Lade Inhalte...

Prager Botschaft Bundesregierung will "Genschers Balkon"

Bislang ist die Bundesrepublik nur Mieter der Prager Botschaft. Jetzt will sie das berühmte Gebäude aus dem Wendejahr 1989 durch einen Tauschhandel ganz. Im Gegenzug bietet sie eine alte US-Botschaft. Von Felix Ehring

17.08.2009 09:08
Felix Ehring
Das Archivbild vom 29.09.1989 zeigt ein Teil des Zeltlagers auf dem Gelände der bundesdeutschen Botschaft in Prag, welches für die ausreisewilligen DDR-Bürger errichtet wurde. Foto: dpa

Auf Filmdokumenten sieht man ihn kaum. Der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (FDP) steht am Abend des 30. September 1989 auf dem Balkon der Prager Botschaft im Dunkeln, nur notdürftig von Scheinwerfern erhellt. Rund 4000 DDR-Flüchtlinge schauen zu ihm herauf, kleben an seinen Lippen. "Ruhe", zischeln einige. Dann spricht Genscher ins Mikrofon: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise ..." Weiter kann er nicht reden. Ein Jubel brandet auf, die DDR-Bürger verstehen, dass sie in die Bundesrepublik ausreisen dürfen. Und wieder ist die DDR ihrem Ende ein Stück näher.

Um diesen Ort deutsch-deutscher Geschichte bemüht sich der Bund, der das Palais Lobkowicz seit 1974 als Botschaftssitz mietet. Bislang erinnern eine Plakette auf dem Balkon und eine Trabi-Skulptur an die Ereignisse. Schon Mitte der 1990er Jahre gab es Kaufverhandlungen, die deutsche Seite konnte Tschechien aber nicht überzeugen. Nun stehen die Chancen für einen Kompromiss besser, denn Tschechien ist auf der Suche nach einer neuen Repräsentanz in Berlin und Deutschland bietet einen Tausch an: das Palais gegen die ehemalige Berliner US-Botschaft, einen Altbau mit Stuck-Verzierungen im Bundesbesitz. Auf einen Gutachter zur Bewertung der Immobilien haben sich beide Seiten bereits verständigt.

Das Auswärtige Amt verweist auf die "hohe symbolische Bedeutung" des Palais Lobkowicz. Auch der Historiker Jürgen Danyel vom Zentrum für Zeithistorische Forschung in Potsdam sieht in der Ausreisewelle einen "Katalysator" des Zusammenbruchs der DDR: "Die vielen Botschaftsflüchtlinge haben entscheidenden Druck aufgebaut und das Regime zum Handeln gezwungen."

Für Tschechien ist die derzeitige Botschaft in Berlin deutlich zu groß. Die Fassade aus Beton und braunem Glas wirkt wenig repräsentativ. Außerdem müsste das Gebäude aus den 1970er Jahren renoviert werden Es wird dem Baustil "Brutalismus" zugeordnet. Dabei handelt es sich um eine Entlehnung aus dem Französischen, aber auch im deutschen Wortsinn passt der Begriff haargenau. Das Gebäude ist gerade deswegen bei Veranstaltern beliebt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen