung markieren kann. In allen Himmelsrichtungen prangen die Säulenheiligen Mao, Che, Ho. Eine Trikontinentale Trinität, die den Dschungelkampf der Dialektik überstrahlt: Antikapitalistisches, Antiimperialistisches, Antikolonialistisches, Antidiktatorisches, Antiautoritäres. Martin Luther King zitiert Mahatma Gandhi, der Henry David Thoreau zitiert. Franz-Josef Degenhardt zitiert Mikis Theodorakis, der Pablo Neruda zitiert. Jean-Paul Sartre zitiert Frantz Fanon, der Sartre zitiert.

Die Jugend der Industriestaaten adoptiert diese Großmeister des Widerstands, rote Anti-Autoritäten, Gründerväter und Überväter, und trägt sie vor sich her. Der Autor Bahman Nirumand: "Ich denke, es ist eine Sehnsucht gewesen, auch der Deutschen, nach einer anderen Welt, eine Sehnsucht nach Befreiung. Im Grunde haben die Befreiungsbewegungen der Dritten Welt - die man in Deutschland gar nicht so genau kannte - bei den Deutschen eine Sehnsucht erweckt, die mit der Lage der Menschen in Deutschland etwas zu tun hatte. Da war auch ein Schuss Exotik dabei. Sie wollten einfach raus aus dem Muff, der damals in Deutschland kulturell herrschte. Da ist der innere Zusammenhang." Und der Sozialwissenschaftler Claus Leggewie, erst Praktiker und dann Theoretiker der ersten "globalen Revolte", erinnert sich: "Man muss sich einfach vorstellen, dass man die chinesische Kulturrevolution als etwas Weltbewegendes fand. Eines Tages fing ich an, an die Tafel Zitate von Mao Tse-tung zu schreiben. Da standen dann so schwachsinnige Sätze wie ,Die Basis ist die Grundlage des Fundaments' - das steht da, glaube ich, wirklich drin. Oder: ,Gewalt ist unter allen Umständen gerechtfertigt', solche Dinge. Ich hab' das damals wie eine Bibel gelesen, hab' gesagt, das isses."

Man erhebt Maos Sprüchesammlung in den Status einer heiligen Schrift. Von der Kommune I in Berlin bis zum Trikont-Verlag in München bestellt man die Mao-Bibel in großem Stil direkt vom chinesischen Propaganda-Ministerium, um sie auch in Deutschland unters Volk zu bringen. Schon lange bevor die APO in die sogenannten "K-Gruppen" zersplittert, ist es opportun, die Spruchweisheiten des großen Vorsitzenden in Streitgesprächen als Munition zu benutzen.

Maos "Langer Marsch" zur Macht wird in der Folge zum Referenzpunkt für die Rede vom "langen Marsch durch die Institutionen". Und noch immer klingen die Echos der blutigen "chinesischen Kulturrevolution" mit, wenn die Revolte von 1968 heute als "Kulturrevolution" bezeichnet wird. Dazu Nirumand heute: "Man hat gar nicht dahintergeschaut, was da alles innerhalb dieser ,Befreiungsbewegungen' passiert. Was in China während der Kulturrevolution passiert ist, dass da Hunderttausende, Millionen umgebracht wurden, das alles wussten wir nicht. Da hätten wir schon besser hinschauen können."

Für den politischen Denker Dutschke blieb jede Kritik an der kapitalistischen Wohlstandsgesellschaft unvollständig, solange sie nicht "dialektisch" mit den revolutionären Bewegungen in der Dritten Welt verbunden würde. Für ihn deuteten die nationalen Unabhängigkeitsbestrebungen der Trikontinentale (Asien, Afrika, Lateinamerika) auf den Zerfall des Imperialismus. Insbesondere Kuba schien dabei eine Schlüsselrolle zuzukommen. Im September 1967 schockierte der Berufsrevolutionär die Zuhörer auf einer Delegiertenkonferenz des SDS in Frankfurt mit dem Appell, Che Guevaras "Focus-Theorie" müsse importiert werden. An die Seite der Guerilleros in den Peripherien der Dritten Welt hätte der "Stadtguerillero" zu treten, der den Kapitalismus vom Zentrum aus attackieren könne.

Als am 2. Januar 1959 das diktatorische Batista-Regime Kubas gestürzt wurde und die Guerilleros unter Fidel Castro und Che Guevara in Havanna einzogen, war für eine sich in aller Welt formierende "Neue Linke" das Modell eines befreiten, revolutionären Sozialismus geboren. Kuba-Reisen entwickeln sich in der Folge zu einer Art Pilgerfahrt. Anders als die hässlichen Greise im Kreml oder im Ostberliner Politbüro haben Kubas Revolutionäre Jugend und Sex-Appeal, allen voran natürlich Che Guevara. Statt unter Castro Industrieminister zu bleiben, geht Guevara nach Bolivien, um dort Revolution zu machen. "Das alles passte uns in unser Konzept: Der schmeißt alle Ämter weg und verzichtet auf Macht und sagt: Ich bin für die Befreiung der Menschen, ich will nicht herrschen - das ist doch fantastisch! Diese Art und Weise, wie ein Revolutionär sich verhält, wie diese Partisanen kämpfen, auf alle Güter der Welt verzichten und sich in den Kampf begeben, wo sie sich also sozusagen für die Befreiung der Menschheit ‚opfern' - das alles hat einen tiefen Eindruck hinterlassen" (Nirumand). Guevara wird erschossen, die Bilder seiner aufgebahrten, von Kugeln durchbohrten Leiche gehen um die Welt. Die Bewegung hatte ihren wichtigsten "Märtyrer" gewonnen. Im Bild des El Comandante, über der Stirn die Baskenmütze mit dem fünfzackigen Stern den Blick fest auf ein Ziel gerichtet, feiert Che Guevara bis heute seine "Auferstehung".

