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Reichelsheim Rennpappe als Hochzeitskutsche

Liebhaber hegen ihren Trabi oder Wartburg auch im Westen - Jana und Enrico van Steen etwa lieben ihr biberbraunes Gefährt, das es so angeblich nur noch vier Mal gibt. Von Detlef Sundermann

Der Trabi von Jana und Enrico van Steen hat die Farbe einer Biomüll-Tonne. In dem "Biberbraun" sollen in Europa freilich nur noch vier 601 L existieren. Foto: Sascha Rheker

Jana van Steen fand 2006 gleich zwei Mal ihre große Liebe in der ehemaligen DDR: ihren Mann fürs Leben, Enrico aus Stendal bei Magdeburg - und einen Trabant 601 L aus Dresden.

Dabei begreift sich die quirlige Postlerin aus Reichelsheim in der Wetterau ganz und gar nicht als typische Autonarrin. "Für den Blödsinn Geld ausgeben? Ich bin doch nicht verrückt", gab sie einen Postkunden zur Antwort, dem sie von ihrer bevorstehenden Hochzeit erzählte und der seinerseits von der Vermählung seiner Tochter berichtete und wie das Paar mit dem Trabant zum Standesamt gefahren war.

Die Wetterauerin fand jedoch zunehmend Gefallen an der Verbindung Ehemann in spe aus dem Osten und Hochzeitskutsche ebenso. "Im Internet bekommst du Trabis nachgeschmissen", bestärkten sie Freunde.

Die Notfarbe kam aus Resten des Lastwagenwerks

In Dresden wurde van Steen fündig. "Der wackelt ein bisschen beim Anfahren", warnte der Besitzer am Telefon. Obendrein machte die Farbe den Wagen nicht zu einer großen Attraktion. "Der ist braun wie die Biomüll-Tonnen", sagt die 26-Jährige. In dem "Biberbraun" sollen in Europa freilich nur noch vier 601 L existieren.

"Es war eine Notfarbe, die mangels anderer Lacke aus übrigen Farbbeständen des Lastenwagenwerkes der IFA zusammengemischt wurde", sagt die Trabant-Kennerin. 450 Euro zahlte sie für die "Rennpappe", inklusive Kofferraum voller Ersatzteile.

Für Autos gab es keinen Kredit

Je nach Ausstattung kostete der jetzt 31 Jahre alte Wagen damals ab Werk mindestens um die 13.000 Ost-Mark, erinnert sich Enrico van Steen. "Für alles konnte man in der DDR einen Kredit bekommen, nur nicht für Autos", sagt der Lokführer bei der Deutschen Bahn, der zum Zeitpunkt des Mauerfalls elf Jahre alt war.

Allerdings hatte man auch genug Zeit, um für den Trabi was auf die hohe Kante zu legen: "Nach Abgabe des Bestellscheins - Farbwünsche konnten nicht angegeben werden - vergingen 15 bis 20 Jahre, bis der Kunde den Wagen in Empfang nehmen konnte", erzählt der 31-Jährige. Die Bewunderung durch die Nachbarn habe sich dennoch in Grenzen gehalten.

"Bestaunt wurden die Fahrer von Lada, Moskwitsch, Skoda oder Wartburg", sagt er. Als Alltagsauto hat sich der Biberfarbene bei den van Steens nicht etabliert. Mit dem 26 PS starken Zweitakter unternehmen sie hauptsächlich Ausflüge in den Vogelsberg. "Jüngst waren wir mit dem Trabant an einer Oberurseler Schule eingeladen, die einen Aktionstag zum Mauerfall veranstaltetet", sagt Enrico.

Ein großer Auftritt steht dem Auto aus Zwickau noch bevor: Von Samstag bis Montag steht der Wagen dann im Kundencenter des Frankfurter Hauptbahnhofs. Am Montag werden die van Steens ab 14 Uhr Interessenten über das Erlebnis Trabant erzählen.

Michael Kröger fährt auf "Mercedes-Krenz" ab

Zum Teil skurrile Geschichten hat auch Michael Kröger parat. Der Mann aus Rodenbach (Main-Kinzig-Kreis) begann sich kurz vor der Wende für DDR-Autos zu interessieren. Für einen Kommilitonen sollte er aus Eisenach einen Wartburg abholen. "Den habe ich behalten, weil mir die Lenkradschaltung so gut gefiel", sagt der Ingenieur. Inzwischen hat Kröger fünf "Mercedes-Krenz" (in Anspielung auf den SED-Funktionär Egon Krenz) und einen Trabant in seinem Besitz - alle in dem Zustand, wie sie aus der ehemaligen DDR kamen.

"In den Autos spiegelt sich die Mangelwirtschaft des Staates wider - und wie die Bürger sich gegenseitig in dem Dilemma halfen", sagt Kröger: Wenn es mal Ersatzteile gab, wurde alles gekauft, was man kriegen konnte. Später tauschte man die Teile gegen das, was man wirklich für sein Auto benötigte.

Und das war viel, weil schon in der Produktion der Mangel an allem deutlich die Qualität gedrückt habe. So sei irgendwann das Auspuffblech dünner gewalzt worden, um mehr Schalldämpfer aus der gleichen Menge herstellen zu können. Das Bauteil rostete jedoch schneller durch.

Umso mehr lobt der Sammler die Kreativität der einstigen Wartburg- und Trabant-Besitzer, die "ihre Autos unheimlich gepflegt und gehegt haben". Den heizbaren Außenspiegel stellte man selbst her, indem man eine Glühbirne in das Spiegelgehäuse einbaute. Kröger bedauert deshalb, dass viele Besitzer darauf aus seien, ihr Fahrzeug aus dem einstigen IFA-Konzern zu "entindividualisieren" und in den Katalogzustand zurückzuversetzen.

Wenig Verständnis hat er auch dafür, wenn junge Westdeutsche mit Trabant & Co eine Ostalgiekultur betreiben oder mit dem Trabi als "flippig gelten wollen". "Bürger der DDR, die ausreisen durften, mussten ihr Auto an der Grenze abgeben", erzählt Kröger.

Der kurze Niedlich-Bonus

Nach der Wende und mit Einführung der Zwangsabgabe für den Aufbau Ost sei es mit dem "Niedlich-Bonus" für Besitzer von DDR-Autos bald vorbei gewesen: "Kommunist" und "Freund des Unrechtsregimes" bekamen sie von nun an zu hören, sagt der Sammler.

Auf der Straße sind Trabant und Wartburg kaum noch wohl gelitten. "Da wird schon mal nervig gehupt, weil man langsam von der Ampel wegkommt", sagt Michael Kröger. Für die tägliche Fahrt zur Arbeit möchte auch er auf den Komfort eines West-Autos nicht verzichten.

Infos: www.igwtb.de, www.trabantclub-mittelhessen.de

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