Lade Inhalte...

Rettendes Inferno

Der Untergang Dresdens im Februar 1945 bewahrte die 20 Jahre alte Henny Wolf vor dem Konzentrationslager

14.02.2005 00:02
BERNHARD HONNIGFORT (DRESDEN)
WIRECENTER
Der Ausweis von Henny Wolf, ausgestellt im März 1939. Foto: privat

13. Februar 1945, ein Dienstag: Der Himmel war nur leicht bewölkt über Dresden, gegen Abend wurde es kälter. Ein schöner Tag. Er ließ den Frühling erahnen. Wochenlang war der Himmel verhangen, das Wetter schlecht gewesen, aber an diesem Dienstag, den 13., wurde es besser. Der Himmel klarte auf. Endlich schönes Wetter über der Landeshauptstadt von Sachsen. Es sollte den Untergang des alten Dresden bedeuten.

Manchmal sind höchstes Glück und schlimmstes Unglück ein und dasselbe. Henny Brenner war damals 20, eine hübsche blonde junge Frau. Sie trug noch ihren Mädchennamen Wolf. Mit Mutter Rebecca und Vater Max lebte sie in einer engen Wohnung in Dresden-Striesen. Zwei jüdische Frauen, der "arische" Familienvater. Damals arbeitete Tochter Henny in der Kartonagenfabrik Bauer. Als Zwangsarbeiterin.

Die Wolfs waren einmal eine angesehene Familie. Der Vater besaß ein Kino in der Dresdner Neustadt, das "Palast-Theater" in der Alaunstraße, und zwei Häuser. Er hatte es zu etwas gebracht. Die Wolfs führten ein großbürgerliches und elegantes Leben, sie genossen die Vorzüge der alten Kultur- und Barockresidenz. Sonntags spazierten sie gerne im Großen Garten, dem prächtigsten Park in Dresden. Einmal im Monat besuchten die Eltern Aufführungen im Schauspielhaus oder der Semperoper und speisten anschließend im Ratskeller. Es war ein zufriedenes Leben. "Mein Vater war ein richtiger Dresdner", erinnert sich Tochter Henny. Sie hätte gerne Kunstgeschichte studiert. Es sollte nie dazu kommen.

An jenem Dienstag im Februar 1945 war das gute Leben längst Vergangenheit und die Gegenwart, das waren Tage, einer wie der andere, angefüllt mit Angst und Hoffnungslosigkeit. Die Nazis hatten ihrem Vater gedroht, er solle sich von seiner jüdischen Frau trennen. Er hatte nicht eingewilligt. Sie hatten ihn ruiniert, ihm das Kino genommen. Freunde, Verwandte, Bekannte waren in Konzentrationslager deportiert worden oder hatten sich aus Verzweiflung das Leben genommen. 1938 brannte Sempers berühmte Dresdner Synagoge. Juden wurden systematisch entrechtet, sie mussten den gelben Stern tragen und durften nicht mehr mit der Straßenbahn fahren. Etliche Parks durfte die junge Henny schon lange nicht mehr betreten, geschweige denn sich auf eine Bank setzen oder in ein Kino gehen. "Damals endete meine Kindheit", sagt Henny Brenner.

Es kam noch schlimmer. Im nationalsozialistischen Deutschland tobte der braune Mob, man zog in den Krieg, zündete Europa an und der Krieg kam nach Deutschland zurück. Von ehemals 6000 Juden in Dresden lebten noch etwa 150 in ständiger Furcht. "Wir waren nur noch aus Angst zusammengesetzt", sagt Henny Brenner. Was für ein Ausdruck: aus Angst zusammengesetzt.

An jenem Dienstag vor 60 Jahren klingelte es am Nachmittag bei den Wolfs. Ein Freund aus der Jüdischen Gemeinde. Wie Professor Victor Klemperer, der Tagebuch-Schreiber, war er ausgeschickt worden, Unglücksbotschaften auszuhändigen. Ein graues Papier, Henny Brenner hat es noch. Eine Aufforderung, sich zum "Arbeitseinsatz" außerhalb Dresdens am "Freitag, den 16. Februar 1945, früh 6.45 Uhr pünktlich im Grundstück Zeughausstraße 1, Erdgeschoss rechts, einzufinden", jenem Platz, wo sieben Jahre zuvor noch die Synagoge stand. Mitzunehmen waren: Ein Koffer oder ein Rucksack mit Marschverpflegung für zwei bis drei Tage, ordentliches Schuhwerk, Arbeitskleidung. Nicht mitzunehmen waren: Devisen, Wertpapiere, Sparkassenbücher, Streichhölzer, Kerzen. Drei Tage noch. Es bedeutete KZ, wahrscheinlich Theresienstadt, wahrscheinlich den Tod. "Wir waren einen Moment lang wie gelähmt", erinnert sich Henny Brenner. Alle saßen stumm da. Dann sagte der Vater: "Uns kann nur noch ein Angriff helfen."