Die 68er Bewegung in Deutschland gewann im internationalen Vergleich vor allem in der Auseinandersetzung mit der eigenen nationalsozialistischen Vergangenheit und den Elitenkontinuitäten im Adenauer-Staat ihr eigenes Profil. Insbesondere den Protestierenden hierzulande musste die Existenz faschistischer oder faschistoider Regime in Griechenland, Spanien, Portugal, aber auch in Chile oder dem Iran skandalös erscheinen.

Nirumands Buch "Persien, Modell eines Entwicklungslandes oder die Diktatur der Freien Welt" (1967) klärte darüber auf, dass der Schah durchaus nicht der große Landesvater und Reformator war, als den ihn die Staatsführung ihren deutschen Bürgern via Boulevard verkaufte. Als Pahlevi und die schöne Kaiserin Farah Diba (schön war an ihr vor allem der Lidstrich, der dann trotz aller Animositäten auch bei den 68er Frauen in Mode kam) zu Besuch kommen, nutzt die Journalistin Ulrike Meinhof die Gelegenheit, das Buch auch der Kaiserin ans Herz zu legen, um sich über die Verhältnisse in ihrem eigenen Land zu informieren.

Präsident Heinrich Lübke begrüßt das Kaiserpaar im Brühler Schloss mit den weihevollen Worten, das ganze deutsche Volk nehme am Staatsbesuch der Kaiserlichen Majestät "lebhaften Anteil". Und in der Tat: Am Abend vor dem Schahbesuch spricht Nirumand im Audimax Berlin vor der größten Versammlung von Studenten nach dem Krieg. Die Atmosphäre ist so geladen, dass es vollkommen unwichtig wird, was er sagt - nach jedem Satz erhebt sich stürmischer Beifall. Am nächsten Tag wird der Bewegung mit einem Studenten aus Wilmersdorf namens Benno Ohnesorg ihr erster Märtyrer beschert. Der Regierende Bürgermeister Berlins, Heinrich Albertz, erzählt dem Exilanten Nirumand, beim Frühstück mit dem Schah hätte er sich über die gestrigen Ereignisse bestürzt gezeigt, worauf der Schah entgegnet habe: "Ach, machen Sie sich keine Gedanken, bei uns passiert so etwas jeden Tag."

Die APO, die sich in der Folge zu einer Massenbewegung aufpumpt, wird dabei also immer auch ein internationales "Motiv" haben. Es geht ihr nicht eigentlich um den Iran, sondern um die Frage, mit wem der eigene Staat paktiert und wen er hofiert. Als Konrad Adenauer zwei Monate im Kölner Dom aufgebahrt daliegt, schreibt Hannes Heer, der "Dutschke von Bonn", ein Flugblatt, in dem aufgeführt ist, wer sich da im Kölner Dom an des Altkanzlers Sarg alles eingefunden hat: der Außenminister des Franco-Regimes, der Außenminister Portugals, aus Südamerika jede Menge Diktatoren, diese ganze Sippschaft, die "Internationale Canaille" - und da gehörte Adenauer (seine letzte Auslandsreise zwei Monate zuvor hatte ihn nach Spanien geführt) für die 68er natürlich dazu.

Kuba-Solidarität, Griechenland-Solidarität, Spanien-Solidarität, Chile-Solidarität - die "Internationale Solidarität" mit den Erniedrigten und Beleidigten aller Länder konnte dabei ganz unterschiedliche Formen annehmen: Von der Gruppenbildung und üblichen Flugblatt-Agitation bis hin zum Martyrium, mit dem Jan Palach in Prag nach dem Vorbild vietnamesischer Mönche ein Zeichen gegen die sowjetische Invasion in Prag setzte, ein Einsatz von Leib und Leben, das auch ein Günter Wallraff bei seiner Ankettungsaktion unter den Augen der Obristen von Athen riskierte. Solidarität war das Zauberwort, Solidarität, die Che Guevara, der Erotiker der Revolution, die "Zärtlichkeit der Völker" genannt hatte. So würden wir sie alle gern in Erinnerung behalten, die vermeintliche Weltrevolution von 1968. Dass dabei ausgerechnet hard-boiled Stalinisten wie Mao Tse-tung, Ho Chi Minh oder Che Guevara von einer Jugend zu Ersatz- und Übervätern aufgebaut wurden, die doch eigentlich im Namen der Freiheit angetreten war, und dass ausgerechnet selbstherrliche Potentaten wie Pol Pot in Kambodscha oder Robert Mugabe in Simbabwe Träger ihrer weltrevolutionären Hoffnungen waren, das gehört zu den bizarrsten und dunkelsten Aspekten von 1968.

Manuel Gogos, 37, Literaturwissenschaftler aus Bonn, ist Mitkurator der Frankfurter Ausstellung "Die 68er".

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