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Schweigen der Sirenen

Die literarische Luftkrieg-Debatte, dokumentiert von Volker Hage

10.12.2003 00:12
UWE SCHÜTTE

Als Schlusspunkt der 1997 von W.G. Sebald angestoßenen Diskussion über Luftkrieg und Literatur versteht sich der kürzlich erschienene Band von Volker Hage. Mit Zeugen der Zerstörung liefert der Spiegel-Redakteur eine materialreiche Antwort auf Sebalds provokante These einer merkwürdigen Absenz des alliierten Bombenterrors in der deutschen Nachkriegsliteratur. Der Luftkrieg gegen die Zivilbevölkerung, so Sebald, habe im Bewusstsein der Deutschen - ebenso wie in der Literatur - "kaum eine Schmerzensspur" hinterlassen. Dem wurde zum Teil vehement widersprochen. Dieter Forte etwa verwies auf seinen Roman Der Junge mit den blutigen Schuhen (1995). Volker Hage initiierte 1999 die Wiederveröffentlichung des in Vergessenheit geratenen Luftkriegsromans Die Vergeltung (1956) von Gert Ledig. Völlig widerlegt war Sebald dadurch jedoch nicht. Die mangelnde Präsenz des Luftkriegs in der Literatur, konzediert Hage, ist weniger ein Problem der literarischen Produktion, sondern eines mangelhafter Rezeption.

Basierend auf eigenen Recherchen und zahlreichen Hinweisen, unternimmt Hage im ersten Teil seines Buchs einen systematischen Durchgang durch alle Gattungen der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur. Das Resultat ist eine beeindruckend umfangreiche Liste literarischer Auseinandersetzungen mit dem Bombenterror. Doch Quantität und (literarische) Qualität sind natürlich nicht notwendigerweise dasselbe. Hages Recherchen decken eine ganze Reihe erstaunlicher Fakten auf: So stammen etwa die ausführlichsten literarischen Darstellungen der Zerstörung von Dresden aus der Feder zweier Ausländer, aus der des Holländers Harry Mulisch (Das steinerne Brautbett, 1959) und der des Amerikaners Kurt Vonnegut (Schlachthof 5, 1969). Deutsche Schriftsteller schwiegen oft aus moralischer Scham über die Verbrechen der Nationalsozialisten, außerdem erließen auch manche Kulturkritiker Redeverbote aus ästhetischen Gründen: "Indem der Völkermord in engagierter Literatur zum Kulturbesitz wird, fällt es leichter mitzuspielen in der Kultur, die den Mord gebar", dekretierte etwa Adorno. Dem widersprach Rolf Hochhuth in Form seines Dokudramas Soldaten (1967). Darin streitet der Kriegspremier Churchill mit dem pazifistischen Bischof Bell von Chichester über die Berechtigung des Bombenkriegs. Das Stück ist bis heute der einzige Versuch geblieben, den Luftkrieg mit den Mitteln des Theaters zu thematisieren.

Die literaturhistorische Bestandsaufnahme wird ergänzt durch Gespräche, die er mit Wolf Biermann, Alexander Kluge, Gerhard Roth, Dieter Forte und Rolf Hochhuth geführt hat. Aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln kommt darin der fragliche Komplex zur Sprache. Die interviewten Schriftsteller berichten von ihren traumatischen Erlebnissen während der Luftangriffe (Biermann, Forte), diskutieren die literarische Umsetzbarkeit der Erfahrung von Flächenbombardierungen (Kluge) oder beschreiben deren politische Instrumentalisierung in der DDR (Monika Maron). Am Ende steht ein langes Gespräch mit W.G. Sebald, das im Februar 2000 stattfand, rund ein Jahr vor dem tragischen Verkehrstod des Schriftstellers. Darin präzisiert Sebald den biografischen Hintergrund seiner Beschäftigung mit dem Thema und nimmt zu einigen der gegen ihn erhobenen Vorwürfe Stellung.

Indem Hage in den Interviews Zeitzeugen und Nachgeborene ausführlich zu Wort kommen lässt, wird die psychische Inkommensurabilität der Luftkriegserfahrung und die moralische Komplexität derartiger Kriegsführung anhand konkreter Lebensläufe deutlich. Insofern erweist sich Zeugen der Zerstörung als hochaktuell. Denn Kriege werden jetzt wieder öfters auf der Tagesordnung stehen, nicht zuletzt weil man das Bombardieren von Städten inzwischen als "humane" Form der Kriegsführung propagiert und Zivilopfer als "Kollateralschäden" verbrämt. "Der Luftkrieg", so Walter Kempowski im Gespräch mit Hage, "ist insgesamt etwas Ungeheuerliches. Bis heute haben wir nicht daraus gelernt."

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