Manchmal sind höchstes Glück und schlimmstes Unglück ein und dasselbe. Und der tausendfache Tod kommt zugleich als Retter daher. Während die Wolfs benommen vor Angst in ihrer Küche sitzen, kreisen rund 1000 Kilometer über der südenglischen Stadt Reading die ersten 244 britischen Lancasterbomber. Es wird langsam dunkel. Die Maschinen, jeweils mit sieben Tonnen Spreng- und Brandbomben beladen, sammeln sich zum gefährlichen Flug über den Kontinent. Sie gehören zu einer großen Flotte, die in Ostengland aufgestiegen ist. Ein Strom von 796 Bombern, neun Mosquito-Pfadfindern, welche die Leuchtmarkierungen, Christbäume genannt, am Dresdner Himmel setzen werden, sowie der Master-Bomber, der den Angriff leitet. Stunden später erreicht die Armada Dresden, das nicht mehr unter Wolken liegt.

Als die Sirenen gegen 22 Uhr Fliegeralarm heulten, klingelte es wieder an der Tür. Der Luftschutzwart, ein anständiger Mann und der Familie Wolf seit Jahren bekannt, forderte Henny Wolfs Vater auf, die Familie in den Luftschutzkeller zu bringen. Der widersprach, es sei ihnen nicht erlaubt, aber der Mann bestand darauf. So folgten sie ihm in den Keller. "Ich dachte, es sei nur ein kleiner Alarm", erinnert sich die Tochter. "Doch dann sah ich die Christbäume am Himmel."

Die Bombennacht, die große Teile Dresdens zerstört und Tausende Menschen das Leben kostet, sie wird zur Rettung der Familie Wolf und etlicher anderer Juden. Eine Brandbombe trifft ihr Haus, alle flüchten aus dem Keller, der Vater rennt noch einmal in die Wohnung, rafft Dokumente zusammen. Henny Wolf und ihre Mutter reißen sich die Judensterne von der Kleidung, verstecken sie in den Schuhen. Dann laufen sie los, wie viele andere Richtung Elbwiesen. "Ich wollte nur Luft, Luft, Luft", erinnert sich Henny Wolf. Zweiter Luftangriff gegen ein Uhr nachts, sie verstecken sich in einem Luftschutzkeller. Ihr Vater beruhigt Frauen und Kinder: "Bewahren Sie Gottvertrauen." Sie laufen weiter. Der Vater will Richtung Hauptbahnhof, dahinter liegt das Gestapo-Hauptquartier. Er will es brennen sehen. Aber die Stadt ist voll Flüchtender, kein Durchkommen. Irgendwann mitten in der Nacht in einer engen Gasse erfasst der Sog des Feuers die Menschen. "Meine Mutter schwebte plötzlich. Wir hielten uns alle an den Händen." Dann will der Vater in die Neustadt, sehen, ob sein altes Kino noch steht, aber es ist kein Durchkommen.

Dann kam der Aschermittwoch, es wurde gar nicht richtig Tag. Die Sonne leuchtete glutrot, überall liefen schreiende Menschen umher zwischen verkohlten Toten. "Ich sah Leichen in Bäumen hängen, Beine in Zäunen stecken", erinnert sich Henny Wolf. Das ist die Geschichte ihrer Rettung. Und wenn sie sich heute an jene Nacht erinnert, dann fragt sie sich: "Was alles musste passiert sein, dass ein Mensch im Angesicht des verheerendsten Untergangs, den eine deutsche Stadt je erlebte, innerlich aufatmen konnte?" Sie hat ihre Geschichte aufgeschrieben in einem kleinen Buch: "Das Lied ist aus." Darin heißt es: "Während die ganze Stadt weinte, jubelten wir."

Henny Brenner, geborene Wolf, ist heute 80. Eine zierliche und muntere Dame. Sie lebt in Bayern. Die letzten drei Kriegsmonate verbarg sie sich mit ihren Eltern. Sie sagt, das seien die schlimmsten Monate gewesen. Nach der Befreiung blieben sie in Dresden, 1952 flohen sie aus der DDR nach Westberlin.

Vor ein paar Wochen war sie wieder in Dresden. Ein Treffen von Zeitzeugen des damaligen Dresdner Infernos. Das ZDF hatte sie eingeladen. Unter den alten Herrschaften, die sich in den unteren Räumen der Frauenkirche versammelt hatten, waren auch englische Bomberpiloten. Plötzlich stand einer von ihnen hinter Henny Brenners Stuhl. "Sie haben mir das Leben gerettet", sagte sie zu ihm.

Allen standen Tränen in den Augen.

Dossier: 60 Jahre Kriegsende

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen